Hintergrund

Griechische Waffenkäufer legen Schmiergeld in der Schweiz an

Bestechungszahlungen internationaler Rüstungsfirmen landen auf verworrenen Wegen auf Konti in Genf und Zürich. Griechenland, Deutschland und die Schweiz ermitteln. Die Banken schweigen.

Bereits wegen passiver Bestechung und Geldwäsche beim Kauf von Waffen und U-Booten zu 20 Jahren Haft verurteilt: Der ehemalige griechische Verteidigungsminister Akis Tsochatzopoulos.

Bereits wegen passiver Bestechung und Geldwäsche beim Kauf von Waffen und U-Booten zu 20 Jahren Haft verurteilt: Der ehemalige griechische Verteidigungsminister Akis Tsochatzopoulos. Bild: EPA/ORESTIS PANAGIOTOU

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Mit der UBS, der Credit Suisse (CS) und Julius Bär sind drei der grössten Schweizer Banken von einem Korruptionsskandal betroffen, der Griechenland dieser Tage erschüttert. Die Athener Staatsanwaltschaft verdächtigt Rüstungsfirmen, über Mittelsmänner hochrangige Ex-Mitarbeiter des griechischen Verteidigungsministeriums bestochen zu haben. Diese Woche wurden zwei pensionierte griechische Geschäftsleute festgenommen, die Ende der 90er-Jahre für deutsche Rüstungskonzerne Schmiergelder an Antonios Kantas, den damals höchsten Waffeneinkäufer Griechenlands, vermittelt haben sollen.

Der 72-jährige Kantas, der selber in Untersuchungshaft sitzt, hat jüngst in Befragungen zugegeben, für zwölf Waffenprogramme privat mehrere Millionen Euro entgegengenommen zu haben. Gemäss seinem und einem weiteren Geständnis sind grosse Bestechungssummen in der Schweiz gelandet – zum Teil auf verschlungenen Pfaden. Um die Herkunft des Geldes zu verschleiern, wurden Offshore-Konstrukte wie Trusts eingesetzt sowie Tarnnamen verwendet. Nach Erkenntnissen der Ermittler lagen oder liegen Hunderttausende bis zu mehreren Millionen Euro auf Konti in der Schweiz: bei der Dresdner Bank in Genf (gehört heute der Liechtensteiner Privatbank LGT), bei der Bank Hofmann in Zürich (heute Credit Suisse), bei PNB Paribas in Genf und bei der UBS.

15 Millionen Euro bei Julius Bär

Am meisten Geld, rund 15 Millionen Euro, liess Kantas bei Julius Bär in Singapur und Zürich anlegen. Dies alles zeigen gemeinsame Recherchen des TA mit der «Süddeutschen Zeitung», der Athener Tageszeitung «Kathimerini» und dem griechischen TV-Sender Star.

Das Schmiergeld soll geflossen sein, um Rüstungsgeschäfte mit Firmen aus Deutschland, Russland, den USA und anderen Ländern zu ermöglichen. Auch die Schweizer Bundesanwaltschaft beschäftigt sich mit griechischen Rüstungskäufen: Sie führt Geldwäscherei-Untersuchungen gegen drei Beschuldigte. Die Schweiz hat Griechenland im Rüstungsskandal um Rechtshilfe gebeten und umgekehrt. Betroffene Banken mussten Kontounterlagen liefern. Die Bundesanwaltschaft klärt nun ab, ob ihnen Organisationsverschulden vorzuwerfen ist.

Mitbeschuldigte teilweise über 80

Morgen Sonntag feiert Antonios Kantas seinen Geburtstag nicht in jenem edlen Athener Vorort, in dem er wohnt. Und auch nicht auf der ionischen Insel Korfu, auf der er am 5. Januar 1941 geboren wurde. Seinen 73. Geburtstag erlebt Kantas, der ehemalige Vize-Rüstungsdirektor im griechischen Verteidigungsministerium, hinter Gittern. Er gehört trotz fortgeschrittenem Alter zu den jüngeren Herren, für die sich die Staatsanwaltschaft in Athen derzeit brennend interessiert. Mitbeschuldigte und Zeugen in ihrem Korruptionsverfahren sind teilweise über 80 Jahre alt.

Kantas aber ist für die Ermittler eine zentrale Figur. Der frühere Luftwaffenoffizier hat jüngst in Verhören, die vier Tage in Anspruch nahmen, gestanden. Der Mann, der wegen seiner Besessenheit für technische Details den Spitznamen «der Wissenschafter» verliehen bekam, hat technische Details preisgegeben – zu einem Dutzend Rüstungsbeschaffungen aus der Zeit, in der er eine Schlüsselposition im Verteidigungsministerium innehatte. Er zeigte auf, dass dort ab 1997 bis mindestens 2002 geschmiert wurde, was das Zeug hielt. Ein Hauptnutzniesser: Antonios Kantas, er selber.

Am Anfang war ein Felsen

Aufgrund der Selbstbezichtigung halten Kenner des Falles die Aussagen in weiten Strecken für glaubwürdig. Für den Schweizer Finanzplatz stellen einzelne Passagen aus dem Protokoll ein Problem dar, denn sie lesen sich wie ein Branchenverzeichnis. Dokumentiert ist, wie Banken in Genf und in Zürich ab Ende der 90er- bis weit in die Nullerjahre Millionenbeträge unklarer Herkunft angenommen haben – obwohl schon damals sattsam bekannt war, dass sowohl die griechische Verwaltung als auch die Rüstungsbranche bestechungsanfällig sind. Der Schmiergeldfluss nachzeichnen lässt sich nach gemeinsamen Recherchen des TA mit der «Süddeutschen Zeitung», der Athener Tageszeitung «Kathimerini» und dem griechischen TV-Sender Star.

Begonnen hat, was nun eine Affäre ist, mit einem Streit um einen Felsen von 220 auf 140 Meter, der aus der östlichen Ägäis ragt. 1996 zankten sich Griechenland und die Türkei um das unbewohnte Inselchen Imia. Die griechische Regierung nahm in der Folge das grösste Rüstungsprogramm in der modernen Geschichte des Landes in Angriff. Einer der Einkäufer von Staates wegen war Antonios Kantas. In seinen Vernehmungen hat der Ex-Chefbeamte 17 Vertreter der Rüstungsindustrie und Mittelsmänner benannt, die ihn mit 8,7 Millionen Euro bestochen haben sollen. Er erwähnt auch ein halbes Dutzend Banken in der Schweiz, bei denen er das Schmiergeld versteckt hat.

Kantas hat auch seinen heutigen Mitbeschuldigten Panos Efstathiou belastet. Efstathiou wurde daraufhin ebenfalls verhaftet. Gestern kam er gegen 500'000 Euro Kaution frei. Der Ex-Vertreter der deutschen Firma Atlas Elektronik hat gestanden, zwei Mitglieder des griechischen Generalstabs bestochen zu haben. Efstathiou soll auch Kantas geschmiert haben. Und nicht nur das: Der Rüstungsvertreter stellte dem hohen Staatsangestellten gleich noch einen Genfer Banker vor. Dieser Banker, ein schweizerisch-griechischer Doppelbürger, sandte dann Kontounterlagen der Dresdner Bank in Genf. Dort sind – immer gemäss Kantas – 80'000 Euro aus einem Geschäft mit der Atlas Elektronik gelandet, die Griechenlands U-Boote des Typs Poseidon mit aufrüsten durfte.

Kantas erzählte den Ermittlern auch, Panos Efstathiou habe ihm unter dem Codenamen «Markos» 600'000 Euro auf ein Konto bei der Bank Hofmann in Zürich überwiesen. Die Privatbank ging später an die Clariden Leu über, welche wiederum von der Credit Suisse einverleibt wurde. Der Genfer Banker, der auch im Siemens-Schmiergeld-Skandal eine Rolle spielte, wechselte später zur Westschweizer Niederlassung von BNP Paribas, wo Kantas gemäss eigenen Angaben 600'000 Euro anlegte. Die Summe floss gemäss Ermittlungen über eine Offshore-Konstruktion zur BNP.

Für solcherlei Vorgänge interessiert sich nun auch die Staatsanwaltschaft Bremen. Ebenso beschäftigen sich die Strafverfolger aus der Hansestadt mit Aufträgen für Kampfpanzer und Luftabwehrsysteme, welche Griechenlands Streitkräfte bei Atlas und beim Rüstungskonzern Rheinmetall einkauften. Fast 20 Millionen Euro Schmiergeld sollen die Firmen, welche die Vorwürfe bestreiten, nach Erkenntnissen der Ermittler dafür lockergemacht haben.

Russisches Geld bei der UBS

Auch als der Panzerhersteller Krauss-Maffei Wegmann (KMW) für 1,7 Milliarden 170 Leopard 2 nach Griechenland lieferte, ist gemäss Kantas reichlich geschmiert worden. Und nicht nur das: Die Athener Staatsanwaltschaft teilte gestern mit, sie habe den ehemaligen KMW-Mitarbeiter Dimitrios Papachristou nach einer mehrstündigen Aussage inhaftiert. Er soll Kantas für einen Auftrag an Wegmann mit über 150 Millionen Euro für die Lieferung des Artilleriesystems PzH 2000 bestochen haben. Wegmann war eine Vorläuferfirma der KMW. Der Münchner Rüstungskonzern sagt, man habe selbst kein Schmiergeld gezahlt oder zahlen lassen. Die Vorwürfe würden aber nun von «unabhängigen Experten» geprüft.

Normalerweise wurden Kantas’ Dienste bei den Rüstungsgeschäften gemäss Geständnis mit bis zu 1,5 Prozent des Gesamtpreises belohnt. Eine russische Waffenschmiede soll sich allerdings grosszügiger gezeigt haben. Selbst Kantas bezeichnet seine «Kommission» aus einem Deal mit Panzerabwehrraketen als «eindrücklich gross»: 3 Prozent des Volumens – und dies gemäss der Aussage des Beschuldigten erst noch unverhofft: Ein Mittelsmann habe ihn gefragt, wie viel er für den Vertrag brauche. Die Antwort des Chefbeamten gemäss Protokoll: «Nichts.» Trotzdem nahm Kantas schliesslich 3 Millionen Euro an, zuerst 700'000 in bar. Der Rest wurde in zwei Tranchen in den Jahren 2001 und 2002 auf ein Konto der UBS überwiesen. Die Grossbank fragte gemäss griechischen Medien nach, woher das Geld stamme. Kantas sagte, er habe es mit einer technischen Studie verdient.

Zuletzt lag es bei Julius Bär

Die UBS will wie andere angefragte Banken den Fall nicht kommentieren. Julius Bär lässt verlauten: «Zu möglichen oder tatsächlichen Kundenbeziehungen können wir grundsätzlich keinen Kommentar abgeben.» Bei der Privatbank in Singapur und in Zürich hatte Kantas gemäss Ermittlungen rund 15 Millionen Euro versteckt, als er vor wenigen Wochen verhaftet wurde. Die Konti liefen auf Firmen namens Guldenberg International AG und Olav Engineering. Aus dem Stadtstaat sind mittlerweile mehrere Millionen Euro an die griechische Republik überwiesen worden.

Um das Geld in der Schweiz gibt es Streit. Kantas und die Behörden verdächtigen einen schweizerisch-griechischen Kontoverwalter, er wolle die Millionen für sich beanspruchen. Ein Anwalt des Juristen, der in der Nähe von Genf lebt, stellt dies als absurd hin: «Mein Klient kooperiert mit den Ermittlern. Er wird bald nach Griechenland reisen, um darzulegen, dass er immer korrekt und gesetzeskonform gehandelt hat.» Das Geld beanspruche er nicht.

Kantas’ erster oberster Chef im Staatsdienst, der ehemalige Verteidigungsminister Akis Tsochatzopoulos, wurde bereits wegen passiver Bestechung und Geldwäsche beim Kauf von Waffen und U-Booten zu 20 Jahren Haft verurteilt. Die Schweizer Bundesanwaltschaft leistet Griechenland Rechtshilfe. Gleichzeitig führt sie ein eigenes Verfahren wegen Geldwäscherei gegen drei Beschuldigte. Sie hat in diesem Zusammenhang rund 10 Millionen Franken blockiert. Sie klärt auch Organisationsverschulden involvierter Banken ab. Dabei drohen Bussen bis zu 5 Millionen Franken. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.01.2014, 06:39 Uhr

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Der frühere Vize-Rüstungsdirektor hat gestanden, Bestechungsgelder angenommen zu haben. Er sitzt in Haft.

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Der ehemalige Verteidigungsminister war Kantas’ Chef. Er wurde bereits zu 20 Jahren Haft verurteilt. Fotos: Keystone

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