«Es werden noch mehr Qualitätsunternehmen in Schieflage geraten»

Die Zeitungskrise in Deutschland hat ihre ersten Opfer: Die «Frankfurter Rundschau» steht vor dem Aus, die «Financial Times Deutschland» vermutlich bald. Wie ist die Entwicklung einzuschätzen? Medienökonom Matthias Karmasin hat Antworten.

In finanzieller Schieflage: «Frankfurter Rundschau». 
Bild: Keystone

In finanzieller Schieflage: «Frankfurter Rundschau». Bild: Keystone

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Herr Karmasin, die Printkrise findet unter Deutschlands Tageszeitungen ihr erstes prominentes Opfer. Die Gesellschafter DuMont Schauberg und die SPD-Verlagstochter ddvg wollen kein Geld mehr in die «Frankfurter Rundschau» investieren. Der Verlag hat gestern Insolvenz angemeldet. Was halten Sie davon?
Solche Nachrichten sind natürlich schlimm, bleiben allerdings Einzelfälle. Der Untergang der «Frankfurter Rundschau» bedeutet nicht den Untergang der ganzen Zeitungsbranche. Es ist klar, dass die Medienlandschaft vor einer Bereinigung steht. Es soll ja auch dem Vernehmen nach bald die «Financial Times Deutschland» treffen. Aber ich will auch hier betonen, dass damit nicht die ganze Branche plötzlich auf dem Kopf steht.

Die «Frankfurter Rundschau» und die «Financial Times Deutschland» sind Traditionsblätter. Das kann doch nichts Gutes bedeuten, wenn diese zwei Zeitungen bald nicht mehr erscheinen.
Das ist richtig. In den USA können wir schon länger beobachten, dass immer mehr Traditionsblätter in Schieflage geraten. Aber ich will es mal so formulieren: Tradition lässt sich nur in ganz seltenen Fällen in Kapitalmärkten kapitalisieren. Die Bank gibt niemandem aus Tradition einen Kredit. Und wenn irgendeinmal die Eigenkapitaldecke eines Unternehmens zu dünn ist, dann verschwindet es. Kodak war auch ein Traditionsunternehmen und verschwand, weil es die Digitalfotografie verschlafen hat.

Die «Frankfurter Rundschau» hat in jüngster Vergangenheit Innovation gezeigt. Ihre iPad-Projekte haben in der Branche grosse Beachtung gefunden.
Die «Frankfurter Rundschau» ist sicher nicht wegen Innovationsmangel in diese Situation geraten.

Was hat die Zeitung falsch gemacht?
Man kann es mit der Einführung der mechanisch betriebenen Webstühle vor 200 Jahren vergleichen. Damals hat der einzelne Weber auch nichts falsch gemacht. Auch die Pferde auf dem Acker wurden von der Dampfmaschine ersetzt. Ich will damit sagen, dass diese Insolvenz Ausdruck eines tief greifenden Strukturwandels ist. Und der betrifft Unternehmen, auch wenn sie nichts falsch gemacht haben. Was hat die «Los Angeles Times» falsch gemacht? Was hat die «Washington Post» falsch gemacht? Was hat der «Baltimore Harold» falsch gemacht?

Sind die «Frankfurter Rundschau» und die «Financial Times Deutschland» Vorboten einer tiefen Zeitungskrise in Deutschland?
Offensichtlich ist es unter den Bedingungen einer kapitalistischen Informationsgesellschaft nicht mehr in ausreichendem Mass möglich, Medien über den Markt zu refinanzieren.

Die Zeitung als Auslaufmodell?
Nein, das würde ich nicht sagen. Offensichtlich geht die Finanzierung über diese Märkte nicht. Das heisst aber nicht, dass wir Abschied vom Qualitätsjournalismus nehmen müssen.

Aber im Internet lässt sich Qualitätsjournalismus auch nicht refinanzieren.
Man muss sich künftig überlegen, was wichtiger ist: die Qualität des Marktes oder die Qualität der Demokratie. Wir werden also über Presseförderungen oder eine Mediensteuer sprechen müssen. Die Debatte wird kommen, ob der Public Value nur bei den elektronischen Medien, also den öffentlich-rechtlichen Sendern, geleistet werden wird. Oder ist Journalismus ein öffentliches Gut, das von der öffentlichen Hand finanziert werden muss? Ich sehe beispielsweise nicht ein, warum die Regierungen in Europa so viel Geld in die Bankenbranche pumpen und die Medienbranche leer ausgeht. Die Refinanzierungsmodelle im Journalismus werden nicht besser.

Das ist keine so gute Botschaft.
Aus der Medienökonomie wissen wir, dass der Medienmarkt einer der Märkte ist, die Marktversagen systemimmanent eingebaut haben. Das hat man auch immer schon gewusst. Deshalb hat man ihn immer auch im Auge behalten, weil er für die Demokratie so wichtig ist. Es werden noch einige Qualitätsunternehmen in Schieflage geraten und vom Markt verschwinden. Die Frage ist: Will ich das, oder bin ich an einer Demokratie und an einer Meinungsvielfalt interessiert? Diese Debatte werden wir demnächst intensiv führen.

Wie brutal wird das Jahr 2013 für die Zeitungshäuser?
Es kommt darauf an, wie sich die Weltwirtschaft entwickelt. Wenn sich die Wirtschaft weiterhin so schleppend entwickelt und die EU einzelne Staaten vor dem Kollaps retten muss, dann wird es ganz brutal. Es hängt viel von der Entwicklung der Gesamtkonjunktur ab. Und die wird nicht positiv.

Die Medienbranche steckte vor zwei Jahren genauso in einer schweren Krise. Sehen Sie einen Unterschied?
Man muss zwischen exogenen und endogenen Krisen unterscheiden. Eine exogene Krise wird von einem Umstand herbeigeführt, den man nicht beeinflussen kann: Immobilienblase, Bankencrashs. Da hat man kurzfristig einfach weniger Einnahmen. Bei einer endogenen Krise handelt es sich um langfristige Entwicklungen. In der Medienwelt sind das die Digitalisierung, die Konvergenz und die Globalisierung des Contents. Die Medienrezeption und die Medienproduktion ändern sich. Fehlen während einer solchen Veränderung die Werbeeinnahmen und sonstigen Erlöse, wird die Krise verschärft.

Wie gut ist die Medienbranche auf die Digitalisierung vorbereitet?
Es gibt Unternehmen, die sind sehr gut vorbereitet. Axel Springer zum Beispiel investiert sehr viel. Aber ein Grossteil der Unternehmen tat lange so, als würden ihn die Veränderungen nicht betreffen, als ob gedrucktes Papier weiterhin das tragende Ertrags- und Geschäftsmodell ist. Ich würde es zwar nicht so radikal sehen, denn Zeitungen wird es immer geben. Aber in absehbarer Zeit wird sich die Frage stellen, wie man mit der Entwicklung rundherum umgeht. Paradoxerweise sind die Traditionsunternehmen, die eine wirklich lange Geschichte haben, im Wandel schwerfälliger als Newcomer. Im Fernsehbereich sind die Akteure wesentlich agiler.

Können Bezahlmodelle im Internet den Durchbruch bringen?
Ich bin sehr skeptisch. Die Paywall allein als Erlösmodell wird es nicht sein. Ich befürchte, dass man im Internet eine Generation herangezüchtet hat, die sich an Gratisangebote gewöhnt hat. Im Internet gibt es immer Inhalte. Die Frage ist nur, welche Qualität der Content hat. Die Medienbranche hat es nicht geschafft, den Leuten klarzumachen, dass Qualität ihren Preis hat. Lustigerweise haben das andere Industrien hingekriegt. Wenn ich an Wasser oder Schokolade denke, bezahlen Menschen für Markenprodukte das Vielfache. Die Preiselastizität ist im Onlinebereich extrem hoch. Wenn ich den Preis ein bisschen erhöhe, wandert die Nachfrage komplett ab. Und deshalb sind wir schnell wieder bei Subventionsgeldern und der Frage, wie wir die Presse in Zukunft finanzieren. Wir mussten in den letzten Jahren lernen, dass der Markt nicht mehr hergibt. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 14.11.2012, 11:49 Uhr)

Stichworte

Kritischer Beobachter: Matthias Karmasin, Medienökonom und Professor.
Bild: adi, google

Zur Person

Matthias Karmasin ist Medien- und Kommunikationswissenschaftler. Er forscht und lehrt als Professor für diese beiden Fachgebiete an der Universität Klagenfurt.

Belegschaft glaubt an die «Frankfurter Rundschau»

Die angesehene linksliberale «Frankfurter Rundschau» steht vor dem Ende. Gestern wurde bekannt, dass die Gesellschafter DuMont Schauberg und die SPD-Verlagstochter ddvg kein Geld mehr investieren wollen. Allein DuMont soll seit 2004 rund 136 Mio. Euro versenkt haben, 2012 soll das Defizit 16 Mio. Euro betragen. Der Verlag hat am Dienstagvormittag beim Amtsgericht Frankfurt Insolvenz angemeldet. Die Pleite kommt nicht überraschend: Seit Jahren kämpft der Verlag um seine Existenz. Praktisch alle Spar- und Notmassnahmen blieben angesichts sinkender Auflagen und wegbrechender Anzeigenumsätze wirkungslos.

Aufgeben will die Belegschaft nach dem Insolvenzantrag nicht. Man sucht Möglichkeiten, das Erscheinen des Blattes dauerhaft zu sichern. Als Alternative wird ein Genossenschaftsmodell nach dem Vorbild der taz gesehen. Auf der Titelseite schreibt die Redaktion: «Es ist nicht das Ende der ‹Frankfurter Rundschau›.» Weiter ist zu lesen: «Wir werden Ihnen weiterhin jeden Tag eine Zeitung nach Hause oder an den Kiosk liefern, die lohnt, gelesen zu werden.» Bis Januar hat der Insolvenzverwalter Zeit, einen Investor zu finden.

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