Wirtschaft
Ex-Chef greift Nespresso an
Von Romeo Regenass. Aktualisiert am 06.03.2010 4 Kommentare
Die edlen Kapseln von Nespresso: Bald sollen ähnliche Produkte in Supermärkten stehen. (Bild: Keystone)
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Bald 3 Milliarden Franken Umsatz
Keine von Nestlés Milliardenmarken wächst rascher als Nespresso. Seit dem Jahr 2000 sorgt der noble Kaffee aus der Kapsel Jahr für Jahr für Wachstumsraten von 30 Prozent. 2009 brachte es Nespresso auf 2,7 Milliarden Franken Umsatz, in 50 Ländern werfen sich 4500 Mitarbeitende für die Marke ins Zeug. Die Kapseln, welche für die ganze Welt im Waadtland hergestellt werden, sind nur in den exklusiven Nespresso-Boutiquen oder im Internet zu kaufen. Dies gilt für China, wo in diesen Tagen der vierte Shop eröffnet wurde, genauso wie für die Schweiz, wo es knapp 20 Boutiquen gibt. 2012 laufen diverse Patente von Nespresso aus.
Einmal Nespresso, immer Nespresso: Wer eine Maschine für den edlen Kaffee von Nestlé (NESN 54.8 0.27%) kauft, ist Gefangener des Systems: Passende Kapseln gibt es lediglich via Internet oder in wenigen luxuriös eingerichteten Boutiquen. Dort wird die Kapsel zum Kultobjekt hochstilisiert. Dass man dafür ab und zu Schlange stehen muss wie früher in der DDR, gehört zum Konzept. Exklusivität durch Verknappung heisst die Devise.
Anwälte klärten Patente ab
Das passt nicht jedem Liebhaber von Nespresso. Viele wünschen sich Kapseln, die sich in jedem Supermarkt kaufen lassen. Der Unternehmer Jean-Paul Gaillard hat darauf eine Antwort: Zwei Jahre hat der Westschweizer an Kapseln gearbeitet, die in die Maschinen von Nespresso passen, aber deutlich günstiger und erst noch ökologisch sind. Zwei Anwaltskanzleien haben für ihn abgeklärt, dass damit keine der zahlreichen Patente des Giganten Nestlé verletzt werden.
Gaillard ist nicht irgendwer: Nach 1988 war er zehn Jahre lang Chef von Nespresso und hatte in dieser Funktion die Idee des exklusiven Klubs lanciert. Gaillard hatte der profanen Kapsel die Exklusivität eingehaucht, die sie zum Objekt der Begierde werden liess. Nun konkurrenziert der Manager, der Nestlé Ende der Neunzigerjahre verlassen hat, seinen früheren Arbeitgeber. Seine Kapseln sollen über 20 Prozent günstiger sein als jene von Nespresso. Diese sind mit mindestens 50 Rappen pro Stück nicht gerade billig. Bei geschätzten Herstellungskosten von rund 10 Rappen ergibt sich eine schöne Bruttomarge – sowohl für Nestlé wie für den Herausforderer.
Produktion wird laufend erhöht
Im Gespräch mit dem TA bestätigt Gaillard, einen weiteren Trumpf im Ärmel zu haben: Seine Kapseln bestehen aus pflanzlichen Fasern und sind biologisch abbau- und kompostierbar. Jene von Nespresso müssen separat entsorgt werden und weisen eine wenig vorteilhafte CO2-Bilanz auf.
Hinter dem Projekt steht Gaillards Freiburger Firma Ethical Coffee Company. Potente private und institutionelle Investoren aus Belgien, Frankreich, der Schweiz und Italien – unter anderem Firmen aus dem Umfeld der Textildynastie Benetton – sollen ein Startkapital von 20 Millionen Euro gesprochen haben. Produzieren lässt Gaillard die Kapseln in Frankreich, wo er die anfängliche Produktionskapazität von 300 Millionen Stück alle sechs Wochen um 100 Millionen erhöhen will.
Auch die Migros zeigt Interesse
In Frankreich findet sich auch der erste grosse Abnehmer. Der Handelskonzern Casino mit 7500 Super- und Hypermärkten bringt Anfang Mai die ersten mit Nespresso kompatiblen Kapseln in die Läden, wie die Tageszeitung «Le Figaro» gestern schrieb. In der Schweiz sollen laut Gaillard Coop und Manor interessiert sein; er sei mit den entsprechenden Bereichsleitern in Kontakt. Doch beide Pressestellen winken ab: «Es gab keine Gespräche mit Herrn Gaillard.» Nach der Publikation im «Figaro» liefen Gaillards Telefone jedoch heiss; Detailhändler aus halb Europa, darunter die Migros, zeigten Interesse.
Das erstaunt wenig. Jeder Detailhändler weltweit muss ein Interesse an alternativen Nespresso-Kapseln haben. Schliesslich wird das Original über Nestlés eigene Kanäle verkauft, davon haben die Händler nichts. Einzig die Maschinen, die absichtlich relativ wenig kosten, darf der Handel für den Weltkonzern verkaufen.
Nespresso bald am Zenit?
Bei Nespresso macht man derweil gute Miene zum bösen Spiel. «Konkurrenz ist gesund, am Ende des Tages entscheidet der Konsument», heisst es. Tiefere Preise kämen nicht in Frage, denn man verkaufe höchste Qualität und eine exklusive Dienstleistung, die es im Supermarkt so gar nicht gebe. Dennoch stellt sich die Frage: Hat Nestlés Goldgrube schon bald den Zenit erreicht?
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 06.03.2010, 07:02 Uhr
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