Geldblockade an der Bahnhofstrasse

Immer mehr Banken verweigern Ausländern die Auszahlung grosser Bargeldbeträge. Die Institute befürchten, sie könnten mit den Steuerbehörden anderer Nationen Probleme bekommen.

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«Wir zahlen Ausländern keine grösseren Mengen Bargeld mehr aus», sagt Urs Ackermann, Pressesprecher bei der Zürcher Kantonalbank (ZKB). «Wir sind in einer neuen Welt, und da ist es klar: Wer grosse Bargeldbeträge abziehen will, der will sie vor den Steuerbehörden verstecken», sagt Ackermann weiter.

Ähnliches ist von der Credit Suisse zu hören. Auch sie zahlt keine grösseren Bargeldbeträge mehr aus, wie Pressesprecher Marc Dosch bestätigt: «Bargeldabhebungen sind klar geregelt.» Details will er keine bekannt geben. Etwas unverbindlicher tönt es bei der Bank Vontobel. Sie zahlt Kunden Geld «wenn möglich nicht bar» aus, sagt Sprecher Reto Giudicetti. Man lege Wert darauf, dass man den Weg des Geldes nachverfolgen könne. Bei einer Barauszahlung lässt sich kaum überprüfen, wohin der Kunde das Geld trägt.

Finma beobachtet

Und genau das will man vermeiden, denn wenn mit den Deutschen und den Engländern in den nächsten Monaten wie geplant ein Abkommen über eine Abgeltungssteuer abgeschlossen werden kann, muss auf den Konten der Steuersünder Geld sein, ansonsten platzt der Deal. Wie aus Verhandlungskreisen zu hören ist, wollen die Deutschen zudem Auskunft über jene Steuersünder, die in den letzten Monaten Geld abgezogen haben. Das wird die Schweiz kaum verweigern können. Darum macht auch die Finanzmarktaufsicht (Finma) Druck. «Die Finma intensiviert ihre Aufsichtstätigkeit im Zusammenhang mit den Risiken aus dem grenzüberschreitenden Finanzdienstleistungsgeschäft», sagt Sprecher Tobias Lux: «Hohe Barauszahlungen können in diesem Zusammenhang je nach ausländischer Jurisdiktion ebenfalls ein Risiko darstellen.» Beispielsweise gilt dies in Deutschland auch im Zusammenhang mit Steuerdelikten als Beihilfe zur Geldwäscherei.

Vontobel: Bargeld für teure Uhr

Die Praxis der Banken ist uneinheitlich. Bei Vontobel gibt es Ausnahmen. Ist für Vontobel einsichtig, weshalb ein Kunde einen grösseren Geldbetrag einfordert, wird ihm dieser – auf Wunsch auch bar – ausgehändigt. Beispielsweise wenn jemand an der Bahnhofstrasse eine 30'000 Franken teure Uhr kaufen will, dies aber nicht mit der Kreditkarte tun will. «Die Plausibilität ist relevant, nicht die Höhe des Betrages», betont der Vontobel-Sprecher. Keine solche «Ausreden» akzeptiert die ZKB. «Das Auszahlungsverbot wird ausnahmslos durchgesetzt», sagt Ackermann, «Protest nutzt nichts, und vor Gericht ging bisher keiner.» Ganz anders ist ausgerechnet die Position der UBS. Sie hat laut Serge Steiner überhaupt keine Obergrenze, was Bargeldauszahlungen anbetrifft.

Bank kann Verlagerung stoppen

Thomas Sutter von der Schweizer Bankiervereinigung stützt diese Position. Gebe es keinen Verdacht auf Geldwäsche, könne der Kunde über sein Geld verfügen. «Die Bank kann dem Kunden den Zugriff auf sein Geld nicht verweigern.» Laut Sutter haben die Banken lediglich die Verpflichtung, die zwischenstaatlichen Steuerabkommen nicht zu übergehen, indem sie Kunden aktiv dazu animieren, unversteuerte Gelder an sicherere Orte zu verschieben. Wenn allerdings ein Kunde etwa Geld von seinem UBS-Konto in der Schweiz auf ein Konto der Grossbank in Singapur verschieben will, wird ihm das die UBS verweigern. Der Verwaltungsrat der Bankiervereinigung hat einen entsprechenden Beschluss gefällt. Die Mitgliedbanken sind angehalten, dieses Gentlemen’s Agreement in der Praxis umzusetzen. Dessen ungeachtet gilt nach Sutter: «Der Kunde kann über sein Geld verfügen.»

Hinter den Kulissen ist allerdings zu hören, dass die Bankiervereinigung an einem Papier arbeitet, das diese Aussage relativiert. Der Grund, warum die Kunden nicht mehr bei allen Banken frei sind, ist die Tatsache, dass immer mehr Bankangestellte ins Visier ausländischer Justizbehörden geraten. Aus US-Gerichtsunterlagen geht hervor, dass alle ehemaligen Angestellten des Amerikadesks der UBS – und wohl auch ihre Kollegen von der CS – bei der Einreise mit der Verhaftung rechnen müssen.

ZKB-Präsident an Grenze gefilzt

Auch Deutschland und Frankreich schikanieren Exponenten des Schweizer Finanzmarkts nach Kräften. Wenn immer die Verhandlungen stocken, werden deutsche CS-Filialen durchsucht und ein paar Mitarbeiter angeschuldigt. Vor ein paar Monaten wurde Urs Oberholzer, Präsident der ZKB, an der Grenze zu Deutschland gefilzt. «Wir wissen schon, wer Sie sind», sagten die Grenzbeamten und durchwühlten die Aktentasche. Ähnliches passierte dem Chefjuristen einer grossen Lebensversicherung, als er nach Paris reisen wollte. Schon im Zug wurde er gefilzt, und in Paris wartete die Polizei am Bahnhof und befragte ihn stundenlang. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 20.03.2011, 22:29 Uhr)

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