Wirtschaft
«Für Aromat dürften wir nicht mehr mit dem Schweizer Kreuz werben»
Von Romeo Regenass. Aktualisiert am 22.02.2010
Unilever verkaufe in der Schweiz nicht teurer, sagt Bourquin. (Bild: Doris Fanconi)
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Die Frau hinter dem Knorrli
Seit 2008 ist Monique Bourquin Chefin von Unilever Schweiz, seit 2002 gehört sie zum Schweizer Management des Konzerns, der Weltmarken wie Knorr, Lipton, Dove oder Sun verkauft. Nach dem Wirtschaftsstudium an der HSG sammelte die 43-Jährige Erfahrungen als Beraterin bei PriceWaterhouse und STG-Coopers & Lybrand. Nach einem ersten Abstecher als Produktmanagerin bei Knorr in Thayngen arbeitete sie für Rivella und Mövenpick Foods. Bourquin ist verheiratet, lebt in Eglisau und hat eine 5-jährige Tochter. Sie macht Fitness und fährt Inlineskates sowie Ski, isst aber auch gern gut und bezeichnet sich als Leseratte, die nur in den Ferien auf ihre Kosten kommt. (meo)
Frau Bourquin, Sie sind seit 2008 Chefin von Unilever Schweiz. Was ist Ihr grösster Erfolg?
Wir haben einiges umgekrempelt, auch mit einer neuen Dachorganisation für Deutschland, Österreich und die Schweiz. Dabei ist es uns gelungen, den Umsatz zu halten und sogar Marktanteile zu gewinnen, etwa bei Deos und Bouillon. Und das trotz Abbau von 120 Stellen. Stolz macht mich vor allem eine Umfrage beim Personal: Sie ergab eine im Konzernvergleich überdurchschnittlich hohe Zufriedenheit.
Erstaunlich, nach einem Stellenabbau. Wurde niemand entlassen?
Zum Glück nur wenige Mitarbeiter. Weil der Abbau die Verwaltung und das Kader betraf, konnten wir einige Stellen auch am neuen regionalen Hauptsitz in Hamburg vermitteln. Zudem gab es einen Sozialplan, und es kam zu einigen Frühpensionierungen.
Ihre grösste Niederlage?
Niederlagen gibt es für mich nicht. Läuft etwas nicht so, wie ich mir das vorstelle, stimmen zum Beispiel die Marktanteile nicht, möchte ich die Ursachen verstehen und rasch Massnahmen ergreifen können. Aber das Wort Niederlage kenne ich nicht. Wichtig ist, aus der Situation zu lernen und Fehler nicht zu wiederholen.
Steckt Ihre Erziehung dahinter?
Von meinem Vater habe ich sicher eine optimistische Grundhaltung geerbt. Bei mir ist das Glas immer halb voll. Ich schaue nicht zurück, um zu lamentieren, sondern möchte verstehen, wie es so weit kommen konnte. Dann treffe ich einen Entscheid für die Zukunft. Ob privat oder im Job: So denke ich.
Sie sind Schweizerin, aber in Frankreich aufgewachsen. Kannten Sie als Schulkind den Knorrli?
Nein. Aber dafür kannte ich Aromat von Knorr. Wir wohnten im Raum Paris, aus Ferien in der Schweiz brachten wir immer Aromat mit – und Schokolade.
Nun plant der Bund, dass Schweizer Produkte zu 80 Gewichtsprozent aus einheimischen Rohstoffen bestehen müssen. Ist das ein Problem für Aromat?
Ja. Wir dürften dafür nicht mehr mit dem Schweizer Kreuz werben. Rezept, Qualität und Produktion sind zwar schweizerisch, aber aus hiesiger Produktion stammen weniger als 80 Prozent der Rohstoffe – wie bei Minestrone, Basler Mehlsuppe oder anderen Produkten von Knorr.
Wo liegt denn das Problem? Gibt es zu wenig Schweizer Rohstoffe, oder ist es eine Frage des Preises?
Viele Rohstoffe wie getrocknete Pilze, Gewürze oder Gemüse hat es in der Schweiz nicht in genügender Menge – oder nicht in der nötigen Qualität.
Was wäre aus Ihrer Sicht denn eine akzeptable Regelung für die Auslobung als Schweizer Produkt?
Wir sehen zwei Ansätze. Einerseits die Herstellung in der Schweiz. Wenn ein Produkt zu 100 Prozent hier hergestellt wird, sollte man es als Schweizer Produkt ausloben dürfen. Schliesslich hängen viele Arbeitsplätze dran, und die gilt es zu schützen. Der zweite Ansatz wäre ein gewichtsabhängiger Grenzwert von 60 statt 80 Prozent.
Dann hätten Sie kein Problem?
Bei vielen Produkten können wir diesen Wert einhalten. Es müsste aber auch ein pragmatischer, einfacher Weg gefunden werden, um die Werte zu messen. Nur schon Knorr hat in der Schweiz 600 Produkte mit insgesamt etwa 900 Rohstoffen am Markt, ab und zu wechseln auch die Lieferanten. Es kann nicht sein, dass wir zusätzliche Fachleutebeschäftigen müssen, die sich um die Einhaltung dieser Bestimmungen kümmern. Am Schluss zahlt das ja der Konsument.
Wo wirbt Unilever überhaupt mit Knorrli und Schweizer Fahne?
Nur in der Schweiz, wir brauchen das nicht als Herkunftsbezeichnung. Das Ausland nimmt Knorr gar nicht als Schweizer Marke wahr. Knorr in Spanien oder Asien hat auch andere Rezepturen, das wünschen die Konsumenten. Wir hätten mit dem Schweizer Knorrli in Spanien kaum Erfolg.
Wie beurteilen Sie den Standort Schweiz für die Produktion von Nahrungsmitteln?
Da das Lebensmittelgeschäft ein sehr lokales Geschäft ist, ist es uns wichtig, die Produktion gleich vor Ort zu haben. Das gibt eine grosse Nähe zum Produkt. Die Konsumenten wissen die hohe Qualität hiesiger Produktion und die auf lokale Geschmackspräferenzen ausgerichteten Produkte zu schätzen.
Welche Rolle spielen Arbeitsgesetze und der Arbeitsmarkt für den Standort Schweiz?
Weil Arbeitsmarktumfeld, Gesetzgebung und Lebensqualität stimmen, hat Unilever jüngst in Schaffhausen die europäische Zentrale der Einkaufsorganisation angesiedelt. In der Fabrik zählt für uns die grosse Flexibilität des Personals: Wenn es sein muss, läuft das Werk 24 Stunden am Tag, und wir arbeiten mit Aushilfskräften. Wenn weniger los ist, nehmen die Leute ihre Ferien oder arbeiten reduziert. Im Vergleich zu anderen Standorten können wir somit mit hoher Flexibilität auf Anforderungsspitzen reagieren.
Vom Export zum Import: Ab Sommer können Produkte aus der EU einfacher in die Schweiz eingeführt werden. Stichwort Cassis de Dijon. Was heisst das für Unilever?
Es ändert sich nicht viel. Parallelimporte sind schon lange erlaubt.
Aber bisher gab es doch das Problem, dass Artikel in den Landessprachen beschriftet werden mussten.
Das erfolgte auch auf Kundenwunsch, sie wollten zwei oder sogar drei Landessprachen. Jetzt wird auch aus Kundensicht eine Sprache genügen.
Der Handel wirft der Industrie vor, mit hohen Einstandspreisen das hohe Schweizer Preisniveau abzuschöpfen. Was sagen Sie dazu?
Das muss ich zurückweisen. Wie der Handel zahlen auch wir in der Schweiz mehr für Löhne, Mieten, Werbung als anderswo. Zudem vergleichen die Medien immer die Verkaufspreise mit Deutschland, wo das Preisniveau klar unter dem EU-Schnitt liegt. Dort ist jedoch niemand zufrieden: Der Konsument schreit nach tiefen Preisen, vermisst aber zunehmend Qualität. Der Handel überbietet sich mit Abschlägen und beklagt sich über tiefe Margen, die Industrie stöhnt. Das ist kein nachahmenswertes Beispiel.
Zurück zu den Vorwürfen der Schweizer Händler...
Um eine Neuheit überhaupt in die Läden zu bringen, zahlen wir dem Handel Listungsgebühren, die sehr viel höher sind als im Ausland. Für jede Preisaktion zahlen wir dem Handel zudem Werbebeiträge und übernehmen einen Teil des Rabatts. Dazu kommen Inserate in den Magazinen der Grossverteiler. Das ergibt ein Gesamtpaket. Leider ist es so, dass der Handel oft nur den reinen Nettoeinkaufspreis anschaut. Vergleicht man aber alle unsere Leistungen, verkaufen wir nicht teurer als im Rest Europas.
Wir haben keine deutschen Verhältnisse, aber auch in der Schweiz ist der Preiskampf entbrannt. Zudem haben Coop und Migros praktisch ein Duopol. Was heisst das für Sie?
Ausländische Experten, die unsere Handelsstruktur betrachten, sind immer wieder perplex über die Dominanz von Migros und Coop. Sie staunen auch, dass die Kartellbehörde eine solche Entwicklung überhaupt zugelassen hat. Der Spielraum ist für Hersteller extrem eng. Ohne Coop kann man keine neuen Produkte lancieren. Aber auch Coop verkauft unterdessen über 50 Prozent Eigenmarken, bei der Migros sind es über 90 Prozent. Deshalb wird es immer schwieriger, überhaupt ins Regal zu kommen.
Coop möchte Non-Food-Lieferanten erst nach 60 statt 30 Tagen zahlen und fordert um 2 Prozent tiefere Einstandspreise. Zudem soll die Lieferfrist von 5 bis 7 auf 1 bis 2 Tage verkürzt werden. Zieht der Handel die Schraube an?
In jedem Jahresgespräch kommen neue Forderungen auf uns zu, immer öfter auch während des Jahres. Solche Forderungen gehören zum Geschäft. Danach geht es ans Verhandeln. Wir fragen dann etwa: Was könnt ihr uns bieten, damit unser Umsatz steigt?
Auch mit sinkenden Preisen...
Ja. Detailhändler wollen sich damit profilieren, auch in den Medien. Die Industrie hat es da viel schwieriger, sie verkauft nicht direkt an die Konsumenten und bestimmt den Ladenpreis nicht. Dabei ist es am Ende zumeist die Industrie, die Preissenkungen finanziert oder zumindest stark dazu beiträgt. Sie hat dem Handel zuvor bessere Konditionen gewährt oder wird danach dazu gedrängt. Aber das geht nicht ewig so weiter, irgendwann müssen auch wir mit den Preisen wieder rauf.
Unilever Schweiz hat 2009 deutlich mehr geworben als früher. Eine bewusst antizyklische Investition?
Nein, es geht um die Pflege unserer Marken. Sie sind unsere Stärke, deshalb investieren wir viel in sie, gerade auch in schwierigen Zeiten.
Wie frei sind Sie bei der Vergabe der Budgets? Erhalten Sie da auch Weisungen von der Zentrale?
Wir schauen das in der 3-Länder-Organisation gemeinsam an. Wir machen typische Schweizer Kampagnen, zum Beispiel für Knorr. Marken wie Dove oder Axe werden hingegen weltweit mehr oder weniger gleich beworben. Das wird von uns nicht adaptiert.
Sie arbeiten 10 Stunden pro Tag und sind oft im Ausland unterwegs. Wie haben Sie die Betreuung Ihrer fünfjährigen Tochter organisiert?
Neben dem Kindergarten geht sie zwei Nachmittage in einen Hort. Zudem haben wir eine extrem flexible Kinderbetreuerin, die auch mal einkaufen geht und den Haushalt macht. Und dann ist meine herzensgute Schwiegermutter immer da, wenn wir mal ein Problem haben, auch über Nacht.
Wie beurteilen Sie das Betreuungsangebot in der Schweiz?
Ich bin in Frankreich aufgewachsen und Fan des französischen Modells. In den Kindergarten gehen hiesige Kinder viel zu spät. Ich finde, sie sind dazu früher bereit. Sie werden in Frankreich im Kindergarten früher gefördert – und auch gefordert. Und die Kinder haben richtig Spass daran. Auch die Ganztagesbetreuung ist in Frankreich viel besser gelöst. Da sind wir in der Schweiz noch nicht so weit. Aber wir bewegen uns in die richtige Richtung.
Mit Monique Bourquin sprach Romeo Regenass in Thayngen SH
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 22.02.2010, 10:21 Uhr
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