Gefährliches Sicherheitsgefühl

Der erste Tote und mehrere Unfälle legen die Schwächen von Tesla-Autopilot bloss.

Tesla Model S: So funktioniert der Autopilot. Video: heise online


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«Ihr Autopilot ist angekommen», schwärmte Elon Musk, als er letzten Herbst die Version 7.0 vom Tesla-Selbstfahrsystem vorstellte. «Das Auto kann fast alles machen», pries Tesla-Chef Musk den elektronischen Fahrer Monate zuvor an einem Anlass. Tesla sei es gelungen, die Entwicklung des Autopiloten zu «beschleunigen» und diesen «schneller auf den Markt zu bringen, als ursprünglich angenommen».

Jetzt rächt sich womöglich, dass Musk aufs Tempo drückte. BMW etwa will erst 2021 selbstfahrende Autos anbieten. Ein Tesla produzierte den ersten tödlichen Unfall mit einem selbstfahrenden Auto. Er ereignete sich im Mai, wird nun von der US-Behörde für Strassensicherheit untersucht. Und es ist kein Einzelfall. Inzwischen wurden weitere Fälle bekannt, bei denen abgeklärt wird, ob der Auto­pilot vor dem Unfall aktiviert und wie weit er dafür verantwortlich war. Jüngst gab es am 1. Juli zwei Verletzte im US-Staat Pennsylvania: Der Fahrer eines Tesla X sagte, es habe geknallt, da der Autopilot ein Hindernis übersehen habe.

Zwar deklarierte Tesla den Autopiloten als Beta-Version. Tesla wies die 70'000 Fahrer, die die neue Steuersoftware für 2500 Dollar aktivieren konnten, explizit darauf hin, sie müssten ihre Hände auch im Selbstfahrmodus am Steuer lassen und die Augen auf die Strasse richten. Viele Fahrer übersahen oder ignorierten jedoch die Warnungen, als sie sahen, wie akkurat der Autopilot die Spur hielt, nach dem Antippen des Blinkers auf der frei werdenden Spur selbstständig überholte, ohne Zutun lenkte, bremste oder Gas gab, um im Verkehr mitzuhalten.

Schlafen während des Fahrens

Eine Studie der US-Universität Virginia Tech zeigt, wie abgelenkt Fahrer sind, die den Bordcomputer die Spur halten liessen. Sie fingen an zu essen, griffen nach Gegenständen auf der Rückbank, stellten Nummern auf dem Handy ein und telefonierten, schrieben SMS und E Mails. Immer länger wurden die Intervalle, in denen sie nicht auf die Strasse schauten. Fünf bis acht Sekunden brauchen Fahrer laut der Studie, bis sie das Auto wieder im Griff haben. Eine Ewigkeit in einer brenzligen Situation.

Jenga spielen in einem fahrenden Tesla Model S. Video: Slow News Day

In Videos auf Youtube ist zu sehen, wie vertrauensselig manche Fahrer sind, die dem Auto das Steuer überlassen. Manche nehmen darin demonstrativ die Hände vom Steuer. Zwei Typen trauen dem Autopilot im geliehenen Tesla so weit, dass sie anfangen, Jenga und Checkers zu spielen. Ein anderes ­Video zeigt, wie der Besitzer schläft, während der Tesla steuert. Der tödlich verunfallte Tesla-Fahrer schaute laut einem Zeugen einen Harry-Potter-Film, als er in einen Sattelschlepper krachte.

Die Unfälle machen klar: Der offensiv vermarktete Autopilot ist bloss ein ­Assistent, den Grenzsituationen überfordern können. Beim tödlichen Unfall erkannte der Tesla einen querenden Lastenzug nicht. Dessen Fahrer hatte im April ein Video hochgeladen, in dem er den Mangel beschrieb und dem Radar im Tesla zuschrieb. Mehrere andere Tesla-Fahrer meldeten, der Autopilot habe Mühe, stehende Fahrzeuge oder Hindernisse zu erkennen.

Nicht alle Objekte erkennbar

Tesla nimmt den Standpunkt ein, der Autopilot habe in jedem Fall just so funktioniert wie vorgesehen. Im Bordhandbuch stehe dazu, das System «kann nicht alle Objekte erkennen und bremst oder verlangsamt womöglich nicht wegen stehender Fahrzeuge». Der Auto­pilot sei «kein Kollisionswarnungs- oder -vermeidungssystem». Tesla Schweiz spricht von «Fahrassistenzsystemen». Und streicht heraus, auf 200 Millionen mit Autopilot gefahrene Kilometer sei die Unfallrate markant tiefer als bei herkömmlichen Autos. Kritische Statistiker sagen, der Vergleich hinke.

Im März 2015 brüstete Musk sich, bald führen Tesla «sich selbst von Parkplatz zu Parkplatz». Bis dahin dürfte es noch etwas länger dauern. Befürworter der Technik befürchten, dass die Unfälle deren Einführung verlangsamen. Andere Autofirmen lassen sich viel Zeit mit selbstfahrenden Autos. Die Optimierung von Strassen und Signalisation für digitale Systeme dauert, die Schaffung von 3-D-Karten ist aufwendig. Volvo begrenzt Tests 2017 mit 100 Wagen auf die Umgebung der Stadt Göteborg, die mit 3-D-Technik kartografiert ist. VW will Selbstfahrautos erst 2020 lancieren.

Tesla hat den Gebrauch des Autopiloten inzwischen eingeschränkt, etwa in Quartieren, auf Trassen ohne Mittel­linie. Thema ist auch, ob in Tesla, deren Fahrer chronisch Warnsignale ignorieren, der Autopilot deaktiviert wird. Tesla ist gefordert, den Kunden mehr Selbstdisziplin zu vermitteln. Gelingt dies nicht, könnten selbst liberale Staaten wie Kalifornien, die den Selbstfahrmodus zulassen, Hongkongs Beispiel folgen, das im November die Abschaltung des Autopiloten verlangte. Die EU prüft, ob der Autopilot eine Zulassung braucht.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.07.2016, 21:16 Uhr

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