Wirtschaft
Groupe Mutuel auf grosser Kreuzfahrt
Von Andreas Flütsch. Aktualisiert am 09.06.2012 130 Kommentare
Groupe Mutuel
Verschwiegener Versicherer
Der ursprünglich aus dem Wallis stammende Krankenversicherer Groupe Mutuel zählte 2011 1,07 Millionen Versicherte in der Grundversicherung und wies Nettoprämieneinnahmen von 3,9 Milliarden Franken aus. Zusammen mit den Zusatzversicherungen zählt Groupe Mutuel 1,4 Millionen Versicherte. Laut eigenen Angaben rangiert die Kasse damit auf Platz 3 in der Schweiz. Als letzter grosser Krankenversicherer hält sie die Cheflöhne unter Verschluss. Es ist unbekannt, was Präsident Pierre-Marcel Revaz verdient. Gerüchten zufolge soll es mehr als eine Million sein, was vom Unternehmen aber dementiert wird.
Wie eine Umfrage der «SonntagsZeitung» bei den wichtigsten Krankenversicherern zeigte, will Groupe Mutuel die Prämien der Grundversicherung 2013 im «tiefen einstelligen Prozentbereich» erhöhen. Ende Juli müssen die Versicherer ihre provisorischen Prämien beim Bundesamt für Gesundheit einreichen. (TA)
Dossiers
Artikel zum Thema
- Versicherungsriese kratzt an Generationensolidarität
- Grosse Versicherer wollen höhere Prämien für ältere Menschen
- Gewinnsteigerung bei Groupe Mutuel
Teilen und kommentieren
Stichworte
Korrektur-Hinweis
Melden Sie uns sachliche oder formale Fehler.
Um Weihnachten herum hat die Groupe Mutuel alle 1800 Mitarbeitenden auf eine dreitägige Kreuzfahrt im Mittelmeer eingeladen. Am Donnerstag starteten gut 1300 Mitarbeitende aus der ganzen Schweiz, die sich angemeldet hatten, zu der Plauschfahrt. In Cars wurden sie nach Savona bei Genua gefahren. Bis Sonntag sind sie mit dem Kreuzfahrtschiff unterwegs, nach Korsika und Barcelona und wieder zurück. Anschliessend geht es mit dem Car nach Hause. Alle dürfen indes nicht auf die Kreuzfahrt mit: Rund 500 Mitarbeitende müssen im Büro ausharren, um den Betrieb aufrecht zu erhalten.
Nach ersten kritischen Reaktionen in Westschweizer Medien hatte die Groupe Mutuel betont, die Kreuzfahrt koste den Krankenversicherer maximal 180 000 Franken. Inzwischen ist das Kostendach mehr als zehnmal so hoch. «Die Reisekosten belaufen sich auf höchstens 1500 Franken pro Mitreisenden», sagt Yves Seydoux, Sprecher der Groupe Mutuel. Multipliziert man diesen Wert mit der Anzahl Teilnehmer, kostet der Firmenausflug zwei Millionen Franken.
Die «Geschäftsreise» werde alle fünf bis sechs Jahre veranstaltet, sagt Seydoux, und sie sei eine Art Gratifikation. Die Groupe Mutuel wolle das «sehr dynamische» Wachstum honorieren, das sie der Belegschaft verdanke. In den letzten drei Jahren seien 300'000 zusätzliche Versicherte gewonnen und 300 neue Stellen geschaffen worden.
Geld aus Zusatzversicherungen
Solche Veranstaltungen seien «durchaus zulässig», wenn sie aus den Gewinnen der Zusatzversicherungen bezahlt werden, sagt Rudolf Luginbühl, Ombudsman Krankenversicherung. «Würden sie jedoch aus der Grundversicherung finanziert, wäre das ein Problem, und es müsste die Aufsichtsbehörde einschreiten.» Dies sei bei der Groupe Mutuel keineswegs der Fall, sagt Seydoux: «Wir verwenden selbstverständlich keine Gelder aus der Grundversicherung.» Die Kreuzfahrt werde über die Zusatzversicherungen finanziert.
Von wenig Gespür für die Befindlichkeit von Prämienzahlern zeugt die Grossveranstaltung indes allemal. «Man muss sich fragen, ob das Unternehmen über genügend Sensibilität verfügt, wie eine solche Kreuzfahrt in der Bevölkerung ankommt», sagt Ombudsman Luginbühl. Kritik kommt auch von Sara Stalder, Geschäftsleiterin der Stiftung für Konsumentenschutz. Der Zeitpunkt der Kreuzfahrt sei kaum Zufall: «Vermutlich will die Groupe Mutuel ihre Mannschaft auf die beginnende Verkaufsoffensive bis zum Herbst einstimmen.»
Das Argument, das teure Firmengeschenk werde aus den Zusatzversicherungen finanziert, zieht bei Stalder nicht. «Die Prämien der Zusatzversicherungen sind teuer, da haben Prämienzahler wenig Verständnis, wenn so viel von ihrem einbezahlten Geld aus den hoch profitablen Zusatzversicherungen für Kreuzfahrten mit der Belegschaft abgezweigt wird.»
Preise für Höchstleistungen
Zudem sei die Groupe Mutuel – aber auch andere Kassen – zu den Versicherten häufig alles andere als grosszügig. «Dem gegenüber stehen die Leistungskürzungen und -ablehnungen, mit denen sich die Prämienzahler beim Einfordern einer Leistung oftmals konfrontiert sehen», so Stalder. Es gebe ihr zu denken, dass im Bericht des Ombudsman Krankenversicherung zu 2011 solche Kürzungen oder gar die Verweigerung von Leistungen als häufigster Klagegrund von Versicherten genannt wird.
Das fulminante Wachstum der Grosskasse mit Sitz in Martigny VS ist nicht zu trennen von den aggressiven Verkaufspraktiken, deretwegen sie seit Jahren in der Kritik steht. «Störend ist zudem, dass die Groupe Mutuel viele Prämienfranken für Preise wie Autos und Ferienreisen für einen internen Wettbewerb unter den Agenten verwendet, also letztlich für die aggressive Abwerbung von Versicherten», sagt Konsumentenschützerin Stalder.
«Ein Auto für 600 Kunden»
Gemeint sind etwa die Wettbewerbe, mit denen die Kassengruppe ihre Vermittler immer wieder zu Höchstleistungen anstachelt. Dieses Jahr winken Verkäufern, die von Januar bis Juni viele Kunden – möglichst jung und gesund – anwerben, Preise im Wert von 200'000 Franken – drei Autos, die je bis 35'000 Franken kosten; bis zu 20'000 Franken teure Reisen nach Australien, China, Kanada oder Brasilien, plus Städtereisen und Sportgeräte. «Ein Auto für 600 Kunden», brachte der «Sonntagsblick» die Aufputschaktion auf den Punkt.
Die Groupe Mutuel rühmt sich, ihre Prämien seien «schweizweit unter den moderatesten». Sie werde den Verdacht nicht los, sagt Stalder vom SKS, dass nicht nur die Groupe Mutuel die obligatorische Krankenversicherung mit Überschüssen aus den Zusatzversicherungen verbillige: «Quersubventionierung kann problemlos stattfinden, obwohl sie untersagt wäre.» Das Problem sei, dass Grund- und Zusatzversicherungen bei vielen Kassen unter dem gleichen Dach seien und die Buchhaltung von den gleichen Leuten betreut werde. Das Geschäft mit den Grundversicherungen und jenes mit den Zusatzversicherungen müssten getrennt werden, fordert Stalder: «Heute lässt sich ja nicht wirksam kontrollieren, ob Anbieter ihre Tiefprämien in der Grundversicherung nicht doch aus Zusatzversicherungen quersubventionieren.» (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 09.06.2012, 10:11 Uhr
Kommentar schreiben
Verbleibende Anzahl Zeichen:
130 Kommentare
Also langsam frage ich mich schon für was ich eigentlich diese KK noch bezahlen soll! Solches gehabe wird dazu führen, dass diese sich selber Abschaffen und dem ist gut so. Grössenwahnsinn und an Dekadenz kaum zu übertreffen, wenn man sieht das viele schon beim essen sparen müssen, um die Prämien noch bezahlen zu können. :-( Antworten
Wirtschaft
Jetzt wechseln und sparen
Finden Sie in nur fünf einfachen Schritten die optimale Fahrzeugversicherung.
Flugpreise vergleichen
Vergleichen Sie die Flugpreise von verschiedenen Reiseanbietern und finden Sie das beste Angebot.

Bitte warten


























