Herrn Rincóns ölige Tricks

Die Spuren eines gigantischen US-Schmiergeldfalls führen in die Schweiz. 100 Millionen Dollar flossen hierher, acht Banken sind betroffen, bei der Credit Suisse sind Konten blockiert.

Unter staatlicher Kontrolle: Ölraffinerie der PDVSA in Punto Fijo im Nordwesten Venezuelas. Foto: Natacha Pisarenko (AP, Keystone)

Unter staatlicher Kontrolle: Ölraffinerie der PDVSA in Punto Fijo im Nordwesten Venezuelas. Foto: Natacha Pisarenko (AP, Keystone)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Roberto Rincón schien immer zu gewinnen. Der Venezolaner, der in Texas in einer millionenteuren Villa residierte, holte sich mit seiner Firmengruppe Auftrag um Auftrag beim staatlichen Ölgiganten von Venezuela, der Petróleos de Venezuela SA (PDVSA). Das Land gehört zu den zwölf grössten Öl- und Gasförderern der Welt, 2014 wurden auf venezolanischem Territorium täglich fast 2,7 Millionen Barrel aus dem Boden geholt. Und Roberto Rincón profitierte: Zwischen 2010 und 2013 erzielten seine Unternehmen dank dem schwarzen Gold Einnahmen von 750 Millionen Dollar.

Rincóns Erfolg basierte auf einer besonderen Art von Geschäftstüchtigkeit, wie inzwischen bekannt geworden ist. Mitte Dezember 2015 verhafteten ihn US-Fahnder, heute sitzt er in den USA im Gefängnis. Die Vorwürfe: Bestechung, Betrug, Geldwäscherei. Aus Gerichtsakten geht hervor, dass er mit seinen Mitstreitern in grossem Umfang PDVSA-Offizielle bestach, um an Aufträge zu kommen – mit Millionen von Bargeld, Reisen, Alkohol, einer 23-Meter-Jacht und einem 14 500-Dollar-Aufenthalt im Luxushotel Fontainebleau in Miami Beach. Die US-Ermittler rechnen damit, dass Rincóns Firmen über eine Milliarde Dollar an illegalen Gewinnen eingestrichen haben. Rincóns Anwalt bestritt im «Wall Street Journal» sämtliche Vorwürfe.

Schweiz gewährt Rechtshilfe

Ein erheblicher Teil der Rincón-Gewinne floss in die Schweiz. Gemäss US-Dokumenten, die dem «Tages-Anzeiger» und dem Westschweizer Magazin «L’Hebdo» vorliegen, wurden rund 100 Millionen Dollar hierhin verschoben.

Die amerikanischen Behörden wollen nun genauer wissen, was damit passiert ist. Bereits im Dezember 2014 baten sie deshalb den Bund um Rechtshilfe, ein Jahr später ergänzten sie ihre Anfrage, wie ein Sprecher des Bundesamts für Justiz bestätigt. Das Ersuchen wurde gutgeheissen – nähere Angaben will das Amt zum jetzigen Zeitpunkt allerdings nicht machen.

Acht Schweizer Banken sind von den Ermittlungen betroffen. Allein auf drei Konten der Credit Suisse gingen Zahlungen von rund 25 Millionen Dollar ein. Diese drei Konten liessen die USA sperren. Bei den anderen sieben Banken geht es in erster Linie um Beweise: Die Fahnder wollen wissen, wohin das Geld weitergeleitet wurde.

In Rincóns Haftentscheid kann sich die zuständige US-Richterin einen Seitenhieb gegen die Schweiz nicht verkneifen: «Die (US-)Regierung konnte den Fluss der 100 Millionen Dollar auf die Schweizer Konten verfolgen. Wegen des Schweizer Bankgeheimnis-Gesetzes war es aber nicht möglich, nachzuverfolgen, wohin das Geld von dort aus weiterfloss.» Rund 20 Privatpersonen und Firmen, für die sich die USA interessieren, besitzen bei den acht Schweizer Banken Konten. Die Fahnder hoffen, via Rechtshilfe die gesuchten Informationen über die Geldflüsse zu erhalten.

Finma hat sich eingeschaltet

Bei der Schweizer Bundesanwaltschaft läuft «im Moment» rund um den Fall Rincón kein eigenes Strafverfahren, wie eine Sprecherin mitteilt. Die Finanzmarktaufsicht Finma ist dagegen aktiv geworden: «Wir stehen in dieser Sache mit verschiedenen Schweizer Banken in Kontakt», schreibt Sprecher Tobias Lux. Man kläre ab, inwiefern die Banken involviert seien und wie die Aufsichtsregeln umgesetzt worden seien. Mit anderen Worten: Die Finma will wissen, ob die Kontrollmechanismen der Banken funktionierten oder versagten.

Die Credit Suisse teilt auf Anfrage mit, man halte sich an die Gesetze und Anti-Geldwäscherei-Regeln, äussere sich aber nicht zu Einzelfällen.

Freundschaft zum Drogenboss

Die amerikanischen Ermittler interessieren sich nicht nur wegen des Schmiergeldverdachts für Roberto Rincón. Der 55-Jährige pflegt laut dem US-Gericht eine «enge persönliche Freundschaft» zu Hugo Carvajal, dem Ex-Chef des militärischen Geheimdiensts von Venezuela, den die USA wegen Verdachts auf Drogenschmuggel jagen. 2014 hatten US-Fahnder Carvajal auf der Karibikinsel Aruba verhaftet – er war damals im Privatjet von Robert Rincón unterwegs. Die lokalen Behörden lieferten den Ex-Agenten aber nicht aus, weil er Diplomatenstatus geniesse. Deswegen lebt Carvajal bis heute in Freiheit. Die Frage ist nun: Mischte Rincón Drogengeld seines Freundes in seine mutmasslich illegalen Geldströme? Und: Endete davon ein Teil auf Schweizer Bankkonten?

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 02.03.2016, 21:30 Uhr)

Stichworte

Hohe Bilder

Roberto Rincón

Artikel zum Thema

Lieber noch etwas mit Öl heizen

Die Energiewende soll die Schweizer Haushalte weg von den Ölheizungen bringen. Dafür ist der tiefe Ölpreis allerdings nicht förderlich. Fachleute fordern stärkere Anreize. Mehr...

Ölpreis so tief wie seit 13 Jahren nicht mehr

2003 – das war das letzte Jahr, in dem Erdöl so wenig wie heute kostete. Trotzen die Börsen dem Rekordtief? Mehr...

CS-Chef Thiam hat einen garantierten Bonus

Die Verordnung des Bundesrates verbietet eigentlich eine Vergütung im Voraus. Doch die Credit Suisse kann für Tidjane Thiams Bonus ein Hintertürchen nutzen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Werbung

Kommentare

Die Welt in Bildern

Imposant: Der Vollmond geht über dem Eiger auf (21. Mai 2016).
(Bild: Peter Schneider) Mehr...