Gratis-SMS-Programme setzen den Schweizer Telecomfirmen zu

Kurznachrichten von iPhone zu iPhone sind künftig fast immer kostenlos – automatisch. Bei Sunrise, Orange und Swisscom wird das den Gewinn schmälern, was zu höheren Preisen führen kann.

Intelligenter Kostensparer: Das neue iPhone 4S prüft, ob sein Besitzer den SMS-Gebühren ausweichen kann.

Intelligenter Kostensparer: Das neue iPhone 4S prüft, ob sein Besitzer den SMS-Gebühren ausweichen kann. Bild: Keystone

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60 Prozent der neuen Handys, die die Swisscom verkauft, sind sogenannte Smartphones. Bei Sunrise und Orange liegt der Anteil gar bei 80 Prozent. Jedes zweite solche Smartphone ist ein iPhone. Über 1 Million Schweizer telefonieren heute mit dem Apple-Handy. Bislang war das für die Mobilfunkanbieter ein Grund zum Jubeln.

Jetzt wird diese Freude getrübt: Seit letzter Woche können iPhone-Nutzer anderen iPhone-Nutzern gratis Nachrichten schicken. Bedingung ist ein neueres Gerät (ab iPhone 3GS) und eine Verbindung ins Internet. Der Clou: Das Apple-Handy prüft automatisch, ob man den SMS-Gebühren ausweichen kann. Geht das nicht, wird ein normales, kostenpflichtiges SMS verschickt. Bislang mussten Smartphone-Nutzer dafür ein Zusatzprogramm wie Whatsapp oder Viber installieren und sich bewusst entscheiden, ob sie eine Gratis-Nachricht oder ein SMS verschicken wollen.

Hoher Umsatz, wenig Kosten

Für die Mobilfunkanbieter stehen Millionen auf dem Spiel. Pro Jahr werden aktuell rund 6 Milliarden SMS verschickt, das generiert einen geschätzten Umsatz von über 600 Millionen Franken – und fast ebenso viel Gewinn. SMS werden über die tote Kapazität eines Steuerungskanals verschickt und generieren daher kaum Kosten. Der US-Professor Srinivasan Keshav von der Universität Waterloo schätzte sie 2008 auf ein Drittel Cent pro SMS. Selbst wenn man für die Schweiz von 50 Prozent höheren Kosten ausgeht, macht das weniger als einen halben Rappen. Bei einem Preis von 10 bis 20 Rappen pro SMS entspricht das einer Marge von mehreren Tausend Prozent. Oder anders herum: Gut 95 Prozent des Umsatzes mit SMS bleiben als operativer Gewinn im Kässeli.

Ist das schon die Trendumkehr?

Was die Neuerung für Sunrise, Swisscom und Orange bedeuten könnte, zeigt das Beispiel der Niederlande. Dort schlug der Ex-Monopolist KPN dieses Jahr Alarm – noch bevor Apple den neuen Dienst freischaltete. Das Nutzerverhalten der jungen, technologieaffinen Kunden verändere sich dramatisch, erklärte KPN-Chef Eelco Blok. 85 Prozent hätten das Gratis-SMS-Programm Whatsapp installiert, die Zahl der bezahlten SMS sei in 6 Monaten 16 Prozent eingebrochen.

Davon ist die Schweiz gemäss den Mobilfunkanbietern noch weit entfernt. Für Orange Schweiz, die Anbieterin mit den technologieaffinsten Nutzern, sind Programme wie Whatsapp «Nischenanwendungen», sagt Sprecherin Therese Wenger. Ähnlich äussert sich Sunrise: «Wir haben bis jetzt keine Anzeichen eines SMS-Rückgangs.» Und Swisscom-Sprecher Olaf Schulze betont: «Die Anzahl der SMS wächst weiterhin, im letzten Jahr um rund 5,2 Prozent.»

Ganz so eindeutig ist die Situation allerdings nicht, wie die Zahlen der Swisscom zeigen (siehe Grafik). Tatsächlich wurden gegenüber dem Vorjahr auch zuletzt mehr SMS verschickt. Im Vergleich mit dem Vorquartal jedoch stagniert das Volumen – bei steigenden Kundenzahlen. Unter dem Strich verschicken die Nutzer also klar weniger SMS.

Ob das bereits die Trendumkehr ist, ist unklar. Zumal die Swisscom betont, der Umsatz mit SMS sei unter dem Strich nicht gesunken. Die Unsicherheit scheint aber gross, ob sich das mit der Einführung des Apple-Gratisdienstes ändert. Dafür spricht die hohe iPhone-Dichte, eher dagegen das Qualitätsbewusstsein der Schweizer. Der mit Abstand grösste Nachteil von Gratis-SMS-Diensten ist aber der Umstand, dass man sie nur mit bestimmten Benutzergruppen verwenden kann. Nicht jeder kann eine Whatsapp-Nachricht empfangen; nicht jeder besitzt ein iPhone.

«Es findet ein Umbruch statt»

Auch wenn die Anbieter heute davon ausgehen, dass mit dem Gratisdienst von Apple «keine Welt zusammenbricht», so ist doch klar: «Es findet ein Umbruch statt, der bei den Anbietern ein Umdenken erfordert», sagt Patrick Ruckstuhl, bei Sunrise fürs Privatkundengeschäft verantwortlich. Langfristig werden die Umsätze aus Sprachtelefonie und SMS ins Internet abwandern. Die Frage ist bloss, ob es den Anbietern gelingt, diese Einbrüche zu kompensieren – etwa mit Pauschalen.

In Holland wollte KPN auf die Verschiebung mit einer zusätzlichen Gebühr für Dienste wie Whatsapp oder Skype reagieren – was das niederländische Parlament verbot. Stattdessen hat die Ex-Monopolistin nun die Preise fürs mobile Internet erhöht und neue Abo-Modelle eingeführt, bei denen SMS und Sprachtelefonie pauschal enthalten sind. Die Kunden können nur noch die Paketgrösse wählen.

Abos mit integrierten SMS

In eine ähnliche Richtung geht die Swisscom. Seit Frühling bietet sie nur noch Abos mit integrierten Gesprächs- und SMS-Pauschalen an. Heute wird bereits jedes dritte SMS bei der Swisscom pauschal abgerechnet – Tendenz steigend. Bei Orange liegt der Anteil laut gut informierten Quellen sogar deutlich über zwei Drittel. Allerdings können die Kunden die SMS-Option einzeln abonnieren – also auch darauf verzichten. Das war bei KPN früher auch der Fall. Bis den Holländern das Risiko zu gross wurde, dass die Kunden die Option weglassen und aufs Internet ausweichen.

Eine andere Strategie verfolgt Sunrise. Dort sind SMS nur im teuersten Abo inbegriffen. «Die überwiegende Mehrheit der Nutzer bezahlt für jede Nachricht einzeln», sagt Ruckstuhl. Die Preise für SMS sind zuletzt sogar gestiegen – in zwei Schritten von 10 auf 15 Rappen. Anpassungen sind nicht in Sicht. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 19.10.2011, 06:27 Uhr)

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Ein Umbruch steht an: Das Volumen der verschickten SMS stagniert - bei steigenden Kundenzahlen. (Bild: TA-Grafik / Swisscom)

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