Gottes Notgroschen

Was tut der Vatikan mit seinen Finanzreserven? Durchgesickerte Zahlen erlauben eine Auslegeordnung. Dabei kommen Gebäude im Herzen von Paris zum Vorschein – und zehn Firmen in der Schweiz.

1,75 Milliarden Lire in die Vatikankassen: Benito Mussolini unterzeichnet 1929 die Lateranverträge. Foto: Collection Roger-Viollet (AFP)

1,75 Milliarden Lire in die Vatikankassen: Benito Mussolini unterzeichnet 1929 die Lateranverträge. Foto: Collection Roger-Viollet (AFP)

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Die Häuserreihe sieht nicht ausser­gewöhnlich aus. Vier Stockwerke plus Dachgeschoss, schmiedeiserne Balkongeländer, daran Geranien, dahinter ­weisse Campingstühle. An der Avenue de Florimont in Lausanne wohnt der ­solide Mittelstand.

Interessant sind nicht die Mieter. Interessant ist, an wen sie ihren Mietzins bezahlen: an den Heiligen Stuhl. Der Vatikan besitzt die vier Aktiengesellschaften, denen die vier Gebäude gehören.

Es gibt weitere solche Häuser in der Romandie. Insgesamt verfügt der Vatikan in Genf und Lausanne über mindestens ein Dutzend Mehrfamilienhäuser, verteilt auf acht Immobiliengesellschaften und zwei Handelsfirmen – die ­Profima SA in Genf und die Diversa SA in Fribourg. Dies ergibt sich aus dem Handelsregister sowie aus vertraulichen ­Bilanzdaten des Vatikans, die das italienische Magazin «L’Espresso» publik gemacht hat. In den internen Büchern sind die Gesellschaften mit einem Wert von 18 Millionen Euro aufgeführt. Sie dürften allerdings stark unterbewertet sein: Der Vatikan wendet in diesem Bereich keine internationalen Buchhaltungsstandards an.

Lausanne, Genf, Fribourg

Es hat Tradition, dass die Banker des Papstes in der stabilen Schweiz Reserven parkieren. Die Genfer Profima SA ­arbeitet seit 1929 mit dem Heiligen Stuhl zusammen. Die Firma wurde zum Gefäss für Investments in aller Welt, etwa in die Banque Française et Italienne pour L’Amérique du Sud, die der katholischen Kirche als Brücke nach Südamerika diente. In den 30er-Jahren begann der Zukauf von Schweizer Immobilien, gesteuert von Bernardino Nogara, dem legendären «Banker Gottes». Nogara hielt dabei den Vatikan diskret im Hintergrund; niemand sollte erfahren, wo er sein Vermögen anlegte.

Geld war reichlich vorhanden. Es entsprang zum grossen Teil einem Deal zwischen Papst Pius XI. und Benito Mussolini im Jahr 1929. Mit den sogenannten Lateranverträgen beendeten die beiden Seiten damals einen jahrzehntelangen Streit. Der Heilige Stuhl anerkannte Rom als italienische Hauptstadt, im Gegenzug akzeptierte Mussolini den Vatikan als souveränen Stadtstaat und den Papst als «unverletzlich und heilig».

Gleichzeitig zahlte der Duce 1,75 Milliarden Lire an den Papst – als Entschädigung für die Ländereien, die der Kirchenstaat zu Beginn des Konflikts im Jahr 1870 an Italien verloren hatte. Nach heutiger Kaufkraft entspricht der Betrag rund 13 Milliarden Euro. «Das Papsttum war damit finanziell gesichert. Nie wieder würde es an Armut leiden», schreibt der englische Historiker John Pollard. Das Lateran-Geld versprach einen ständigen Fluss von Gewinnen.

Staatspräsident als Mieter

Nur ein Teil des neuen Reichtums ging in die Schweiz. Bernardino Nogara verteilte ihn in ganz Europa, investierte in Immobilien, Wertpapiere, Beteiligungen. In Paris kontrolliert der Heilige Stuhl via die Strohfirma Sopridex verschiedene Gebäude im Herzen der Stadt – Staatspräsident François Mitterrand lebte einst in einer der noblen Wohnungen. Die Firma beschäftigt einen Direktor, drei Angestellte sowie 16 Pförtner. Der verbuchte Wert des Paris-Portfolios: 47 Millionen Euro. Auch in London kaufte Nogara ein, die dortige Basis ist heute die British Grolux Investments Ltd. Daran angedockt sind unter anderem ein Gebäude am teuren St. James Square und eines an der New Bond Street 168, in dem die Luxuskette Bulgari eingemietet ist.

Auch eine Reihe von Immobilien in Italien gehört zum Notgroschen. Um die Administration kümmert sich eine Spezialabteilung der vatikanischen Vermögenswaltung Apsa (Amministrazione del Patrimonio della Sede Apostolica). Im Gegensatz zur Vatikanbank sind deren Bücher nicht publik. Laut «L’Espresso» beträgt der Wert aller Apsa-Immobilien per 2013 auf 342 Millionen Euro. Zum Vermögen gehören aber ebenso Wertpapiere, Goldbarren und Bargeld. Insgesamt soll der Wert der Anlagen 1 Milliarde Euro überschreiten. Die einzige Vergleichszahl stammt von einem Bericht des Europarats über Geldwäscherei von 2012; damals gab die Apsa an, 680 Millionen Euro zu verwalten.

Es werde Licht

Für Vatikanvertreter handelt es sich bei den jetzt öffentlich gemachten Zahlen um «Spekulation». Der maltesische Ökonom Joseph Zahra ist einer der Spezialisten, den Papst Franziskus nach Rom berufen hat, um die Finanzen in Ordnung zu bringen. Er sitzt im neu gegründeten 15-köpfigen Wirtschaftsrat, der in Geldfragen die Oberaufsicht ausübt. Er sagt, man sei noch damit beschäftigt, die Besitztümer des Heiligen Stuhls umfassend zu bewerten. «In Zukunft werden wir diese Zahlen öffentlich machen.»

Solche Worte kommen einer Revolution gleich. Früher galt der Vatikan als Dunkelkammer. Papst Benedikt XVI. leitete erste zaghafte Reformen ein, aber es war Franziskus, der daraus einen Erd­rutsch machte. Es begann bei der Vati­kan­bank, dem Istituto per le Opere di ­Religione (IOR). Von Skandalen zerfressen wie kaum ein anderes Geldinstitut, war lange fraglich, ob Franziskus sie gleich ganz schliessen würde. Am Ende entschied er sich dagegen – zu gross sind die Vorteile für die weitverzweigte ­katholische Kirche, eine eigene Gelddrehscheibe zu haben.

Aber wenn eine Bank, dann eine saubere, muss sich Franziskus gesagt haben. Der Generaldirektor und dessen Stellvertreter wurden gefeuert, gegen sie laufen Geldwäschereiverfahren. Externe Revisoren überprüften jedes Kundenkonto. 3000 davon löste man auf. Nur noch Personen und Institutionen mit Kirchenbezug dürfen Kunden sein. Es gibt keine Nummernkonten mehr.

Der Umbau geht weit über die Vati­kanbank hinaus. Die Reformer schufen ein neues Wirtschaftssekretariat, das für Finanzfragen zuständig ist, ein Teil der Apsa wurde ihm einverleibt. Jetzt, im Sommer 2014, wird viel über eine neue Abteilung namens «Vatican Asset ­Management» gesprochen, die sich künftig um die Verwaltung des Vatikanvermögens kümmern soll – wohl auch um die Schweizer Häuser.

Noch nicht die ganze Wahrheit

Neu ist auch, öffentlich Rechenschaft abzulegen. Eben publizierte die Vatikanbank ihren zweiten Jahresbericht. Darin werden die wesentlichen Punkte kommuniziert. Anzahl Konti: 17 419. Kundenvermögen: 5,9 Milliarden Euro. Reingewinn: 2,9 Millionen. Solche Zahlen soll es künftig für alle Bereiche des Heiligen Stuhls geben. Dann wird sich überprüfen lassen, ob «L’Espresso» mit seinen Enthüllungen recht hat: dass der Vatikan mit allen Nebenästen und Stiftungen 9 bis 10 Milliarden Euro kontrolliere.

Wobei: Die ganze Wahrheit wäre selbst das nicht. Sakralbauten und Kunstsammlungen sind nicht eingerechnet. Und wer würde sich anmassen, den Petersdom oder die Fresken Michelangelos in der Sixtinischen Kapelle zu bewerten? Manche Dinge bleiben besser ohne Preisschild.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 26.07.2014, 08:45 Uhr)

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