Fordert diese Frau bald Google heraus?

Von Walter Niederberger, San Francisco. Aktualisiert am 31.05.2009

Carol Bartz, die neue Yahoo-Chefin, hat grosse Pläne. Ihr Leben war vor Schicksalsschlägen nicht gefeit. Das macht sie nur umso stärker.

Mit Yahoo und einem Partner Google angreifen: Carol Bartz.

Mit Yahoo und einem Partner Google angreifen: Carol Bartz.
Bild: Keystone

Es macht Spass, Carol Bartz zuzuhören. Die 60-jährige Chefin der Internetfirma Yahoo ist direkt, gezielt provokativ, zuweilen derb. Und sie scheut sich nicht, eigene Fehler zuzugeben. Sie drückt sich weder um Konflikte in der eigenen Firma noch um die Konfrontation mit Konkurrenten herum. Eine ungewöhnliche Lebensgeschichte hat sie zur erfolgreichen Managerin gemacht. Yahoo kann ihr grosses Selbstbewusstsein gut gebrauchen.

Diese Woche stand Bartz in ihrer neuen Rolle als Chefin der Internetsuchmaschine erstmals im Scheinwerferlicht. An einer mehrtägigen Technologiekonferenz in Carlsbad, mitten im Silicon Valley, skizzierte sie ihre Zukunftspläne für Yahoo. Und sie erfüllte die Aufgabe geschickt. Ohne allzu viele Einzelheiten zu nennen, liess sie durchblicken, dass Yahoo weit mehr als nur eine Suchmaschine sei. Sie hob die Dienstleistungen für die Finanzindustrie und die sozialen Netzwerke hervor und machte klar, dass sie einem Zusammengehen mit Microsoft nicht abgeneigt wäre. Auf die Frage, ob Yahoo wieder mit Microsoft spreche, meinte sie lachend, «ein bisschen». Wenn Microsoft «eine Wagenladung Geld» auffahre, sei sie zum Verkauf der Suchmaschine bereit. Eine solcher Deal war letztes Jahr geplatzt, weil der damalige Chef Jerry Yang einen unrealistisch hohen Preis aushandeln wollte. Bartz’ Kommentar dazu: «Ich weiss nicht, was letztes Jahr passierte. Offen gesagt, es ist mir egal.»

Ihr einziges Interesse ist der unternehmerische Erfolg. «Ich werde meinen Auftrag erfüllen; und wenn es nötig ist, bleibe ich länger als abgemacht.» Bei Yahoo hat Bartz erst vor fünf Monaten begonnen, aber schon erreicht, dass der Börsenwert der Firma um gut 30 Prozent gestiegen ist. Unbedingter Wille zum Erfolg zeichnet die Frau aus, die schon als kleines Mädchen ihre Mutter verlor, von der Grossmutter im ländlichen Wisconsin aufgezogen wurde und früh mit ihren Leistungen in Mathematik brillierte. Das Studium der Computerwissenschaften finanzierte sie sich als Kellnerin; um dafür eine schlanke Figur zu behalten, verschrieb sie sich ein eisernes Fitnessprogramm.

Dem ersten Arbeitgeber, dem Industriekonzern 3M, kündigte Bartz die Mitarbeit, als ihr ein Karrieresprung verweigert wurde. Sie wechselte zu Techfirmen wie Sun und DEC, bevor sie 1992 die Führung von Autodesk übernahm. Ihr Motto von damals «Fail-Fast-Forward» beschreibt einen auf Risiko und Tempo angelegten Führungsstil. Sie machte Autodesk zum führenden Anbieter von Software für Architekten und Bauingenieure, trotz schwerer Gesundheitsprobleme. Lediglich einen Monat Auszeit nahm sie, um Brustkrebs entfernen zu lassen. Noch während der Chemotherapie liess sie sich zwischen Wohnort und Arbeitsort stundenlang hin- und herchauffieren. Die Fahrten waren eine Qual; weil sie sich oft übergeben musste. Eine Balance zwischen Privatleben und Arbeit sei nicht ihr Ziel, sagte sie später. Niemand könne alles haben; es gehe nur darum, «den Ball aufzufangen, bevor er auf den Boden fällt».

Gut möglich, dass diese Frau eine Allianz zwischen Yahoo und Microsoft schmieden kann. Es wäre das Gegenwicht zum Marktführer Google, von dem viele Experten träumen. Es dürfte Bartz sein, die die Bedingungen diktiert - und den Preis. Die Aussage der Twitter-Gründer, dass sie ihre Firma «nie» verkaufen würden, kommentierte Bartz mit den Worten: «Nie ist eine lange Zeit.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.05.2009, 07:16 Uhr

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