«Es darf beim Bankgeheimnis kein Denkverbot geben»

Die Schweiz müsse endlich zeigen, dass es ihr Ernst sei mit der Weissgeldstrategie, sagt Raiffeisenbank-Chef Pierin Vincenz. Dies könne nur mit einer international abgestützten Strategie gelingen.

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Sie haben ein Tabu gebrochen und in einem Gastkommentar in der Zeitung «Sonntag» vorgeschlagen, die Schweiz solle mit der EU über den automatischen Informationsaustausch verhandeln. Warum?
Die Schweiz ist wegen der weltweiten Diskussion über die Steuerhinterziehung nun schon seit Jahren in einer schwierigen Situation. Darum reden plötzlich alle von einer Weissgeldstrategie, und jeder meint etwas anderes. Jetzt geht es darum herauszufinden, was die beste Strategie ist. Tabus darf es keine geben.

Auch nicht mitten in den Auseinandersetzungen mit den USA über Datenlieferungen und bei den Verhandlungen mit Deutschland, wo es um eine Abgeltungssteuer geht? Torpedieren Sie nicht die Verhandlungen?
Nein, das glaube ich nicht. Ich bin nicht gegen eine Abgeltungssteuer, wenn es um die Legalisierung des Schwarzgeldes geht, das bereits in der Schweiz liegt. Eine solche Lösung braucht es mit Deutschland, mit den anderen europäischen Ländern und dringend auch mit den USA. Für die Zukunft aber stellt sich die Frage der Effizienz.

Inwiefern?
Wenn man mit all den umliegenden Ländern eine Abgeltungssteuer macht, so wird das sehr aufwendig, denn jedes Land hat eine eigene Definition, wie die berechnet werden soll. Zudem wird es laufend Anpassungen geben müssen. Noch komplizierter wird es, wenn es mit Deutschland zu einem Abkommen kommt, mit Frankreich aber nicht. Dann kommt wieder Druck aus Brüssel. Zudem: Mit den USA wird es ja sowieso zu einer Art freiem Datenaustausch kommen.

Sie glauben, eine Lösung des Steuerstreits mit den USA wird Vorbildcharakter haben?
Ja klar. Wenn die Amerikaner Tausende von Kundendaten bekommen, wollen das die Europäer auch. Das Wichtigste aber ist: Wir müssen endlich zeigen, dass es der Schweiz Ernst ist mit einer Weissgeldstrategie. Und dies wird letztlich nur möglich sein mit einer international abgestützten Strategie.

Nun gibt es neben den Europäern und den USA auch in Schwellenländern wie Indien und in Südamerika Diskussionen um unversteuerte Gelder, die angeblich in der Schweiz liegen sollen. Wie sollen wir damit umgehen?
Auch hier ist ein Umdenken angesagt, man kann auch nicht einfach weiterhin unversteuertes Geld aus diesen Regionen annehmen. Ich glaube, das geht nicht. Innert kurzer Zeit wird auch von dort her der Druck zunehmen, und Länder wie Indien und Brasilien sind heute starke Verhandlungspartner. Darum muss die Schweiz auch hier sagen, was sie unter einer Weissgeldstrategie versteht.

Ein Tabu gibt es noch, nämlich das Bankgeheimnis in der Schweiz für die Schweizer. Soll das beibehalten werden?
Unbedingt. Allerdings müsste in der Schweiz die schwere, fortgesetzte Steuerhinterziehung stärker unter Strafe gestellt werden. Hier muss die Diskussion darüber beginnen, was das für die Einsicht in die Kundendaten bedeutet. Meines Erachtens hat sich aber die gängige Praxis bereits geändert.

Zurück zum Steuerstreit. Wie soll denn Ihrer Ansicht nach die Politik in Bern weiter vorgehen?
Wichtig ist, dass man schnell Lösungen für die drängendsten Probleme, das heisst den Steuerstreit mit den USA und Deutschland, findet, damit man das Altgeld legalisieren kann. Dann geht es um die Strategie für die Zukunft. Dafür sollte man alle Optionen prüfen und bewerten.

Wer soll das tun?
Die Politik und die Wirtschaft gemeinsam. Genau so, wie dies bei der «Too big to fail»-Problematik vorgemacht wurde. Dort gab es eine Expertengruppe mit Exponenten aus allen Lagern, die sich auf eine gemeinsame Position einigen konnten. Das Ergebnis zeigte: Man hat eine Lösung gefunden, die international Vorbildcharakter hat und innenpolitisch breit genug abgestützt war, damit sie innert nützlicher Frist durchs Parlament kam und nun umgesetzt werden kann. Solche Lösungen, beruhend auf der Zusammenarbeit von Politik und Wirtschaft, braucht die Schweiz wieder mehr.

Kritiker in Ihrem eigenen Lager sagen trotzdem, Sie würden mit Ihrem Vorpreschen die Verhandlungsposition der Schweiz torpedieren.
Das sehe ich nicht so. Wenn nicht wundersamerweise alle Länder in Europa samt der EU-Kommission auf eine Abgeltungssteuer einschwenken, wie wir sie uns wünschen, wird man über die zukünftige Strategie sprechen müssen. Wenn nicht heute, dann spätestens in einem halben Jahr. Beim Streit um Schwarzgeld und ums Bankgeheimnis geht es um essenzielle Fragen des Schweizer Finanzplatzes. Da darf es keine Denkverbote geben. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 28.02.2012, 06:13 Uhr)

Seit 1999 Chef von Raiffeisen

Der Bündner Pierin Vincenz (55) ist seit 1999 Vorsitzender der Geschäftsleitung Raiffeisen Schweiz. Vor kurzem überraschte er die Bankenwelt mit der Übernahme des grössten Teils des Geschäfts der St. Galler Privatbank Wegelin, die ins Visier der US-Justiz geraten war. Das Wegelin-Geschäft heisst heute Notenstein Privatbank, Verwaltungsratspräsident ist Vincenz. Er gehört auch dem VR-Ausschuss der Schweizerischen Bankiervereinigung an. (TA)

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