Glencore zahlt in der Schweiz seit dem Börsengang «null» Steuern

Dank Reorganisationen und Abschreibern fiel seit 2011 keine Einkommenssteuer mehr an.

Kassiert schon wieder über 100 Millionen Dollar Dividende steuerfrei: Glencore-Chef Ivan Glasenberg.

Kassiert schon wieder über 100 Millionen Dollar Dividende steuerfrei: Glencore-Chef Ivan Glasenberg. Bild: Reuters

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Am Hauptsitz von Glencore in Baar ZG versteht man die Aufregung nicht. Glencore und die 500 Partner, denen die Firma bis zum Börsengang im Mai 2011 gehörte, hätten in der Schweiz in den letzten zwei Jahren zusammen 1,6 Milliarden Franken an Einkommenssteuern bezahlt, sagt ein Glencore-Sprecher. Und weiter: 2011 habe Glencore weltweit 1,1 Milliarden Steuern und Abgaben bezahlt. Wie viel davon in der Schweiz, sagt er nicht.

Letztlich wird in Baar anerkannt, was ein Blick in Glencores vorläufigen Geschäftsbericht 2012 zeigte: Die Firma hat in der Schweiz weder für letztes Jahr noch für 2011 Einkommenssteuern abgeliefert. Das deckt sich mit der Aussage, die Glencore-Chef Ivan Glasenberg am Dienstag an einer Präsentation vor Parlamentariern in Bern machte: Glencore zahle in der Schweiz «zero», also null Steuern, sagte Glasenberg auf Nachfrage der Zürcher SP-Nationalrätin Jacqueline Badran. Glencore zahle aber Kapitalsteuer, schob Glasenberg nach.

Wie ist das möglich?

«Wie ist so etwas überhaupt möglich», fragt sich wohl nicht nur Badran. Dass der weltgrösste Rohstoffhändler in der Schweiz schon für 2011 keine Steuern zahlte, machte der TA vor Jahresfrist publik. Der Hauptgrund dafür sei eine Reorganisation des Unternehmens im Vorfeld des Börsengangs, stand dazu im Geschäftsbericht 2011. In Folge davon erhielt Glencore für 2011 eine Steuergutschrift von 264 Millionen Dollar, während 2010 noch Steuerauslagen von 234 Millionen Dollar ausgewiesen worden waren. Die Differenz beträgt immerhin eine halbe Milliarde.

Die Schweizer Steuerbehörden hätten es so gewollt, heisst es in Baar. Vor dem Börsengang habe man diskutiert, wer die fällig werdenden Steuern für die in früheren Jahren von Glencore zurückbehaltenen Gewinne begleichen solle. Die Behörden hätten darauf bestanden, dass die Partner von Glencore, denen die Handelsfirma vor dem Börsengang gehörte, die Steuern übernehmen – und nicht die Firma. Im Gegenzug habe Glencore Steuergutschriften erhalten, von denen man jetzt zehre.

Gutschrift für Reorganisation

Steuergutschriften sind auch im Geschäftsjahr 2012 ein Hauptgrund, dass bei Glencore keine Schweizer Einkommenssteuer anfiel. Hinzu kommt, dass Glencores Saldo der steuerlichen Verlustvorträge 2012 von 2,1 auf 2,9 Milliarden Dollar stieg. Warum genau, steht nicht im vorläufigen Geschäftsbericht 2012. Verlustvorträge kann die Firma in der Schweiz sieben Jahre steuermindernd gegen Gewinne verrechnen.

Wie gezielt internationale Firmen wie Glencore, die in der Schweiz Konzernfunktionen und Handelstätigkeiten ansiedeln, steuersenkende Praktiken nutzen, zeigen zwei Abschreiber 2012. Glencore drückte den operativen Gewinn von 4,5 Milliarden Dollar, indem die Firma die Beteiligung am russischen Alukonzern Rusal über die Erfolgsrechnung um 1,2 Milliarden Dollar abschrieb – wegen der unsicheren Aussichten im Aluweltmarkt. Zudem wurde im Hinblick auf die Fusion mit dem Minenkonzern Xstrata die Beteiligung von 34 Prozent, die Glencore an Xstrata hielt, mittels «interner Reorganisation» zu einer anderen Gesellschaft verschoben.

Milliarden Dividende steuerfrei

Diese Verschiebung habe Verlustvorträge verursacht, die 2012 zu einer Steuergutschrift von 544 Millionen Dollar «kristallisiert» seien. Am Schluss blieb 2012 noch eine Milliarde Dollar Gewinn übrig.

Steuerfreiheit ist auch bei den Dividenden Trumpf. Glencore nutzt wie andere Firmen die Vorteile der 2011 eingeführten Unternehmenssteuerreform II, die dank des damaligen Finanzministers Hans-Rudolf Merz zustande kam. Der Konzern schüttet für letztes Jahr 735 Millionen Dollar Dividende aus Kapitalreserven aus, was in der Schweiz steuerfrei ist. Glasenberg, dem gut 15 Prozent von Glencore gehören, kassiert also über 100 Millionen Dollar Dividende ohne Steuern. Auch für das Jahr 2011 waren an Glasenberg gut 100 Millionen Dollar Dividende steuerfrei geflossen. Glencores Aktionäre zahlen auf Dividenden in der Schweiz auf Jahre hinaus keine Steuern: Die Firma hat in Bern 13,4 Milliarden Franken steuerfrei ausschüttbare Kapitalreserven angemeldet. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 14.03.2013, 07:19 Uhr)

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