Für amerikanische Hintern reicht nur das Beste
Von Ralf Kaminski, New York. Aktualisiert am 20.04.2009 11 Kommentare
Viel Chemie: Superflauschiges Toilettenpapier.
Indiskrete Klos
Für Ausländer sind die öffentlichen WCs in den USA gewöhnungsbedürftig. Die luftig-offenen Kabinen mit den grosszügigen Türritzen schützen oft nur notdürftig vor den Blicken anderer Klobenützer - und überhaupt nicht vor Geräuschen und Gerüchen. Für Japaner, in deren WC-Anlagen man gelegentlich sogar auf diskrete Musik stösst, die allfällige peinliche Geräusche übertönen soll, muss das besonders hart sein. Aber auch viele Europäer irritieren die Kabinen, deren Wände vielfach erst auf etwa 50 cm Höhe beginnen und bei etwa 180 cm wieder enden. Es soll Touristen geben, die sich gezielt darum bemühen, das stille Örtchen nur im Hotel oder in Restaurants aufzusuchen.
Kommt hinzu, dass - anders als in Privathaushalten - das Klopapier in öffentlichen WCs häufig einlagig und von erschütternd niedriger Qualität ist. Es reisst oft schon, wenn man es nur schief ansieht. (rk)
Weich und flauschig muss es sein, gerne darfs drei Lagen mit eingearbeiteten Luftpolstern haben. Was die Reinigung ihres Allerwertesten betrifft, ist den Amerikanern nur das Beste gut genug. Der jährliche Verbrauch von Tissuepapier - Taschentücher, Servietten, Haushalt- und Klopapier usw. - entspricht pro Person «knapp 10 ausgewachsenen Bäumen, die buchstäblich die Toilette runtergespült oder in den Müll geworfen werden», wie Marcal es formuliert, ein Unternehmen, das auf Recycling-Papier spezialisiert ist. Es bringt zum Earth Day am 22. April in den USA ein neues Klopapier aus reinem Recyclingmaterial auf den Markt.
Laut dem WWF haben die Amerikaner 2007 pro Kopf 24 Kilo Haushalt- und Hygienepapier verbraucht, die Schweizer nicht viel weniger (siehe Kasten unten). Die USA sind der weltgrösste Produzent von Toilettenpapier, aber nur 2 Prozent aller Verkäufe im Heimmarkt sind aus reinem Recycling-Papier - in Europa sind es 40 Prozent. «Unsere Kunden verlangen weich und bequem», sagt ein Sprecher des Herstellers Georgia Pacific, «mit recycelten Fasern kriegt man das nicht hin.»
Verkäufe steigen trotz Krise
2008 sind die Verkäufe von luxuriösen Klopapiermarken laut der «New York Times» um 40 Prozent gestiegen - trotz Krise. Nicht zuletzt deshalb, weil die Hersteller ihre Edelprodukte aggressiv bewerben: Der Papier-Gigant Kimberly-Clark gab im dritten Quartal 2008 allein 25 Millionen Dollar aus, um die Amerikaner davon zu überzeugen, in diesem sensitiven Bereich keiner anderen Marke als Cottonelle oder Scott zu vertrauen.
Umweltorganisationen wie WWF und Greenpeace werfen den Konzernen vor, ökologischen Raubbau zu betreiben. «Künftige Generationen werden auf die Herstellung von Toilettenpapier als eine der grössten Exzesse unseres Zeitalters zurückblicken», sagt Allen Hershkowitz, ein führender Wissenschaftler am National Resources Defense Council. «Klopapier direkt aus Bäumen herzustellen, ist im Hinblick auf die Klimaerwärmung deutlich schlimmer, als einen‹Hummer› zu fahren.» Problematisch sind nicht nur die abgeholzten Bäume, sondern auch die Chemikalien und der hohe Wasserverbrauch für die Herstellung der Fasermasse.
Uralte Bäume?
Greenpeace wirft Kimberly-Clark vor, 22 Prozent ihrer Fasermasse stamme von Produzenten, die in den kanadischen Wäldern Bäume fällen, welche bis zu 200 Jahre alt sind. Der Konzern widerspricht. Es seien nur 14 Prozent, und man arbeite ausschliesslich mit Lieferanten zusammen, welche «zertifiziert nachhaltige Waldbewirtschaftung» betrieben. Zudem: «Toilettenpapier aus recyceltem Material ist seit Jahren auf dem Markt. Wer das kaufen möchte, kann es problemlos tun.»
Greenpeace hat nun in den USA eine Kampagne gestartet, um die Werbemassnahmen der Konzerne zu kontern und die Bevölkerung auf die verheerenden Umweltfolgen ihrer Hygienegewohnheiten hinzuweisen. Auf der Homepage der Umweltaktivisten befinden sich ausserdem ein Leitfaden sowie eine Klopapiermarken-Rangliste. Der National Resources Defense Council schätzt, dass, wenn jeder US-Haushalt jährlich nur einmal ein Viererpack recycltes Klopapier kaufen würde, 1,35 Milliarden Liter Wasser eingespart und rund 1 Million Bäume gerettet werden könnten.
Schweizer kaum besser als die Amerikaner
Mit 21 Kilo pro Person im Jahr 2007 stehen die Schweizer europaweit an der Spitze und haben rund ein Viertel mehr verbraucht als noch vor zehn Jahren. Für den WWF war das ein Anlass, das Angebot von 12 Schweizer Detailhändlern zu untersuchen. Neun von ihnen erhielten die Note ungenügend. Am besten schnitten Migros und Coop ab, gefolgt von Lidl. Die Migros hat das grösste Angebot an Recycling- und FSC-zertifizierten Fasern.
Immerhin bieten alle Unternehmen beim Toilettenpapier zumindest eine ökologische Alternative an. Beim Haushaltpapier tut dies jedoch nur die Hälfte aller Detailhändler. Und Taschen- und Kosmetiktücher aus Recyclingmaterial fehlen praktisch völlig, genauso wie Windeln. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 20.04.2009, 06:28 Uhr
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11 Kommentare
@ulrich ramauer stimmt genau ! das oeko-papier kann man nicht gebrauchen ! fusselt sehr schnell ! ich brauche nur eine halbe haushaltspapierrolle pro tag - für meinen normalen bedarf - komme somit auf knapp 30 kg pro jahr! wo liegt das problem ? übrigens: auch alte putzlappen waschen braucht energie etc. ! Antworten
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