Wirtschaft
Gemüsefachmann: «Aldi erhält genau die gleiche Ware»
Gemüsefachmann
Hans-Peter Kocher ist in Arch in einer Bauernfamilie aufgewachsen. Seit dem Abschluss des damaligen Landwirtschaftlichen Technikums in Zollikon ist Kocher in verschiedenen Funktionen beim kantonalen Bildungs-, Beratungs- und Tagungszentrum Inforama Seeland in Ins tätig. Seit bald 20 Jahren leitet der 61-Jährige die Fachstelle für Gemüsebau. Kocher ist verheiratet, hat sechs Kinder und wohnt in Murten.
Herr Kocher, ist für Sie Gemüse auch nur Beilage?
Nein, das Gemüse macht bei uns einen wichtigen Teil des Menüplans aus.
Was ist Ihr Lieblingsgericht?
Russischer Salat, von meiner Frau vollständig selber zubereitet.
Das entspricht nicht gerade dem Trend zu einer leichten, gesunden Ernährung. Dennoch: Hilft dieser Trend den Gemüsebauern?
Ja, das ist ihre grosse Chance. Mit ihren Produkten können die Gemüseproduzenten einen Beitrag zur Gesundheit der Bevölkerung leisten. In Zukunft wird sicher noch mehr Gemüse konsumiert.
Wenn man Bilder von tonnenweise überschüssigem spanischen Gemüse sieht, das im Abfall landet, kann einem der Appetit vergehen. Gibt es das auch im Seeland?
Sicher nicht in dieser Grössenordnung. Es tut aber weh zu sehen, was wir wegen unserer hohen Qualitätsanforderungen alles wegwerfen müssen. Manchmal reicht es schon, wenn eine Gurke 30 Gramm zu schwer oder ein Kopfsalat 20 Gramm zu leicht ist.
Was passiert mit mangelhaftem Gemüse?
Das wird meist einfach untergepflügt. Wenn man die Mühe dahinter sieht, fragt man sich, ob unsere Ansprüche nicht zu hoch sind.
Der Frühling war viel wärmer als erwartet. Was bedeutete das für die Gemüseproduzenten?
Plötzlich war viel zu viel Ware im Angebot, was die Preise für die Produzenten fallen liess. Die Konsumenten haben davon aber kaum profitiert. Wenn die Gemüsebauern zum Beispiel für Zucchetti 80 Rappen pro Kilogramm erhalten, diese im Laden dann aber für 3,40 Franken offen angeboten werden, stimmt etwas nicht.
Verdienen sich die Grossverteiler auf dem Buckel der Gemüsebauern eine goldene Nase?
Das ist eine heikle Frage. Tatsache ist, dass sich das Einkommen der Bauern in den letzten Jahrzehnten kaum verändert hat, die Grossverteiler verdienen mit Gemüse aber immer mehr. Wenn der Gemüsebau in der Schweiz bei zunehmendem Freihandel überleben soll, müssen Grossverteiler und Bauern besser zusammenarbeiten.
Coop und Migros beherrschen den Markt. Sind ihnen die Bauern auf Gedeih und Verderb ausgeliefert?
Sie kommen nicht um die beiden Grossen herum – die Macht ist einseitig verteilt. Coop und Migros haben als Hauptabnehmer aber auch viel für die Landwirtschaft getan.
Was hat der Markteintritt von Aldi verändert?
Die ersten Lieferanten hatten zuerst ein schlechtes Gewissen, den «Eindringling» zu beliefern. Das war so wie damals, als Migros die Dorfläden konkurrenzierte. Für die Produzenten sind die Preise nicht gesunken. Die Konsumenten profitieren jedoch von tieferen Preisen, weil Aldi die etablierten Grossverteiler unter Druck setzt.
Der Migros-Chef behauptete kürzlich, die Qualität gewisser Frischprodukte bei Aldi sei minderwertig. Wie sieht das beim Gemüse aus?
Aldi kauft bei den gleichen Händlern ein wie Coop oder Migros und erhält die gleiche Ware. Also ist auch die Qualität die gleiche.
Das Gemüseangebot ist recht konservativ. Gibt es dennoch Trends?
Es gibt immer wieder Versuche mit neuen Arten, wie vor Jahrzehnten mit Rondini oder Patisson. Damit der Grossverteiler jedoch ein neues Produkt ins Sortiment aufnimmt, muss der Produzent garantieren, dass er die ganze Saison liefern kann – ob das Produkt nun gut oder schlecht verkauft wird. Für den Gemüsebauern ist das ein grosses Risiko. Der Trend geht derzeit weniger in Richtung neue Sorten als zu verarbeiteten Produkten. Der Convenience-Bereich, zum Beispiel Fertigsalate, wird weiter an Bedeutung gewinnen.
Warum soll man eigentlich Gemüse aus dem Seeland und nicht billiges Importgemüse kaufen?
Es schafft Verdienstmöglichkeiten in der Schweiz. Zudem werden bei uns Sozialstandards eingehalten. In Spanien arbeiten die Leute teilweise für 20 Euro pro Tag.
Die Qualität des Schweizer Gemüses ist nicht besser?
Nein, Gemüse aus dem EU-Raum ist unseren Produkten qualitativ ebenbürtig. Dass Gemüse in der Schweiz teurer ist, hat vor allem mit den Ansprüchen an die Sortierung zu tun. In Deutschland wird zum Beispiel vier Kilogramm schwerer Kabis verkauft, bei uns dürfen Kabisköpfe nur noch weniger als ein Kilo wiegen.
In den letzten Jahren wurde das Gemüse zwar immer schöner, dafür schmeckt es nach nichts mehr. Wann kann man wieder Tomaten kaufen, die nach Tomaten schmecken?
Sobald die Konsumenten Qualitätsprodukte finanziell honorieren. Die Marge der Gemüsebauern ist in den letzten Jahrzehnten stetig gesunken. Sie waren deshalb gezwungen, mehr zu produzieren. Weil Lebensmittel nichts kosten dürfen, wurde nur auf Kilogramm und nicht auf Geschmack gezüchtet. Der grösste Teil der Konsumenten ist auf den Preis und das Aussehen fixiert.
Umweltschützer und auch einzelne Bauern befürchten, dass der Boden im Seeland wegen der Erosion bald nichts mehr hergibt. Ist diese Angst begründet?
Nein. Der Torfboden ist zwar zusammengesackt, weil man mit den Juragewässerkorrektionen den Grundwasserspiegel zuerst gesenkt und jetzt stabilisiert hat. Kaputt ist der Boden deswegen aber nicht. Heute noch gibt es im Grossen Moos Stellen, wo die Torfschicht 32 Meter dick ist.
Haben Sie zu Hause eigentlich auch einen Gemüsegarten?
Ich habe zwar einen Garten, pflanze aber nur wenig Gemüse an. Ich decke mich wie der Durchschnittsschweizer beim Grossverteiler ein. Wahrscheinlich nehme ich das Gemüseregal aber kritischer unter die Lupe. (Der Bund)
Erstellt: 20.08.2009, 10:12 Uhr
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