Fliegende Wechsel unter Vekselberg

Gestern musste der Chef des Industriekonzerns Oerlikon gehen. Letzte Woche schon hatte Investor Viktor Vekselberg Chef und Finanzchef seiner Beteiligungsfirma Renova entmachtet.

Der neue Mann an der Spitze des Industriekonzerns Oerlikon: Ex-Siemens-Manager Roland Fischer. Fotos: PD

Der neue Mann an der Spitze des Industriekonzerns Oerlikon: Ex-Siemens-Manager Roland Fischer. Fotos: PD

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Die Journalisten an der Bilanzmedienkonferenz von Oerlikon haben sich gestern die Augen gerieben. Auf dem Podium sass nicht wie erwartet der bisherige Konzernchef Brice Koch. Nein, da sass Roland Fischer, der Koch quasi über Nacht abgelöst hatte. Dass Koch nach nur zwei Jahren seinen Sessel räumen musste, hatte der Verwaltungsrat am Vorabend entschieden. Der fliegende Stabwechsel sei eine logische Folge der im Herbst beschlossenen strategischen Ausrichtung, heisst die offizielle Begründung. Ziel sei es gewesen, noch mehr Know-how aus den Oerlikon-Märkten in die Führung hineinzubekommen. Was der neue dem alten Chef diesbezüglich voraushat, ist zumindest von aussen gesehen fraglich. Koch wie Fischer sind aus der Branche, der eine war bei ABB, der andere bei Siemens.

Im Hintergrund werden denn auch andere Gründe für den Turbo-Wechsel genannt. Der bisherige Chef Koch habe zwar intensiv nach aussen kommuniziert. Nach innen fehlte dem Manager aber offenbar die Strahlkraft. Er sei weit weg von den einzelnen Divisionen gewesen, sagt ein Kenner. Strategisch hätten die Visionen gefehlt. Finanziell habe Koch mit neuen Zielgrössen bei den Finanzkennzahlen die Vergleichbarkeit und Transparenz verringert. Der Abgang habe sich deshalb abgezeichnet.

Rotierendes Personalkarussell

Abgezeichnet hat sich Kochs Demission auch aus einem weiteren Grund. Er hatte es seit vergangenem Frühling plötzlich mit einem neuen Präsidenten zu tun. Im März 2015 hatte Oerlikon-Hauptaktionärin Renova Tim Summers nämlich Knall auf Fall abgesetzt und ihn durch den früheren Siemens-Manager Michael Süss ersetzt. Dass der neue Präsident es nicht wirklich mit Chef Koch konnte, zeichnete sich nur wenig später ab. Bereits im Sommer hiess es in der «Handelszeitung», der Verwaltungsrat nehme Firmenchef Koch an die kurze Leine und überprüfe die Strategie.

Klar, Präsident und CEO harmonieren nicht immer perfekt, das kommt bei Unternehmen vor. Bloss: Bei den Firmen im Umfeld der Beteiligungsfirma Renova des russischen Investors Viktor Vekselberg ist die Ausnahme der Normalfall. Zahlreich sind hier die Fälle, bei denen sich Chefs und Verwaltungsratspräsidenten die Türklinke in die Hand geben. Bei Oerlikon hat es seit 2007, als der Konzern faktisch unter die Kontrolle von Vekselberg kam, bereits drei jähe Chefabgänge gegeben. 2009 musste Uwe Krüger gehen, 2013 ging Michael Buscher von einem Tag auf den anderen, nun wurde Brice Koch auf die Strasse gesetzt. Auch im Verwaltungsrat liess Hauptaktionärin Renova keine Kontinuität aufkommen: Süss sitzt erst seit letztem Frühling auf dem Präsidentensessel, und seine von Renova bestellten Vorgänger blieben auch nur kurz im Amt.

Beim Sulzer-Konzern, an dem Vekselberg die Aktienmehrheit hält, sieht die Bilanz nicht besser aus. Seit vor drei Jahren Verwaltungsratspräsident Jürgen Dormann altershalber zurückgetreten war, hat zuerst Manfred Wennemer das Amt übernommen. Der Deutsche hat Sulzer nach nicht einmal einem Jahr Knall auf Fall verlassen – offenbar, weil er mit Vekselbergs Sulzer-Plänen nicht einverstanden war. Interimistisch übernahm Renova-Mann Wladimir Kuznetsow, bis Peter Löscher vor zwei Jahren gewählt wurde. Der ehemalige Siemens-Chef stieg damals neu ins Vekselberg-Imperium ein, er wurde operativer Chef der Schweizer Managementgesellschaft von Renova – und wollte bei allen Beteiligungen mitreden, wie Beobachter sagen. Als Präsident bei Sulzer sah er sein Engagement besonders gefragt. Doch der damalige Chef Klaus Stahlmann liess sich das nicht bieten. Per SMS soll Stahlmann seine Kündigung bei Landsmann Löscher angekündigt haben.

Aufgeblähter Schweizer Ableger

Für Kontinuität ist derzeit nicht einmal bei der Beteiligungsmutter Renova gesorgt. Inhaber Vekselberg hat letzte Woche bei seinem Besuch in der Schweiz für Umwälzungen beim hiesigen Ableger gesorgt. «Bei Renova geht es drunter und drüber», sagt ein Kenner dem «Tages-Anzeiger». Das 15-köpfige Management werde umgruppiert, erklärt ein weiterer Insider. Vekselberg hat insbesondere die Funktionen des Chefs und Finanzchefs aufgehoben. Der seit zwei Jahren amtierende CEO von Renova Management, Peter Löscher, wurde zum Vizepräsidenten des Verwaltungsrats degradiert. Für Löscher wurde diese Funktion extra geschaffen, wie ein Renova-Sprecher in Moskau sagt. Für den ehemaligen Siemens-Chef ist das ein herber Schlag. Löscher hatte in seiner Amtszeit Renova aus- und aufgebaut – mit Beratern und einstigen Siemens-Gefährten. Das kam teuer, denn Jobs bei Renova sind hoch dotiert, wie verschiedene ehemalige Angestellte sagen. Löschers Ausbau hat die Schweizer Beteiligungen allerdings nicht vorwärtsgebracht. Die sind heute viel weniger wert als noch vor zwei Jahren.

Vekselberg will den aufgeblasenen Schweizer Renova-Apparat offenbar so nicht mehr weiterführen. «Das Renova- Management soll wieder zu dem zurückgeführt werden, was es vor der Löscher-Ära war», sagt ein Insider. Vekselberg bringt die Reorganisation neben den tieferen Kosten vor allem einen direkteren Durchgriff in der Schweiz. Gemäss dem Moskauer Renova-Sprecher werden derzeit die Funktionen im Schweizer Management neu verteilt. Einen Abgang soll es schon geben. Johan van de Steen, Renova-Manager und Oerlikon-Verwaltungsrat, werde Renova verlassen, heisst es zumindest bei Oerlikon.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 01.03.2016, 21:51 Uhr)

Michael Süss, VR-Präsident Oerlikon.

Peter Löscher, VR-Präsident Sulzer.

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