Flirt mit der Flut

Wir Schweizer lieben Staumauern. Dass nun einige verkauft werden sollen, stört uns. Zu Recht.

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Die Nachricht sorgt für Unruhe: Unsere Stauseen werden verkauft. Weil der Energiekonzern Alpiq verschuldet ist und zum zweiten Mal in Folge einen Jahresverlust von über 800 Millionen Franken eingefahren hat, veräussert er Teile seines Wasserkraftportfolios. Gesucht werden «inländische und ausländische Investoren» mit langfristigem Anlagevorhaben im Bereich der nachhaltigen Energie. Jetzt heisst es zugreifen.

Die Bestände der Alpiq sind eindrücklich. Sie umfassen 16 Speicherkraftwerke in der Schweiz, darunter so berühmte Anlagen wie die Grande Dixence, deren See die Wasser von 35 Walliser Gletschern an der höchsten Gewichtsstaumauer der Welt sammelt. Auch die Kraftwerke Maggia und Blenio im Tessin und der Zervreila-Stausee bei Vals werden von Alpiq betrieben. Allein mit dem Strom aus Letzterem liessen sich gemäss der Firma 110'000 Schweizer Haushalte versorgen.

Ein Fall von Landesverrat?

In der Bevölkerung herrscht Verdruss. Wenige Wochen nach dem Verkauf des Agrochemie­konzerns Syngenta nach China fürchten viele den Ausverkauf der Heimat. «Wenn das Monument und Kunstwerk Grande Dixence verschachert würde, wäre bei mir grosse Trauer angesagt», schreibt ein Leser auf der Website des «Tages-Anzeigers». Ein zweiter ortet «Landesverrat».

In der Schweiz haben Stauseen und Stau­mauern besonderen Stellenwert. Sie gefallen uns als Zeugnisse eidgenössischer Ingenieurskunst, stehen für die Bezwingung der Natur in wilder Höhe. Zugleich kitzeln sie eine morbide Lust an der Gefahr in uns. Im Unterland wachsen Kinder bis heute mit dem Klang der jährlichen Sirenentests auf, in erregender Sorge um geborstene Dämme und nahende Flutwellen. Zürich rechnet gern durch, wie schnell das Wasser aus dem Sihlsee an der Stadtgrenze in Leimbach wäre (1 Stunde 25 Minuten), wann der Hauptbahnhof 8 Meter unter Wasser stünde (etwa nach 4 Stunden). Unsere Liebe zu Staumauern ist auch ein Flirt mit der eigenen Fragilität.

Wer die Seen und Mauern nun verkaufen will, handelt sich Ärger ein. Zu Recht: Es ist ein Glück, dass in unserem Land das Wasser steiler als anderswo von oben nach unten läuft und so sauberen Strom produziert. Es wäre unsinnig, die entsprechenden Kraftwerke ins Ausland zu verkaufen, nur damit Bilanz und Bonus der Betreiberfirma wieder stimmen. Mag die Lage auf dem internationalen Strommarkt widrig sein: Wir werden unsere Wasserkraft noch brauchen.

Die Alpiq sieht das weniger dramatisch. Erstens will sie mit 51 Prozent ja die Mehrheit an den Anlagen behalten. Und zweitens hätten bis jetzt vor allem inländische Investoren Interesse gezeigt, namentlich die Aktionäre der Firma selbst. Die Alpiq gehört zu rund 30 Prozent verschiedenen Westschweizer Kantonen und Städten. Alles ganz normal also, kein Verkauf ins Ausland. Es soll nur einfach wieder einmal der Steuerzahler einspringen, wenn das gut bezahlte Management Verluste erwirtschaftet.

Chinesen in Rumänien

Vielleicht aber haben sich die Investoren aus China und anderswo auch nur noch nicht ge­meldet. Sollten sie spontan Lust am länger­fristigen Engagement in der Schweizer Berg­wasser­welt entwickeln, so stünde ihnen dies offen. «Es gibt seitens des Bundes keine Ein­schränkungen für ausländische Investoren im Energiebereich», bestätigt Marianne Zünd vom Bundesamt für Energie.

Die Alpiq gehört bereits zu 25 Prozent Electricité de France (EDF). AKW und Stauseen werden in der liberalen Schweiz nicht vor ausländischem Zugriff geschützt – anders als in anderen Ländern. Versuchen Sie einmal, in den USA «kritische Infrastruktur» zu erstehen; intensive Gespräche mit dem Committee on Foreign Investment sind Ihnen gewiss. Und in China dürfte so ein Vorhaben noch schwieriger werden. Umgekehrt interessiert sich China durchaus für Wasserkraft in Europa. In Rumänien boten zum Jahreswechsel fünf verschiedene Investoren um das geplante Pumpspeicherkraftwerk Tarnita-Lapustesti – alle fünf waren chinesische Firmen. Unter den Bewerbern war das Unter­nehmen Sinohydro, das bereits in Nigeria und Uganda Dammprojekte hat. China investiert in Cleantech. Weil das Land sich vom Billig­produzenten zum ernsthaften Dienstleister wandeln will. Und weil es mit kohleverdreckter Luft ja selber viele Probleme hat.

Staumauermythen haben keinen Platz in einer Jahresbilanz. Schon begriffen. Bleibt nur der Appell an die wirtschaftliche Voraussicht. Wer schöne Stauseen hat, soll heute achtgeben auf sie. Sonst kauft er morgen den in seinen Bergen gewonnenen Strom von ausländischen ­Anbietern.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 11.03.2016, 23:30 Uhr)

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