Wirtschaft

Führte ein Missverständnis zur Lehman-Pleite?

In der Woche vor dem Lehman-Bankrott versuchten die britische und die amerikanische Regierung, den Kollaps zu verhindern. Dass es nicht klappte, lag an einem Kommunikationsproblem.

New York, 15. September 2008: Lehman Brothers ist pleite. Angestellte verlassen die Zentrale, die Medien im Nacken.

New York, 15. September 2008: Lehman Brothers ist pleite. Angestellte verlassen die Zentrale, die Medien im Nacken.
Bild: Keystone

Es ist bis heute ein Rätsel, warum die amerikanische Regierung die Investmentbank Lehman Brothers nicht gerettet hat. Sie hatte vorher Banken gerettet, parallel dazu und auch danach. Nur diese eine Bank, Lehman, liess sie am 15. September 2008 ungebremst gegen die Wand fahren.

War es Absicht? Ein Versehen? Wer war schuld, dass sämtliche Rettungspläne scheiterten? In Frage kommen drei Parteien: die amerikanische Regierung, die keine Geld bereitstellen wollte, die britische Barclays Bank, die im letzten Moment vor einer Übernahme zurückschreckte, oder die britische Regierung, die sich weigerte, die Übernahme durchzuwinken.

Die britische Tageszeitung «Guardian» und der britische Fernsehsender Channel 4 haben die letzten Tage vor dem Kollaps unabhängig voneinander minutiös rekonstruiert – und kommen zum selben Schluss: Der Kollaps beruht auf einem Kommunikationsproblem.

Die Briten erwarteten Geld...

Das wohl entscheidende Gespräch fand in der Woche vor dem Kollaps statt, nachdem sich erste Probleme bei Lehman abzeichneten. US-Finanzminister Hank Paulson nahm Kontakt mit seinem britischen Kollegen Alistair Darling auf. Thema war eine mögliche Übernahme von Lehman durch die britische Barclays Bank. Ein zentraler Aspekt des Gesprächs: Barclays hätte im Ernstfall sofort für sämtliche Lehman-Geschäfte garantieren müssen – noch bevor die Übernahme vollzogen gewesen wäre. Sonst wäre das Vertrauen verloren und eine Rettung umsonst gewesen. Für einen solchen Schritt hätte es eigentlich der Zustimmung der Barclays-Aktionäre bedurft, was in der kurzen Zeit allerdings nicht möglich gewesen wäre. Die britische Bankenaufsicht hätte diese Bestimmungen deshalb über Nacht lockern müssen, um eine Rettung zu ermöglichen.

Finanzminister Darling war nach dem Gespräch mit Paulson überzeugt, deutlich gemacht zu haben, dass dieses Vorgehen nur möglich wäre, wenn die USA den Deal mit Steuergeldern unterstützten. Öffentlich wurde aus diesem Gespräch nur ein Satz Darlings: Er sei nicht einfach so bereit, «das amerikanische Krebsgeschwür nach Grossbritannien zu importieren». Eine Äusserung, die er später allerdings bestritt.

Das Problem: Als Paulson den Hörer auflegte, war ihm nicht bewusst, wie eng die Briten ihre Zusage tatsächlich an amerikanisches Geld knüpften. Wie sich die Finanzminister in einem so zentralen Punkt missverstehen konnten, ist unklar.

... die Amerikaner eine Zusage

Danach warteten die Briten auf ein gutes Angebot vonseiten der USA – das belegen auch die Aussagen verschiedener Behördenvertreter im «Guardian». In den USA hatte man dafür kein Gehör – oder keine Zeit, denn Paulson musste am gleichen Wochenende die Rettung von Merrill Lynch einfädeln. Erst als er am Sonntag, dem Tag vor dem Kollaps, endlich wieder mit Darling persönlich telefonierte, kam das Missverständnis auf den Tisch: Paulson wollte von Darling grünes Licht für die Übernahme durch Barclays. Darling hingegen verlangte eine finanzielle Garantie – die ihm Paulson nicht geben konnte. Der «Guardian» schreibt: «Mit einem Anflug von Bitterkeit sagte Paulson, er wünschte bloss, Darling hätte das früher erwähnt.»

Danach war die Zeit für Paulson zu kurz, um einen Plan B aus dem Ärmel zu schütteln. Beide Seiten konnten nur noch den Konkurs vorbereiten. Die Bilder der 5500 Lehman-Angestellten in London, die am Montag, dem 15. September 2008, ihre Habe in Kartonschachteln nach Hause trugen, gingen um die Welt. Und die Finanzkrise entwickelte sich zur grössten Weltwirtschaftskrise der jüngeren Geschichte. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.09.2009, 22:50 Uhr

WRITE A COMMENT







 Ausland



Verbleibende Anzahl Zeichen:

Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.


Wirtschaft

Populär auf Facebook Privatsphäre

Lokale Suche

Marktplatz