Grossrazzia bei der Bank Sarasin – im Auftrag der Deutschen

Schweizer Strafverfolger durchsuchten gestern über 20 Büros und Wohnungen. Der Anstoss dafür kam aus Deutschland. Eine Schweiz, die kooperiert – für deutsche Fahnder ein Novum.

Eine Razzia fand gestern auch am Hauptsitz der Bank J. Safra Sarasin in Basel statt. Foto: Ruben Sprich (Reuters)

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Der Durchsuchungsbefehl, den am Donnerstagmorgen zahlreiche Banker und Juristen in Basel, Zürich und anderswo präsentiert bekamen, enthielt einen sehr ungewöhnlichen Hinweis. Die Verdächtigen konnten dort nachlesen, dass in Deutschland gegen sie ermittelt und im Wege der Rechtshilfe nunmehr auch in der Schweiz nach Beweisen gefahndet werde. Vor wenigen Wochen war eine Kölner Staatsanwältin in der Schweiz gewesen, um die Aktion vorzubereiten. Die hiesigen Behörden waren mit dem Zugriff einverstanden und leisteten die erbetene Amtshilfe. Einige der Beschuldigten dürften ziemlich erstaunt gewesen sein. Eine Razzia bei Bankern in der Schweiz wegen eines deutschen Steuerfalls, das hat es bislang so nicht gegeben. «Das ist ein Novum», sagt ein Steuerfahnder aus Deutschland.

Aussergewöhnlich war auch das Ausmass der Aktion. Dutzende Polizisten und Staatsanwälte waren beteiligt und durchsuchten über zwanzig Ziele in sieben Kantonen und Halbkantonen. Die Staatsanwaltschaft Köln ermittelt gegen mehr als 30 Beschuldigte. Mutmassliche Deliktsumme: 462 Millionen Euro.

Das Dividenden-Karussell

Ein Schwerpunkt der Razzia lag beim Basler Hauptsitz und beim Zürcher Ableger der J. Safra Sarasin. Mitarbeiter der Privatbank werden verdächtigt, bei ­einem versuchten Abgabebetrug in Deutschland geholfen zu haben.

Die Ermittler suchten nach Belegen für sogenannte Cum-Ex-Deals. Dabei geht es um Aktienverkäufe und -käufe kurz vor und nach dem Stichtag, an dem Konzerne ihre Dividenden ausschütten. Der Trick: Trader handelten Wertpapiere mit (cum) oder ohne (ex) Anspruch auf eine Dividende; durch geschicktes Hin- und Herschieben der Papiere erreichten sie, dass sie die geschuldete Verrechnungssteuer auf der Dividende mehrmals vom Staat zurückfordern konnten – obwohl diese nur einmal bezahlt worden war. Ein lukratives Geschäft auf Kosten der Steuerzahler: Rund 12 Milliarden Euro sollen so in Deutschland zu viel ausbezahlt worden sein. Zahlreiche Banken sind im Verdacht, das Spiel mitgespielt zu haben. Der deutsche Fiskus verbot die Praxis erst 2012 ausdrücklich und blockierte die Ausschüttung der Dividenden.

Die Bank Sarasin soll Cum-Ex-Vehikel, die in Fonds verpackt waren, in grossem Stil vermittelt haben. Auf der Kundenliste standen prominente Namen wie der deutsche Investor Carsten Maschmeyer, der mit dem Finanzberater AWD reich geworden ist; Mirko Slomka, der eben entlassene Trainer des Fussballclubs Hamburger SV, oder Erwin Müller, Patron der deutschen Müller-Drogerien. Es geht um enorme Summen: Maschmeyer will zusammen mit Partnern 40 Millionen Euro investiert, aber nur einen Teil zurückerhalten haben; Erwin Müller fühlt sich um fast 50 Millionen betrogen. Die Kunden sagen, sie hätten nichts davon gewusst, dass ihr Geld mittels Cum-Ex-Kniff hätte vermehrt werden sollen. Mehrere von ihnen haben gegen Safra Anzeige erstattet, Müller hat auch auf Schadenersatz geklagt.

Von Zürich bis Zuoz

Recherchen zeigen, wo gestern weitere Aktionen der Staatsanwaltschaften und Polizeien stattfanden: Durchsucht wurden auch Räume einer deutschen Anwaltskanzlei an der Zürcher Bahnhofstrasse. Zudem fuhren die Ermittler in Zuoz im Engadin vor. Dorthin ist der bekannte Steueranwalt Hanno Berger gezogen, nachdem er vor Jahresfrist seine Frankfurter Anwaltskanzlei liquidiert hatte. Berger hatte Safra in Sachen Cum-Ex beraten. Er gehört zu den Schweizer ­Beschuldigten im Kölner Verfahren.

J. Safra Sarasin verwies gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet auf das laufende Verfahren und bezog keine Stellung. Ebenso sagte auch Hanno Berger nichts zur Hausdurchsuchung. Er blieb bei seiner bereits bekannten Position, dass an der Sache «strafrechtlich nichts dran» sei.

Die Zürcher Staatsanwaltschaft I, spezialisiert auf Rechtshilfe, Geldwäscherei und Einziehungen, koordinierte gestern die schweizerische Grossrazzia. Die Aktion war selbst für erfahrene Staatsanwälte und Polizisten ungewohnt. Zwar hätten es Justizbehörden von Nachbarländern bereits in der Vergangenheit ­öfter gerne gesehen, wenn in ihren ­Steuerverfahren Razzien in der Schweiz stattgefunden hätten. Die Rechtshilfe scheiterte aber am Bankgeheimnis. Weil es im aktuellen Fall um mutmasslichen Abgabebetrug geht, stand den Durch­suchungen nichts entgegen. Die Sache wird die schweizerische Justiz noch einige Zeit beschäftigen. Mehr als 30 Personen sollen befragt werden.

Über eine Woche Verspätung

Ungewöhnlich ist, dass auch im grossen Stil Bankräume und Anwaltsbüros durchsucht wurden. Normalerweise ordnen die Ermittler an, dass Finanz-institute ihnen Unterlagen zukommen lassen müssen. Dieses Mal wäre dies aber zu heikel gewesen, da führende Bankmitarbeiter und Anwälte zu den ­Beschuldigten gehören.

Bei der Schweizer Amtshilfe gibt es nur ein Manko. Die eidgenössischen Behörden haben lange gebraucht für ihre Razzia. In Deutschland und in vielen anderen Staaten waren verdächtige Firmen bereits vor zehn Tagen durchsucht worden. Darunter auch eine Filiale von Safra in Frankfurt. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 23.10.2014, 23:37 Uhr)

Die Bank J. Safra Sarasin

Taumelnder Musterknabe

Datenlecks, eine anonyme Erpressung, Betrugsvorwürfe: J. Safra Sarasin kämpft mit schweren Problemen.

Ausgewählte Kunden der J. Safra Sarasin AG erhielten kürzlich unerwartet Post aus der Zentrale in Basel. «Wir möchten uns bei Ihnen in aller Form entschuldigen», schrieb die Privatbank den Klienten, die ziemlich vermögend sind. Leider sei es zu einem bedauerlichen Zwischenfall gekommen, zu einem «Informationsleck». Ein ehemaliger Mitarbeiter habe sich mit «krimineller Energie» vertrauliche Dokumente angeeignet und diese Papiere den Medien zugespielt. Ein deutsches Magazin habe dann Auszüge aus einer Kundenliste abgedruckt. Die Bank bemühte sich, die Kunden zu beruhigen: Die mutmasslich «fehlbare Person» sei inhaftiert. Man arbeite daran, derlei «kriminelle Machenschaften» künftig zu verhindern.

So sieht man sich in Basel: als Opfer. Eine ungewohnte Rolle. Das Traditionsinstitut, 1841 gegründet und 2011 an die brasilianische Safra-Gruppe verkauft, galt lange als diskreter Musterknabe. Dieses Bild verzerrte sich 2012, als ein IT-Angestellter Kontodaten der Familie des damaligen Nationalbankpräsidenten Hildebrand an einen Dritten weitergab. Und jetzt, nach dem medialen Aufbrechen der Affäre um die sogenannten Cum-Ex-Deals samt Kundenliste, ist es vollends zerstört.

Nach der Razzia vom Donnerstag droht weiteres Ungemach. Den Ermittlern liegen Dokumente vor, die einen schweren Verdacht begründen: Die Banker hätten es in Kauf genommen oder gar darauf angelegt, den deutschen Staat auszunehmen.

Eine Million Euro Schweigegeld

Das ist nicht der einzige Vorgang bei der Bank, für den sich die Kölner Staatsanwaltschaft interessiert. Die Strafverfolger untersuchen auch, was es mit einer Erpressung von 2011 auf sich hat. Damals hatte ein Anonymus mit dem Phantomnamen Jürgen S. einen Millionenbetrag verlangt und angekündigt, andernfalls entlarvende Dokumente über einen heiklen Fonds den Behörden zuzuspielen. Das Phantom erhielt darauf über zwei Fonds eine Million Euro zugeschoben. Das Geld kam letztlich von Sarasin, indem die Bank auf Honorare gegenüber den Fonds verzichtete.

Der mutmassliche Erpresser versteckte sich hinter einer Schweizer Treuhandgesellschaft; er soll aus Deutschland stammen. Sein Name steht auf der langen Liste der Beschuldigten in dem Kölner Strafverfahren. Dass die von ihm wohl vorgeschobene Gesellschaft sich als Gegenleistung für die Million vertraglich verpflichtet hatte, alle Dokumente zu den fraglichen Aktiendeals geheim zu halten oder gar zu vernichten, wird die Ermittler nicht aufhalten. Im Gegenteil. Die Staatsanwälte und Steuerfahnder wollen nun wohl erst recht wissen, was da verborgen bleiben sollte.

J. Safra Sarasin hat bereits früher erklärt, die angebliche Erpressung habe sich zu keinem Zeitpunkt gegen die Bank gerichtet. Man habe «weder direkt noch indirekt Zahlungen an Dritte getätigt». Der Bank sei auch nicht bekannt, ob wirklich Geld geflossen sei. Strafanzeige wegen Erpressung hat J. Safra Sarasin eines Tages dann aber doch gestellt. In der Schweiz. Klaus Ott und Mario Stäuble

(Tages-Anzeiger)

Der Cum-Ex-Trick

So funktioniert das Konstrukt
Ein vereinfachtes Beispiel zeigt, wie der sogenannte Cum-Ex-Trick funktioniert, bei dem man auf regulär ausgeschüttete Dividenden einmal Verrechnungssteuer zahlt und diese dann von den Steuerbehörden zweimal zurückfordert.


  • Ein Unternehmen schüttet 100 Franken Dividende pro Aktie aus.

  • Davon fliessen 65 Franken an die Bank von Aktionär A, der eine Aktie des Unter­nehmens hält.

  • Die restlichen 35 Franken gehen als Verrechnungssteuer an die Eidgenössische Steuerverwaltung.

  • Die Bank gibt die 65 Franken an den Aktionär weiter, zusammen mit einer ersten Ertragsabrechnung, wonach die Verrechnungssteuer auf der Dividende bereits abgezogen wurde.

  • Deklariert Aktionär A seine Dividende ordnungsgemäss, kann er die 35 Franken Verrechnungssteuer von der Steuerverwaltung zurückfordern. So weit ist alles normal.

  • Bei den Cum-Ex-Deals wird nun die Verrechnungssteuer mit einem Trick ein zweites Mal zurück gefordert – über einen sogenannten Leerverkauf.

  • Dabei verkauft Leerverkäufer L am Tag vor der Dividendenausschüttung eine Aktie mit Anspruch auf die Dividende (Cum – also mit) an Käufer K. Ein Leerverkauf ist es deshalb, weil L die Aktie zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht besitzt.

  • Erst nach der Dividendenausschüttung besorgt sich der Leerverkäufer bei Aktionär A eine Aktie, um seine Schuld zu decken – diesmal ohne Anspruch auf Dividende (Ex).

  • Weil die Aktie ohne Dividende weniger wert ist, überweist L eine Ausgleichszahlung von 65 Franken an K – also in der Höhe der Dividende abzüglich der Verrechnungssteuer.

  • Die Bank von Käufer K geht nun davon aus, dass es sich genau darum handelt – eine Dividende abzüglich Verrechnungssteuer – und stellt eine zweite Ertrags­abrechnung für die gleiche Aktie aus.

  • K fordert nun vom Fiskus die Verrechnungssteuer zurück – und die Steuer­behörde zahlt, weil sie nicht merkt, dass es sich um dieselbe Aktie handelt. Den Gewinn teilen Leerverkäufer, Käufer und Aktionär.


Dieses Vorgehen war in der Schweiz ­früher möglich. Im Jahr 2008 hat die ­Eidgenössische Steuerverwaltung das Schlupfloch gestopft. In Deutschland wurden solche Geschäfte erst 2012 verboten. (aba)

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