Frauenquote: Zweifel am norwegischen Vorbild

Die EU will den Frauenanteil in Verwaltungsräten börsenkotierter Firmen auf 40 Prozent steigern. Das aber kann negative Auswirkungen haben, wie eine Studie der University of Michigan zeigt.

Erst 15 Prozent der Verwaltungsratssitze in der EU sind mit Frauen besetzt. Foto: Amani Willett (Gallery Stock).

Erst 15 Prozent der Verwaltungsratssitze in der EU sind mit Frauen besetzt. Foto: Amani Willett (Gallery Stock).

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Die Einführung der Frauenquote ist der EU-Kommission zufolge nicht nur ein politischer Imperativ. Eine solche würde sich auch in einer besseren Performance der Unternehmen niederschlagen, schreibt die Kommission und präsentiert Ergebnisse von Querschnittstudien, die weltweit einen positiven Zusammenhang zwischen Rendite respektive Aktienkurs einer Firma und einem hohen Frauenanteil im Management aufzeigen. Anders sind die zwei US-Wissenschaftler Kenneth Ahern und Amy Dittmar von der University of Michigan vorgegangen. Sie haben das Vorzeigebeispiel Norwegen genauer untersucht und gelangen zum Schluss: Die Einführung der Frauenquote habe sich negativ auf börsenkotierte norwegische Unternehmen ausgewirkt.

2003 wurde in Norwegen für Verwaltungsräte eine Frauenquote von 40 Prozent beschlossen, die zunächst freiwillig war. Weil das nicht funktionierte, wurde das Gesetz 2006 für börsenkotierte Unternehmen obligatorisch, mit einer zweijährigen Übergangszeit.

Von der Börse dekotieren

Im renommierten «Quarterly Journal of Economics» beschreiben Ahern und Dittmar, wie sich die Aktionäre und das Management verhielten. Nach der überraschenden Ankündigung der Regierung reagierte die norwegische Börse negativ, wobei die Aktienkurse von Firmen, die noch keine weiblichen Verwaltungsräte hatten, stärker sanken als jene mit Frauen im Aufsichtsgremium. Auch im Jahr nach der Umsetzung der Quote sank der Unternehmenswert: Bei den Firmen, die ihre Verwaltungsräte wegen der Quote stark reorganisieren mussten, war der Effekt doppelt so hoch wie bei den anderen.

Einige Unternehmen liessen sich sogar von der Börse dekotieren, um die Quote zu vermeiden: Bis 2009 sank die Zahl der börsenkotierten Firmen in Norwegen auf unter 70 Prozent des Niveaus von 2001, während die Zahl der nicht kotierten Aktiengesellschaften um 30 Prozent stieg.

Die Ökonomen aus Michigan erklären den anfänglichen Einbruch des Aktienkurses mit der Angst der Aktionäre. Diese befürchteten, dass durch die Quote die Auswahl geeigneter Verwaltungsräte massiv eingeschränkt und das Unternehmen Schaden nehmen würde.

Unerfahrene Führungskräfte

Nicht zu Unrecht, wie die Autoren meinen. Weil alle Firmen plötzlich dringend Frauen brauchten, veränderten sich in den Verwaltungsräten nicht nur die Geschlechterverhältnisse. Die Mitglieder waren im Schnitt zwar mindestens gleich gut ausgebildet wie zuvor, aber sie wurden jünger, hatten nicht mehr so viel Erfahrung und waren in ihrer Haupttätigkeit weniger auf oberster Managementebene tätig – was gemäss Ahern und Dittmar die Aufsichts- und Beratungskompetenz des Verwaltungsrats minderte.

So gesehen hatte die Einführung der Frauenquote negative Folgen für die norwegischen Unternehmen, weil mehr unerfahrene Führungskräfte in den Verwaltungsräten Einsitz nahmen. Was wiederum mit dem Problem zu tun hatte, das man lösen wollte: dem Fehlen von genügend erfahrenen Frauen im Topmanagement. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 15.11.2012, 08:46 Uhr)

Der Beschluss in Brüssel

Die Aufsichtsräte der Großkonzerne in Europa sollen keine Männerdomäne bleiben: Die EU-Kommission beschloss am Mittwoch auf Initiative von EU-Justizkommissarin Viviane Reding einen Gesetzesvorschlag, wonach 40 Prozent der Aufsichtsratsposten in großen börsennotierten Unternehmen bis 2020 mit Frauen besetzt sein sollen. Die EU-Länder und das Europaparlament müssen dem Vorschlag noch zustimmen; die deutsche Bundesregierung etwa zeigte sich skeptisch. (AFP)

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