Wirtschaft

«Es gibt keinen Grund, sich so ein Elektromobil anzuschaffen»

Interview: Norbert Raabe. Aktualisiert am 17.05.2011 115 Kommentare

Elektrisch betriebene Automobile wie das E-Mobil von Migros sollen den weltweiten Automarkt erneuern. In Deutschland fördert die Regierung die Entwicklung mit Milliardenbeträgen. Gut für die Umwelt? Greenpeace sagt: Nein!

1/7 Förderung von Elektro-Autos: Im Jahr 2020 sollen nach den Plänen von Kanzlerin Angela Merkel eine Million batteriebetriebene Automobile durch Deutschland rollen.
Bild: Keystone

Elektro-Mobile sollen die Strassen erobern

   

Scharfe Kritik an Förderung schwerer E-Autos: Wolfgang Lohbeck ist bei Greenpeace in Hamburg für das Dossier Verkehr verantwortlich.

Artikel zum Thema

Ehrgeiziges Förderprogramm in Deutschland

Um die Entwicklung und den Einsatz von Elektroautos zu fördern, stellt die Regierung allein in den kommenden zwei Jahren eine Milliarde Euro bereit. Damit soll vor allem Grundlagenforschung gefördert werden. Laut Kanzlerin Angela Merkel gilt als Ziel, bis zum Jahr 2020 eine Million Elektroautos auf die Strassen zu bringen.

Um den Absatz solcher Fahrzeuge zu fördern, sollen die Besitzer für zehn Jahre von der Kraftfahrzeugsteuer befreit werden. Darüber hinaus sollen Lenker bei Innenstadt-Parkplätzen privilegiert werden und womöglich auch Busspuren benutzen dürfen.

Merkel rechnet zu den förderwürdigen Fahrzeugen auch sogenannte «Plug-in-Hybride» und Autos mit einem Reichweitenverlängerer. Die Bundesregierung selbst will bis 2013 zehn Prozent ihrer Dienstwagenflotte mit Elektroautos bestreiten. (sda)

Stichworte

Korrektur-Hinweis

Melden Sie uns sachliche oder formale Fehler.

Herr Lohbeck, die deutsche Regierung will Elektromobile bis 2013 mit einer Milliarde Euro fördern, um den Ausstoss klimaschädlicher Gase zu reduzieren. Gleichwohl sind Sie dagegen. Was spricht gegen die Konzentration auf batteriebetriebene Fahrzeuge?
Die Regierung will eben nicht Elektro-«Mobile» fördern, sondern Autos, das ist ein grosser Unterschied. Aus Sicht des Umweltschutzes spricht alles gegen Elektroautos: zu schwer, zu gross, zu ineffizient. Der Weg zu geringeren Emissionen führt zunächst über eine drastische Verringerung des Verbrauchs bei den konventionellen Autos.

Was wäre dann eine bessere Alternative?
Es kommt gar nicht auf den Antrieb an, sondern auf das Fahrzeug. Ob konventionell oder elektrisch: der Energieverbrauch muss drastisch sinken, und dafür müssen wir uns mit leichten und effizienten Fahrzeugen bewegen. Nicht mit einem 1,4-Tonnen-Auto.

Auch in technischer Hinsicht sind reine Elektromobile umstritten. Fachleute bezweifeln, dass die Batterie-Technologie eine ausreichende Reichweite gewährleisten wird. Gibt es da wirklich eine technologische Barriere?
Die Batterie ist die grosse Hürde. Es wird aber immer so getan, als ob man es mit einer neuen Technologie zu tun habe, die demnächst Quantensprünge erwarten liesse. Dem ist aber nicht so. Die Batterietechnik ist im Kern eine ausgereifte und massenhaft produzierte Technik, wenn auch noch nicht im Automassstab. Man rechnet sich die geringe Reichweite und langen Tankzeiten dadurch schön, dass man die E-Autos als Stadtautos propagiert. Das ist eine argumentative Notlösung: Es werden ständig Äpfel, nämlich konventionelle Autos, mit Birnen verglichen, den sogenannten Stadtflitzern.

Der Verkehrsclub Schweiz hat in einer Bewertung der Umweltfreundlichkeit von Autos im Februar einen Hybrid und ein Erdgas-Auto auf die vorderen Plätze gesetzt...
E-Autos bedeuten eben keine Entlastung für die Umwelt, und sie tragen nichts zu einer besseren Mobilität bei. Aber man sollte unterscheiden zwischen dem Lobbyismus für Elektro-«Autos» und den Möglichkeiten leichter und vor allem bezahlbarer E-«Mobile». Die haben im Konkurrenzkampf auf der Strasse aber nur eine Chance, wenn die Dominanz der schweren Autos zurückgedrängt wird.

Weltweit wird weiterhin nach Ölquellen gesucht. Wie sehen Sie die Zukunft der Verbrennungsmotoren? Und wo erwarten Sie dort Verbesserungen für den Umweltschutz?
Natürlich wird die Mobilität langfristig elektrisch sein, doch in den nächsten Jahrzehnten wird leider der Verbrennungsmotor dominieren. Das Potenzial liegt, rein technisch, vor allem im Bereich des «Downsizing & Supercharging», also einer radikalen Verkleinerung des Motors und in Verbindung damit der Hoch-«Aufladung», also Kompression der Verbrennungsluft. Wir haben das schon vor 16 Jahren mit einer schweizerischen Entwicklungsfirma vorgemacht und gezeigt, dass man mit dieser Technik den Verbrauch ganz normaler Autos halbieren kann – ohne Einbussen an Leistung, Komfort oder Sicherheit.

Einige Hersteller arbeiten bereits sehr intensiv daran, die Fahrzeuge deutlich leichter zu machen...
Das Gewicht ist das Hauptproblem. Wenn sich die Hersteller und die Kunden entschliessen würden, «Premium» nicht mehr darin zu sehen, dass ein Auto zwei Tonnen wiegt, wären wir auf dem richtigen Weg. Das Elektrofahrzeug würde sich, wenn Autos weniger dominant wären, parallel dazu entwickeln.

Der Schweizer Grosshändler Migros hat seit dem vergangenen Herbst rund 80 seiner E-Mobile verkauft. Und auch in den USA war der Verkauf von E-Mobilen zuletzt enttäuschend – zum Teil wohl wegen des hohen Preises. Glauben Sie, dass die Kunden bereit wären, für die neue Technologie mehr zu bezahlen?
Wozu sollten sie das? Sie bekommen ein Fahrzeug, das nur einen Bruchteil dessen kann, was sie gewöhnt sind. Dazu kommen noch die bekannten Einschränkungen bei Ladezeiten und Reichweiten. Es gibt keinen vernünftigen Grund, sich so ein Elektromobil anzuschaffen - es sei denn, jemand glaubt, er tue dem Klima etwas Gutes. Und das ist eben auch nicht der Fall.

Falls Elektroautos für den Massenmarkt wirklich keine Zukunft haben sollten: Könnten sie nicht als technologischer Zwischenschritt geeignet sein? E-Tankstellen könnte man schliesslich auch für Hybrid-Fahrzeuge brauchen...
Ein Zwischenschritt wohin? Zur Vermarktung konkurrenzfähiger kleiner E-Fahrzeuge bedarf es keines Zwischenschritts; das ist heute schon möglich. Der «Zwischenschritt» lenkt aber von den realen Möglichkeiten ab, die die konventionellen Autos heute schon hätten.

Elektroautos könnten laut vielen Fachleuten dennoch Sinn machen - wenn sie mit nachhaltig gewonnenem Strom betrieben würden. Audi beispielsweise will mit eigenen Windkraftparks auch Ökostrom anbieten. Was halten Sie von einem solchen Modell?
Das geht in eine richtige Richtung. Es sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass das eigentliche Problem das Auto an sich ist. Und auch bei «grünen» Fahrzeugen werden es dann eben immer noch grosse Automobile sein, die Strassen verstopfen und Mobilität verhindern.

Mit eigens erzeugtem Ökostrom konkurrenziert ein Autofabrikant aber die Energielieferanten. Könnte das in Zukunft ein brauchbares Modell werden? Und müsste sich Greenpeace über solche Ansätze einer «Liberalisierung» nicht freuen?
Wir würden es sicher begrüssen, wenn der Strom nicht mehr von einem der grossen Atomstromhersteller käme, sondern wenn die Autofirma sich dafür verbürgen würde, jede Kilowattstunde Autostrom tatsächlich und transparent zusätzlich ins Netz zu bringen. Vielleicht ist genau das sogar der kritische Punkt zur Herstellung der Glaubwürdigkeit des Strombezugs.

Eine Konzentration auf erneuerbare Energien, etwa aus Windkraft oder Wasserkraft, würde erfordern, dass Strom in grossen Mengen gespeichert und «abrufbar» wird. Wären elektrische Autos geeignet, ein künftiges Speichernetz zu unterstützen?
Nein, das wären sie nicht. Selbst eine Million E-Autos, die sich die deutsche Regierung vorstellt, kann nur eine minimale Menge speichern. Das macht schon aus der Mengenbetrachtung keinen Sinn. Es macht aber auch noch aus einem anderen Grund wenig Sinn: Autobatterien sind spezialisierte und teure Anwendungen. Um Strom stationär zu speichern, reichen normale Industriebatterien – zu einem Bruchteil der Kosten.

Wie sähe die Vision von Greenpeace für den Personenverkehr auf der Strasse aus?
Wenn die Dominanz des Autos gemindert wäre, würden sich parallel jede Menge alternativer Verkehrsmittel entwickeln: «blühende Mobilitätslandschaften» sozusagen. Was es dann alles geben wird, kann man heute noch gar nicht abschätzen. Es werden kleine und leichte Fahrzeuge sein – verbunden mit Dutzenden denkbarer Geschäftsmodelle, die darauf basieren, Verkehrsträger zu vernetzen, und auf dem Prinzip «Nutzen statt besitzen».

Und wie realistisch erscheint Ihnen dies derzeit?
Die Entwicklung läuft heute leider genau in die falsche Richtung – und das noch unter dem Fähnchen der Elektromobilität. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 17.05.2011, 14:22 Uhr

115

Kommentar schreiben

Verbleibende Anzahl Zeichen:

No connection to facebook possible. Please try again. There was a problem while transmitting your comment. Please try again.

115 Kommentare

Peter Müller

17.05.2011, 14:53 Uhr
Melden 35 Empfehlung

Ich hoffe, dass D und CH nach Japan wieder zu einer normalen Vernunft finden. KKWs dort, und so wenig wie möglich, wo es sinnvoll ist, Elektro, wo es sinnvoll ist, und Oel, Benzin dort, wo es sinnvoll ist. Es gibt nicht nur alternative Energien, nicht nur Wind und Sonne, oder fossile Energie, oder Atomenergie. Man muss die diversen Energien sinnvoll und vernunftsmässig einsetzen, emotionslos. Antworten


Peter Müller

17.05.2011, 15:07 Uhr
Melden 29 Empfehlung

Wenn wir kleinere und vor allem leichtere Autos wollen müssen wir unweigerlich auch den heutigen Sicherheitswahn in Frage stellen. Sind wir dazu bereit? Antworten



Wirtschaft

Populär auf Facebook Privatsphäre


Familie, Beruf und Studium

Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.

Live @ Sunset

11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!

Online-Kadermarkt

ALPHA.CH: der online-Kadermarkt der Schweiz.

Online-Kadermarkt

ALPHA.CH: der online-Kadermarkt der Schweiz.