«Ich akzeptierte, dass mein Leben weitergehen sollte»

Er war Sprecher des Bazl und von Orascom: Daniel Göring offenbart, wie die Arbeit ihn erdrückte, er depressiv wurde und einen Suizidversuch beging. Nun hat er sich erholt – und seine Erlebnisse niedergeschrieben.

«Die Warnsignale des Burn-outs missachtet»: Ex-Sprecher Daniel Göring (links) und Direktor Peter Müller an einer Pressekonferenz des Bazl. (Archivbild)

«Die Warnsignale des Burn-outs missachtet»: Ex-Sprecher Daniel Göring (links) und Direktor Peter Müller an einer Pressekonferenz des Bazl. (Archivbild) Bild: Keystone

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Daniel Göring weiss, wie man mit Herausforderungen umgeht: Als Sprecher des Bundesamtes für Zivilluftfahrt (Bazl) musste er über Flugzeugabstürze und das Swissair-Grounding informieren. Als Pressechef von Samih Sawiris' Firma Orascom betreute er die Kommunikation zum Bau des Luxusresorts The Chedi in Andermatt. Trotzdem gelangte er Ende 2012 an seine Grenzen – und hätte sie mit einem missglückten Selbstmordversuch beinahe überschritten. Über den Weg in die Depression und wieder hinaus hat er ein Buch geschrieben: «Der Hund mit dem Frisbee» ist ab sofort im Handel erhältlich.

«Ich stand eines Morgens in einem Andermatter Hotel vor dem Spiegel und sah eine zerknitterte Gestalt. Da fragte ich mich, warum ich mir das antat. Wegen des Geldes? Wegen der Funktion als Chef der Kommunikation? Wegen des Ansehens? Ich hatte keine Antwort auf die Fragen», erzählt Göring im Interview mit der «Schweiz am Sonntag».

Der Absturz hatte sich schon vorher abgezeichnet: Symptome von Überlastung hatten sich in Görings Leben geschlichen, doch er ignorierte sie, bis er vom Bazl zu Orascom wechselte – und depressiv wurde. Der 47-Jährige konnte im neuen Job nicht mehr auf seine Routinen zurückgreifen, um mit der Überforderung fertig zu werden. «Da ich bis dahin die Warnsignale des Burn-outs missachtet hatte, brach die Depression schliesslich mit voller Wucht durch.»

Suizid als «einzige erlösende Aussicht»

Göring fühlte sich zunehmend isoliert und handlungsunfähig, entwickelte Todessehnsucht. Suizid sei ihm schliesslich als die «einzig erlösende Aussicht» erschienen, sagt er im Interview. «Ich begann gezielt, auf Google nach dem todsicheren Rezept zu suchen, um mich aus dem Leben verabschieden zu können.» Er entschied sich für einen tödlichen Medikamentencocktail, die Zutaten besorgte er sich jeweils in den Mittagspausen in der Apotheke.

An Weihnachten 2012 wollte Göring den Plan in die Tat umsetzen. Er nahm den Medikamentencocktail ein, «doch mein Magen machte nicht mit, sodass ich mitten in der Nacht erwachte und mich übergeben musste». Zudem stand am Morgen Görings Freundin vor der Tür, die misstrauisch geworden war, weil sie ihn am Abend zuvor nicht hatte erreichen können. Zusammen mit Görings Eltern brachte sie ihn ins Spital.

Kampf um einen neuen Job

Als er in der Notaufnahme erwacht sei, habe er keine Emotionen gespürt. «Ich akzeptierte, dass mein Leben weitergehen sollte. Aber ich hatte keine Ahnung wie.» Göring besuchte einen Psychotherapeuten, begann eine stationäre Therapie. Er schaffte es, sich aus der Depression zu befreien, und führt heute, eineinhalb Jahre später, wieder ein geregeltes Leben. Doch für seinen neuen Job beim Bundesamt für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS) musste er kämpfen. «Ich habe von Anfang an die Vorwärtsstrategie gewählt und meine Depression bei Anstellungsgesprächen thematisiert. Das hat auch zu Absagen geführt.»

Er habe bei der Jobsuche gemerkt, dass eine Depression in der Geschäftswelt immer noch als Makel angesehen werde. Vor allem deshalb hat Göring sich entschieden, mit seiner Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen: In seinem Buch «Der Hund mit dem Frisbee» beschreibt er den Weg in die Krise und wieder zurück. «Mit dem Buch will ich meinen Teil dazu beitragen, dass das Thema Depression gesellschaftlich mehr Akzeptanz erhält und offener darüber gesprochen werden kann.» Denn gerade Fälle wie jener von Swisscom-Chef Schloter oder von Zurich-Finanzchef Wauthier zeigten, dass der Handlungsbedarf noch immer gross sei. (fko)

(Erstellt: 24.03.2014, 11:27 Uhr)

Stichworte

Daniel Göring. Der Hund mit dem Frisbee. Der Weg in eine Depression und zurück ins Leben. Verlag Elfundzehn. 124 Seiten. ISBN: 978-3-905769-34-0. (Bild: zvg)

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