«Exzesse lösen oft Gegenexzesse aus»

45 Wirtschaftsgrössen unterschrieben ein Manifest gegen die 1:12-Initiative. Darunter auch Victorinox-Patron Carl Elsener, in dessen Betrieb 1:6 herrscht.Was waren seine Beweggründe?

Victorinox-CEO Carl Elsener sagt, die Medien und die Politik sollen Druck auf die Spitzenverdiener ausüben, um das Problem der grossen Lohnunterschiede zu lösen.

Victorinox-CEO Carl Elsener sagt, die Medien und die Politik sollen Druck auf die Spitzenverdiener ausüben, um das Problem der grossen Lohnunterschiede zu lösen. Bild: Salvatore di Nolfi/Keystone

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Sie haben in Ihrem Unternehmen eine 1:6-Lohnstruktur eingeführt – weshalb?
Wir haben eigentlich nichts eingeführt, das hat sich über die Jahre so ergeben. Das ist auch keine Vorgabe, an der wir strikte festhalten – ich gehe jedoch davon aus, dass sich dieses Verhältnis in den nächsten Jahren nicht gross ändern wird. Ich bin der Meinung, dass der Erfolg der Victorinox nicht von einer Person abhängig ist. Deshalb wollen wir alle Mitarbeitenden am Erfolg beteiligen und bewusst ungesunde Übertreibungen verhindern.

Trotzdem sind Sie gegen die 1:12-Initiative.
Das ist kein Widerspruch. Ich bin selbst der festen Überzeugung, dass ein Land langfristig nur dann erfolgreich bleibt, wenn es imstande ist, die Eigeninitiative und Selbstverantwortung zu fördern: von jedem Einzelnen, aber auch von den Unternehmen. Mit jedem weiteren staatlichen Eingriff, jeder weiteren Regulierung wird diese Selbstverantwortung eingeschränkt und damit geringer. So geht es beispielsweise Ländern mit starken Regulierungen heute weniger gut.

Gesetze schwächen also das Land?
Dieses Gesetz klar ja. 90 Prozent aller schweizerischen Unternehmen bezahlen nicht exzessive Löhne und würden durch die 1:12-Initiative eingeschränkt – es bedeutet für sie mehr Aufwand, mehr Kosten, mehr Kontrollen und weniger Konkurrenzfähigkeit. Zudem hat die kleine Minderheit, die über den Strang geschlagen hat, bereits die Lösungen in der Schublade, um die 1:12-Initiative auszuhebeln.

Eine Lohnexplosion in den letzten Jahren können Sie aber nicht wegdiskutieren.
Ja, bei einer kleinen Minderheit ist sicher übertrieben worden, das war und ist nicht gut. Es gibt immer wieder Übertreibungen auf die eine oder andere Seite. Exzesse lösen oft Gegenexzesse aus. Die Initiative der Jungsozialisten ist eine Reaktion auf einen solchen Exzess, die aber das Problem wegen der obengenannten Gründe nicht löst.

Was ist denn die Lösung für das Problem?
Die Politik und die Medien sollen intensiv Druck auf die wenigen betroffenen Personen und Unternehmen ausüben, damit sie sich selbst einschränken.

Das ist doch blauäugig.
Schauen Sie, bei Herrn Vasella hat es funktioniert.

Nicht alle Spitzenverdiener sind so exponiert, so bekannt wie Herr Vasella.
Ich denke, es ist bekannt, in welchen Firmen übertrieben wird. Ausserdem sollten wir das Instrument der Generalversammlung nutzen, die Aktionäre können heute einen grösseren Einfluss auf die Topsaläre nehmen. Wenn die Aktionäre der Meinung sind, der Geschäftsführer verdiene einen spezifischen Lohn, dann soll man das akzeptieren.

Hätten Sie Spielraum bei Ihrer Lohnstruktur, wenn ein Konkurrenzunternehmen einen Mitarbeiter abwirbt?
Viele, die bei uns Kaderfunktionen innehaben, sind bei Victorinox gross geworden, haben hier die Lehre gemacht, sind vielleicht für ein paar Jahre bei anderen Unternehmen gewesen und danach zurückgekommen. Sie arbeiten gerne hier und schätzen die Unternehmenskultur. Wir haben diese Situation bisher noch nicht erlebt. Doch wenn jemand kündigt, dann bitte ich ihn nicht, zu bleiben.

Sie machen regelmässig Gewinne, zahlen Ihren Aktionären aber keine Dividende aus – was machen Sie mit den einbehaltenen Gewinnen?
Diese Gewinne investieren wir ins Unternehmen oder bilden Reserven, um schwierige Zeiten zu überstehen. In einer Rezession investieren wir antizyklisch – beispielsweise in Werbung oder in die Erschliessung neuer Märkte.

Zum Schluss: Können Sie nachvollziehen, dass es den Chefredaktor der «Handelszeitung» gemäss dem Online-Portal persönlich.ch besonders gefreut hat, Ihre Unterschrift auf dem Manifest zu sehen?
(lacht) Das wusste ich nicht. Vermutlich, weil unser Lohnverhältnis von der 1:12-Initiative nicht direkt betroffen wird und wir uns trotzdem gegen die Initiative aussprechen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 14.11.2013, 12:17 Uhr

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Victorinox

Die «Handelszeitung» hat 45 Unterschriften von Schweizer Wirtschaftsgrössen zusammengetragen, die gegen die 1:12-Initiative votieren. Darunter sind Personen wie Peter Spuhler, Hansueli Loosli oder auch Carl Elsener (55), der Patron von Victorinox.

Victorinox wurde 1884 gegründet, beschäftigt weltweit rund 1800 Personen und macht einen Umsatz von 500 Millionen Franken. Die Betriebszugehörigkeit der Mitarbeiter liegt bei durchschnittlich 20 Jahren.

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