Frankreich verliert die höchste Stufe der Kreditwürdigkeit

Alles Sparen hat nicht gereicht, um Standard & Poor's milde zu stimmen: Die US-Ratingagentur stuft mit Frankreich und Italien zwei der drei grössten Euro-Volkswirtschaften herab.

Herabgestuft: Nicolas Sarkozy nach einer Krisen-Sitzung im Elysée. (13. Januar 2012)

Herabgestuft: Nicolas Sarkozy nach einer Krisen-Sitzung im Elysée. (13. Januar 2012) Bild: Reuters

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Die US-Ratingagentur Standard & Poor's (S&P) hat die Kreditwürdigkeit von neun Euro-Staaten herabgestuft. Frankreich und Österreich werde die Top-Bonität entzogen, teilte S&P auf seiner Internetseite mit. Die Bonität beider Länder werde anstatt mit der Bestnote AAA nur noch mit AA+ bewertet.

Frankreich und Österreich sind die ersten europäischen AAA-Länder, die ihre Top-Bonität verlieren. Deutschland behielt dagegen seine Spitzenbewertung. Bis auf Deutschland und die Slowakei sieht Standard & Poor's den Ausblick für die Bonität aller Euro-Staaten negativ.

Die Kreditwürdigkeit Italiens stufte die Ratingagentur gleich um zwei Stufen von A auf BBB+ herab. Auch die Bonität von Spanien, Portugal und Zypern senkte Standard & Poor's um zwei Stufen. Neben Deutschland behalten die Niederlande, Luxemburg und Finnland die Spitzennote AAA.

Sparprogramm reicht nicht

Italien steht damit auf einer Stufe mit Irland und ausserhalb der Eurozone mit Peru und Russland. S&P hatte Italien erst im vergangenen September von A+ auf A herabgestuft. Sie begründete dies mit der Instabilität der damaligen Regierung von Silvio Berlusconi und der mangelnden Umsetzung von rigiden Sparmassnahmen.

Angesichts des Sparprogramms von Berlusconis Nachfolger Mario Monti hatte die Ratingagentur Fitch Ende 2011 erklärt, damit unterstreiche die italienische Regierung ihre Bemühungen, bis 2013 einen ausgeglichenen Haushalt vorzulegen. Dennoch bleibe der Ausblick für Italien negativ. Die Regierung in Rom müsse unter anderem noch «überzeugende Strukturreformen» vorlegen, um das Wirtschaftswachstum zu stärken, hiess es damals.

Unter dem Druck der Finanzmärkte verabschiedete das italienische Parlament im vergangenen Dezember den dritten Sparplan innerhalb eines halben Jahres. Die Verschuldung Italiens entspricht 120 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, das Land steuert auf eine Rezession zu. Hoffnungen waren aufgekommen, nachdem Italien heute und gestern bei der ersten Ausgabe von Anleihen in diesem Jahr frisches Geld zu deutlich gesunkenen Zinsen einsammeln konnte.

Harter Schlag für Sarkozy

Die Politik reagierte zurückhaltend bis gelassen auf die Entscheide. Frankreich lasse sich von den Ratingagenturen nicht seine Politik diktieren, fügte Finanzminister François Baroin hinzu. Präsident Nicolas Sarkozy hatte am Nachmittag zu einer Sondersitzung gerufen. Geäussert habe er sich seither aber noch nicht. Für den Präsidenten, der dieses Jahr für eine zweite Amtszeit antritt, kommt der Ratingentscheid zu einer denkbar schlechten Zeit.

Diplomatenkreise der EU und der betroffenen Länder hatten die Herabstufungen bereits am späteren Nachmittag verlauten lassen. Die Ratingagentur selbst wartete mit der Veröffentlichung der Entscheide, bis die Börse in New York kurz vor 23.00 Uhr Schweizer Zeit schloss.

Erstmals in Europa

Frankreich war in den vergangenen Monaten stark unter den Druck der Ratingagenturen geraten. Als Gründe gaben die Agenturen die hohe Staatsverschuldung und die Auswirkungen der europäischen Schuldenkrise an. Die Regierung legte bereits zwei rigide Sparpläne mit einem Gesamtvolumen von mehr als 70 Milliarden Euro auf, um das hohe Haushaltsdefizit zu drücken.

Nachdem die Gerüchte die Runde machten, rutschten die Börsen in Frankfurt am Main und Paris ins Minus. Auch der SMI fiel deutlich und notiert um 16.30 Uhr mit 0,7 Prozent im Minus.

Sorgen und Gelassenheit

Für die betroffenen Länder kann sich die schlechtere Note in höheren Zinsen niederschlagen. Zwangsweise ist das nicht, wie auch eine erfolgreiche Anleihen-Emission Italiens zeigte. Robert Halver, Kapitalmarktexperte der Baader Bank AG, sieht keinen Grund für den Schritt von S&P. «Wenn eine Ratingagentur nach einer sehr guten Woche im europäischen Staatsanleihe-Markt mehrere Länder herabstuft, hat dies sicher einen faden Beigeschmack», sagt er (siehe Video links). Verliere ein Land sein Toprating, bekomme es dieses wahrscheinlich nie wieder.

Andere Beobachter bewerteten die Herabstufung seitens S&P als weniger dramatisch. «Das sorgt für einen oder zwei Tage für schlechte Schlagzeilen», sagte Jacob Funk Kirkegaard vom Peterson Institute for International Economics. «Aber es gibt keine neuen Informationen. Das wird schnell wieder vergessen sein.»

Der Euro fiel bis auf 1,2687 Dollar, nachdem die europäische Währung am Morgen noch um 1,2878 Dollar notiert hatte. Das Kurspaar Euro/Franken fiel bis auf 1,20795 Franken. Der deutsche Aktienindex Dax und der EuroStoxx50 fielen um jeweils ein knappes Prozent. Der Dow Jones-Index gab zur Eröffnung 0,8 Prozent nach.

Japan will Herabstufung vermeiden

In Japan wurde die Herabstufung der europäischen Staaten als Warnung verstanden. Ministerpräsident Yoshihiko Noda hielt sein Land zum Sparen an. Japan müsse angesichts der Senkung der Bonitätsnoten in Europa seine Schulden in den Griff bekommen, wolle es nicht das nächste Ziel der Ratingagenturen werden, sagte Noda am Samstag in einer Talkshow im Fernsehen. Die Krise in der Eurozone sei nicht «das Problem von jemand anderem».

Noda hatte am Freitag sein Kabinett in der Hoffnung umgebaut, damit die Opposition für eine Anhebung der Mehrwertsteuer gewinnen zu können. Japan könne den Abbau seines Haushaltsdefizits nicht länger aufschieben, sagte der Regierungschef.

Drohung von S&P

S&P hatte am 5. Dezember den AAA-Ländern Deutschland, Frankreich, Österreich, Finnland, Niederlande und Luxemburg mit dem Entzug der Bestnote für die Kreditwürdigkeit gedroht. Frankreich drohte Standard & Poor's sogar eine Herabstufung um zwei Stufen an. Insgesamt hatte die Agentur 15 Euro-Staaten mit einer möglichen Herabstufung gedroht.

Ein Verlust der Topnote für die sechs kreditwürdigsten Länder der Eurozone hätte auch Folgen für den Euro-Rettungsfond EFSF, der wie seine garantiegebenden Länder ebenfalls mit der Bestnote AAA bewertet ist. S&P hatte deshalb auch dem EFSF am 6. Dezember mit einer Herabstufung gedroht. (wid/AFP/sda)

Erstellt: 14.01.2012, 00:01 Uhr

Kämpfen für EFSF

Nach der Herabstufung Frankreichs und Österreichs will die Eurozone die Top-Bonität für den Rettungsfonds EFSF erhalten. «Die Teilhaber des EFSF bekräftigen ihre Entschlossenheit, die Möglichkeiten für die Bewahrung des AAA-Ratings zu prüfen», hiess es in einer Erklärung der Eurozone.

Durch die Herabstufung Frankreichs entsteht im EFSF ein grosses Loch, denn alleine der französische Anteil von rund 160 Milliarden Euro kann damit nicht mehr für die Ausgabe von AAA-Anleihen zur Finanzierung von Rettungsprogrammen für Pleitekandidaten genutzt werden. (dapd)

Die US-Ratingagentur stuft die zweitgrösste Euro-Wirtschaft herab. (Video: Reuters )

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