Falschaussage unter Eid

Der Hauptzeuge gegen die Schweizer Banken in Frankreich, Pierre Condamin-Gerbier, hat ein Problem mit der Wahrheit.

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Wurde schon einmal wegen Spesenbetrugs verurteilt: Pierre Condamin-Gerbier. Foto: Christophe Morin (Keystone)

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Die Vorwürfe, die in Frankreich gegen die Schweizer Banken erhoben werden, sind schwer. Besonders im Fokus stehen die UBS und die kleine Privatbank Reyl. Seit auskam, dass der ehemalige Budgetminister Jérôme Cahuzac in der Schweiz ein Schwarzgeldkonto hatte, wetteifern die französischen Politiker mit der Einsetzung von Untersuchungsausschüssen und Hearings. Zuletzt letzten Mittwoch im französischen Senat. Hauptzeuge ist Pierre Condamin-Gerbier, ein Vermögensverwalter aus Genf, der innert 20 Jahren elfmal die Stelle wechselte.

Gerbier, wie er eigentlich heisst, ist 43 und französischer Staatsbürger aus Saint-Etienne. Nach seinem Studium stieg er 1994 in die Vermögensverwaltung ein. Sein erster Kunde war laut eigenen Angaben Jean-Louis Chancel, ein reicher Franzose mit eigenem Schloss und Weingut im Rhonetal. Und so reich, dass er sich ein Family-Office leistet, für das er den damals gut 24-Jährigen einstellte. Zu den weiteren Annehmlichkeiten, die sich Chancel angeblich leistete, gehörte eine Privatbank in Guernsey, mit der sich laut Gerbier prächtig Steuern sparen liessen. So weit ist die Schilderung seines Lebens, die kürzlich auf dem französischen Internetportal Mediapart erschien, durchaus glaubwürdig. Doch ansonsten erzählt Gerbier eine ziemliche Räuberpistole über seine Zeit mit Chancel. An einem Samstag Mitte der 90er-Jahre soll er in Guernsey einen Telefonanruf erhalten haben mit folgendem Inhalt: Madame Chancel sei in Courchevel, einem Nobelskiort in den französischen Alpen. Sie sei bestohlen worden und nun mit ihren Kindern ganz ohne Geld. Gerbier solle sich unverzüglich nach Genf begeben und dort eine Million abheben, damit Madame wieder flüssig sei.

Geldübergabe mit Helikopter

Gerbier beschreibt dann, wie er unverzüglich nach Genf reiste und dort eine Million Franken Cash bei der Credit Suisse abholte. Nach einigen Mühen gelang es ihm angeblich, den Leiter der Filiale, einen gewissen François Beausoleil, dazu zu überreden, ihm die Million auszuhändigen. Dann sei er per Privat-Helikopter nach Courchevel geflogen und habe das Geld übergeben. Was unglaublich tönt, wird noch mysteriöser, wenn man weiss, dass Beausoleil nie für die CS arbeitete, sondern immer für die UBS.

Wie dem auch sei, später trennte sich Gerbier von Chancel und machte sich in London selbstständig. Sein Büro wurde später aufgekauft von der Neuenburger Privatbank Bonhôte. Für die kam Gerbier in die Schweiz. Lange dauerte die Zusammenarbeit nicht. Wie es 2005 zur Trennung kam, ist umstritten. Laut eigenen Angaben wurde er und sein Family-Office der UBS verkauft. Andere sagen, dass er gehen musste, weil unbezahlte Rechnungen von Bijouterien auftauchten, die bei der Bank landeten.

Bei der UBS blieb Gerbier nicht lange. Er wurde Anfang 2006 entlassen und es kam zu einem Strafverfahren wegen Spesenbetrugs. Nachgewiesen wurde ihm in 192 Fällen der Einsatz einer UBS-Kreditkarte für private Zwecke. Deliktsumme 40'220 Franken 85 Rappen, begangen zwischen dem 16. Mai und dem 27. Dezember 2005. Dafür wurde er wegen Veruntreuung zu drei Monaten bedingt, zu einer Busse von 200 Franken und zur Zahlung von 220 Franken Verfahrenskosten verurteilt, wie im Urteil nachzulesen ist. Gerbier war geständig und als Motiv gab er an, er hätte seine Mutter finanziell unterstützen müssen. Erwähnt wurde zudem eine Berufungsmöglichkeit. Doch das Verdikt wurde nicht angefochten und ist darum rechtskräftig.

Interessant sind die Details des Urteils, weil Gerbier vor dem französischen Senat unter Eid behauptete, er habe die Karte nur einmal eingesetzt und dann das Geld sofort wieder zurückbezahlt*. Das widerspricht dem Urteil und ist darum eine Falschaussage. Doch damit nicht genug: Gegenüber der Westschweizer Wirtschaftszeitung «L’Agefi» behauptete er, er hätte keine Berufung einlegen können. Vor dem Senat sagte er, er hätte keine Berufung eingelegt, weil er nach vorne schauen wollte. Und am letzten Samstag sagte er in der «Tribune de Genève», er sei entlassen worden, weil er Missstände bei der UBS aufdecken wollte.

Vorstrafen und Entlassungen

Nach dem Rauswurf bei der UBS nannte er sich plötzlich Condamin-Gerbier – der Name Condamin kommt angeblich von seiner Mutter – und setzte seine Karriere bei der Bank Reyl fort, bis er im Januar 2010 entlassen wurde. Gemäss der Zeitung «L’Agefi» wurde er auch dort entlassen, weil er in finanzielle Schwierigkeiten geriet. Offenbar hat er die Verurteilung im Fall UBS bei der Anstellung verschwiegen. Als dann die Reyl eine Banklizenz bekam, wurden alle Gewährsträger gecheckt und so wurde die Vorstrafe Condamin-Gerbiers bekannt. Bekannt wurde offenbar auch, dass er nicht wie abgemacht seine Schulden zurückzahlte, sondern neue Kredite aufnahm. Die letzte bekannte Station ist die Bank Bénédict Hentsch. Auch hier blieb er nur 18 Monate, auch da wurde er entlassen. Gegenüber der «Tribune de Genève» behauptete er, er habe nur als Konsulent gearbeitet. Ein Blick ins Handelsregister zeigt jedoch, dass dies nicht stimmt. Am 27. Juni 2012 bekam er die Unterschriftsberechtigung, am 7. Februar dieses Jahres wurde sie ihm wieder entzogen.

Was Gerbier seither macht, ist unklar. Angeblich ist er arbeitslos. Klar ist, dass er in französischen Medien und nun auch vor dem französischen Parlament und der französischen Justiz gegen die Schweizer Banken aussagt. Und dass mehrere seiner Aussagen dementiert wurden und sich Belege als Fälschungen herausstellten, die im Umfeld der Berichterstattung über die Schweizer Banken erschienen, zu denen auch er beigetragen hat. Konfrontiert per E-Mail, SMS und Combox mit den Widersprüchen und Falschaussagen, mochte sich Gerbier nicht gegenüber dem «Tages-Anzeiger» äussern.


* videos.assemblee-nationale.fr/media.12.4492 (ca. die 45. Minute) (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 09.07.2013, 06:26 Uhr)

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