Wirtschaft
Google kämpft um Millisekunden
Von Walter Niederberger. Aktualisiert am 16.06.2011 2 Kommentare
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Wer sich im Internet schlaumachen will, kommt um Google (GOOG 591.53 -2.01%) nicht herum. Über eine Milliarde Anfragen pro Tag verarbeitet das Unternehmen – und kontrolliert so mehr als 80 Prozent des globalen Marktes. Dies aber ist nicht genug. Google weitet seine Suchmaschine auf verbale Anfragen aus und hilft den Nutzern sogar, eigene Fotos zu identifizieren. Die Absicht ist klar: «Je mehr Nutzer eine Suche starten, desto besser für uns», sagt Amit Singhal, der eigentliche Architekt der Suchalgorithmen, «wir können unsere Modelle noch mehr verfeinern und Geschwindigkeit noch einmal erhöhen.»
Je weiter aber Google das Suchnetz auswirft, desto mehr wissen Software-Ingenieure wie Amit Singhal auch über die Nutzer. Die gesammelten Datenmengen erlauben es heute Google, individuelle Suchanfragen mit hoher Wahrscheinlichkeit vorwegzunehmen und die gewünschten Resultate praktisch ohne jede Verzögerung zu liefern. «Wir sind total besessen von der Zeit», erklärte Singhal diese Woche zu den jüngsten Entwicklungen der Suchmaschine. «Je schneller wir eine Anfrage beantworten können, desto besser für die Kunden und für uns.»
230 Milliarden Sprachdaten
Auch wenn die Suchformeln noch als striktes Geschäftsgeheimnis behandelt werden, so zeigen die neuesten Anwendungen doch, wie intensiv Google die Nutzerdaten für eigene Zwecke auswertet. Beispiel Voice Search: Die mündliche Suchanfrage wurde vor zwei Jahren in Nordamerika probeweise für Smartphones eingeführt. Alles in allem wurden dafür mehr als 230 Milliarden Spracheingaben gesammelt und auf Aussprachen, regionale Wortbildungen und grammatikalische Besonderheiten hin ausgewertet. Was als mobile Anwendung gedacht war, steht so heute in verfeinerter Form auch für Desktop-Computer bereit. Google schätzt, mit der eigenen Spracherkennung weltweit rund fünf Milliarden Menschen erreichen zu können.
Die endlose Verfeinerung des Suchprozesses ist noch immer die grosse Triebkraft des Unternehmens. Es ist dies nach Ansicht von Internetexperten der entscheidende Vorteil, der es Google erlaubt, Konkurrenten wie Bing, Facebook oder Twitter auf Distanz zu halten. Der erste Algorithmus geht auf Mitbegründer Larry Page zurück. Seine zündende Idee war, das kollektive Wissen des Internets zu nutzen, indem er 1997 die Suchresultate erstmals nach Anzahl und Wichtigkeit der damit verbundenen Links sortierte. Amit Singhal war es dann, der 2000 zu Google stiess und die Algorithmen permanent weiterentwickelte. «Wir arbeiten Tag und Nacht daran, die Suche noch besser und schneller zu machen.» Pro Jahr gibt er zusammen mit seinem Team zwischen 500 und 600 Anpassungen in Auftrag. Der letzte grosse Umbau dieses Frühjahrs diente dazu, die wachsende Zahl von «Content Farmen« auszuschalten. Es sind dies Billigkonkurrenten, die mit Pseudowebseiten versuchen, die Google-Algorithmen zu kopieren und Werbegelder für sich abzuzweigen. Die Suchmaschine setzt bereits mehr als 200 Kriterien ein, um die Ergebnisse zu rangieren.
Ein Teil dieser Suchsignale wird intern entwickelt, so etwa an «Crazy Search Ideas»-Seminarien. Zusätzlich beschäftigt Google rund um die Welt Hunderte von Angestellten, die neue Algorithmen durchtesten und melden, wenn die Suchergebnisse nicht halten, was man sich versprach. Die wichtigste Quelle aber sind die rund eine Milliarde Google-Nutzer selber. Wenn die Software-Ingenieure auswerten, welche Synonyme die Kunden verwenden, um ein besseres Resultat zu bekommen; in welcher Reihenfolge sie die Ergebnisse anklicken, in welchem Teil eines Landes welche Anfragen gestellt werden und wann – abgestimmt auf diese Einzeldaten kann Google die Suchmaschine noch präziser einstellen. Ohne dass es die Nutzer wüssten, unterzieht der Konzern die Maschine jedes Jahr einer Generalüberholung. Singhal vergleicht dieser Arbeit mit dem Auswechseln eines Triebwerks am fliegenden Flugzeug.
Kein Sommerloch mehr
Auch eine weitere der jüngsten Anwendungen ist in diesem Licht zu sehen. Google bietet neu einen Suchdienst an, mit dem Nutzer ihre alten Fotos einordnen lassen können. Als Beispiel zeigte Singhal ein Foto einer griechischen Ferieninsel. Das in die Suchmaschine eingegebene Bild wird in Einzelteile zerlegt, zum Beispiel in eine Meeresbucht, einen Strandweg und eine Nachbarinsel. Diese Einzelteile werden mit der Google-Bilderdatenbank abgeglichen und zu einem Suchresultat zusammengefasst, das dem Nutzer mit hoher Wahrscheinlichkeit die gewünschte Auskunft gibt. Genutzt würden die Fotos nur anonym, versichert Singhal. Zugleich dient jedes neue Foto wiederum dazu, die nächste, ähnliche Suchanfrage einzugrenzen.
Getrieben wird Google vom knappen Zeitbudget der Nutzer. Interne Untersuchungen zeigen, dass mobile Geräte wie das Smartphone das Suchverhalten verändert haben. Mit dem Computer gab es früher ein Sommerloch und eine Delle über Weihnachten; Zeiten, in denen die Anfragen messbar zurückgingen. Das ist anders mit den mobilen Geräten. Nutzer sind fast immer aktiv. Ihre Aufmerksamkeitsspanne ist dafür noch kleiner geworden. Singhal glaubt, mit den letzten Korrekturen an der Suchmaschine für jede Anfrage zwischen vier und zehn Sekunden weniger zu brauchen als zuvor. «Selbst wenn wir nur 50 Millisekunden sparen, so bleiben die Nutzer länger bei Google. Eine echte Win-win-Situation.» (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 15.06.2011, 20:32 Uhr
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2 Kommentare
Zeit ist wichtig Qualität aber relevanter. Hier wird Google eher schlechter. Veraltete Seiten aus Jahren wie 2002 sind oft unter den ersten 10 Treffer, kommerzielle Webseiten häufen sich und die einst hervorragende Themenrelevanz nimmt ab. Anstelle von Millisekunden und Datensammeln also besser auf Trefferqualität setzen, denn was bringt eine Sekunde, wenn Recherchen 30 statt 10 Minuten dauern? Antworten
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