Wirtschaft
GM muss sterben, um weiterleben zu können
Von Philipp Löpfe. Aktualisiert am 31.03.2009 12 Kommentare
«Schöpferische Zerstörung» ist ein Lieblingsbegriff der Ökonomen. Geprägt hat ihn der Österreicher Joseph Schumpeter im 19. Jahrhundert und gemeint ist damit, dass Innovation zuerst Destruktion erfordert. Man könne noch so viele Postkutschen aneinanderreihen, es werde daraus nie eine Eisenbahn, pflegte der Österreicher zu dozieren und forderte die Unternehmen auf, zuerst das Alte zu zerschlagen, um so Platz für Neues zu schaffen.
Bei General Motors ist derzeit eine schöpferische Zerstörung in Aktion. «Die alte GM ist tot», sagt James Womack in der «New York Times». «Dieses grosse Ding, das einst das erfolgreichste und einflussreichste Unternehmen der Welt war, existiert schlicht nicht mehr», so der anerkannter Experte der Autoindustrie. Er ist Koautor des einflussreichen Buches «The Machine That Changed The World» und Mitbegründer der schlanken Produktion.
Bonus-System bei GM entwickelt
Der Untergang der alten GM ist ein epochales Ereignis in der Geschichte des Kapitalismus. Kein anderes Unternehmen hat die moderne Industriegesellschaft so geprägt wie der Autohersteller aus Detroit. Unter der Leitung des legendären Managers Alfred P. Sloan wurde GM zum Vorbild des modernen Unternehmens, in dem Produktion, Forschung, Verwaltung, Einkauf, Finanzwesen und Marketing aufeinander abgestimmt wurden. Dieses «wissenschaftliche Management» wurde weltweit zum anerkannten Standard. Noch heute bezeichnet Bill Gates die Autobiographie von Sloan als einzig lesenswertes Managementbuch.
GM war aber auch ein soziales und politisches Experiment. Vom Bonus für Manager bis hin zur Pensions- und Krankenkassenvergütung für die Mitarbeitenden wurde alles zuerst bei GM entwickelt und getestet. Das Unternehmen war in der Nachkriegszeit soziales Versuchlabor und grösster Arbeitgeber des Landes. Sein Einfluss auf die Politik war nicht zu überschätzen, und der legendäre Spruch seines Topmanagers Charles Wilson: «Was gut ist für GM, ist gut für Amerika», war in den Fünfzigerjahren kein Witz, sondern ernst gemeint.
Interne Machtkämpfe
Der unaufhaltsame Abstieg von GM begann in den Achtzigerjahren. Die Japaner bauten effizientere, die Deutschen stärkere Autos. GM beschäftigte sich mit internen Machtkämpfen und verlor zuerst den Anschluss an die technische Entwicklung und danach Marktanteile.
Ist es jetzt auch gut für Amerika, dass die schöpferische Zerstörung von GM beschlossene Sache ist? Konkret bedeutet das zunächst, dass nochmals Zehntausende von Arbeitsplätzen verloren gehen und dass Schuldner und Gewerkschaften erneut kräftige Zugeständnisse machen müssen. Sonst wird das Unternehmen in den Nachlass geschickt. Daran hat Präsident Obama keinen Zweifel gelassen. Das bedeutet auch, dass weitere GM-Marken verschwinden (Pontiac, GMC und Buick) und Chevrolet und Cadillac übrig bleiben werden. Der Verkauf von Saab und Hummer und die Schliessung von Saturn sind bereits beschlossen.
Radikale Kursänderung
Für Opel hingegen erhöht der Entscheid des US-Präsidenten die Überlebenschancen. Der deutsche Vizekanzler Frank-Walter Steinmeier hat einen Rettungsplan ausarbeiten lassen. Er sieht vor, dass GM nur noch eine Minderheitsbeteiligung an Opel hält. Die Mehrheit soll sich aus Anteilen von Opel-Händlern, der Belegschaft, dem Bund, beteiligten Bundesländern und weiteren Partnern mit GM-Standorten in Europa zusammensetzen.
Mit der Entlassung des Chefs Rick Wagoner hat Präsident Obama klar gemacht, dass er eine radikale Kursänderung wünscht. Bisher hat GM auf die Entwicklung der Schwellenländer gesetzt. In China und Indien sollten neue Massenmärkte genügend Profite einfahren, um das unprofitabel gewordene USA-Geschäft zu sanieren. Dieser Strategie ist nun eine klare Absage erteilt worden.
Eine neue Generation von Autos
Obama fordert von Detroit die «nächste Generation von sauberen Autos». GM hat zwar den Volt vorgestellt, ein Elektroauto, das nächstes Jahr in den Verkauf kommen soll. Doch der wird rund 35'000 Dollar kosten. Das ist viel zu teuer, um kommerziell erfolgreich zu sein, wie man inzwischen auch in Washington festgestellt hat.
Dass aus den Trümmern der schöpferischen Zerstörung das Autounternehmen des 21. Jahrhunderts aufsteigen wird, ist deshalb möglich, aber noch lange nicht gesichert. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 31.03.2009, 12:24 Uhr
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12 Kommentare
Einmal mehr bewahrheitet sich: Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Genau gleich wird es auch den europäischen Herstellern von PS-Protzern und Geländepanzer ergehen. Man sollte sich endlich von so genannten 'Lifestyle' - Autos (sprich 'Spielzeuge und Hobbyartike'l) verabschieden und auf hocheffiziente, zweckmässige Fahrzeuge konzentrieren. Nur dies hat Zukunft. Wer's nicht glaubt wird sehen. Antworten
Der Käufer entscheidet was er kauft, nicht Obama. Jeder wünscht sich saubere Autos, aber keiner ist bereit den Aufpreis zu zahlen. Neue Technologien sind zudem nicht nur eine Frage des Willens und des Preises, auch eine der Machbarkeit, Utopie ist der schlechteste Ratgeber. In der Autoindustrie ist die Optimierung durch den Konkurrenzkampf ausgereizt, da ist keine Lücke für Obama-Rettungsideen. Antworten
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