«Ich bin gerne mal sechs Monate nicht im Büro»

Von Alexander Mühlauer. Aktualisiert am 02.11.2009

Wie Yvon Chouinard die Outdoor-Marke Patagonia zum Erfolg führte. Und Mitarbeiter zum Surfen schickt.

Auch fit auf dem Surfbrett: Yvon Chouinard

Auch fit auf dem Surfbrett: Yvon Chouinard
Bild: Keystone

Yvon Chouinard

Der gebürtige Kanadier war ein Star-Kletterer, verkaufte selbst geschmiedete Haken, bevor er 1972 den Ausrüster Patagonia gründete.

Wenn es einen Unternehmer gibt, der nachhaltig handelte, lange bevor Politiker das Wort in den Mund nahmen, dann ist es Yvon Chouinard. Der 70-jährige Gründer von Patagonia setzt nicht nur bei Wanderjacken und Rucksäcken auf umweltschonende Materialien. Ein Gespräch über die Zukunft des Wachstums.

Was bedeutet Ihnen Geld?
Geld? Wissen Sie, ich tue mich wirklich schon schwer genug damit, mich als Geschäftsmann zu outen. Das ist so, als müsste ich zugeben, dass ich Alkoholiker bin.

Sie scherzen.
Ja, aber als ich jung war, in den Sechzigern, waren Unternehmer das Schlimmste, was man sich vorstellen konnte. Niemand wollte sein wie die.

Was wollten Sie damals werden?
Ich schmiede nie grosse Pläne. Es gibt Leute, die planen ewig, bis sie den ersten Schritt wagen. Wenn ich eine Idee habe, mache ich sofort einen Schritt nach vorn. Und wenn es sich gut anfühlt, mache ich noch einen Schritt. Falls nicht, gehe ich einen Schritt zurück.

Wann mussten Sie das letzte Mal rückwärts gehen?
Vor zehn Jahren kletterte ich in Hawaii. Ich stürzte ab und brach mir den Arm. Ein Helikopter brachte mich in die Klinik. Ich hatte nur Shorts an, keine Schuhe, keine Brieftasche dabei. Die Ärzte verweigerten die Behandlung: Ich konnte keine Versicherung nachweisen, ein Tag kostete 1000 Dollar. Sie verbanden den Arm und schickten mich weg. Um zwei Uhr nachts! Damals hörte ich auf, steile Wände zu klettern. Es fiel mir nicht leicht.

Warum fingen Sie an zu klettern?
Ich mag keine Team-Sportarten. Da geht es doch nur darum, besser zu sein als die Mitspieler. Beim Klettern bin ich allein und kann frei sein.

Waren Sie ein Aussenseiter?
Ja. Ich wuchs in einem französisch-kanadischen Ort auf. Als meine Eltern nach Kalifornien zogen, konnte ich fast kein Englisch. Das war hart. Ich musste mich durchsetzen.

Wie haben Sie gelebt?
Wir hatten wenig Geld. Mein Vater war Spengler und oft krank. Nach der Schule wollte ich der Natur nahe sein. Meistens schlief ich draussen im Schlafsack. Es gibt Bäume, unter denen man auch bei Regen trocken bleibt.

Was haben Sie gegessen?
Alles, was die Natur so hergibt. Und ich kaufte Katzenfutter. Ein Laden in San Francisco verkaufte Dosen mit Dellen zu einem sehr günstigen Preis.

Wie schmeckt Katzenfutter?
Gar nicht schlecht. Aber nach einem Jahr, ich war 18, hatte ich genug.

Wie haben Sie Geld verdient?
Ich habe Kletterhaken geschmiedet und das Stück für 1.50 Dollar im Yosemite Nationalpark verkauft. Sie waren viel feiner als die Haken, die es bereits gab. Also habe ich sehr gut verkauft. Das war mein Einstieg ins Business.

Heute beschäftigen Sie 1400 Mitarbeiter und stellen teure Sportkleidung für Kletterer, Surfer oder Wanderer her.
Ja, unsere Produkte sind nicht günstig. Aber ich will Kunden, die unsere Produkte brauchen – nicht diejenigen, die unsere Produkte nur wollen.

Das ist doch Wunschdenken. Sie selbst sprachen über jene New Yorker, die Patagonia-Jacken tragen, wenn sie in ihrem Jeep zum Landhaus nach Connecticut hinausfahren.
Wissen Sie, wir verkaufen denen einen Traum. Die führen doch ein schreckliches Leben in dieser grossen Stadt. Aber klar, zugegeben, das ist ein grosser Teil unseres Geschäfts.

Wie sehr trifft Sie die Finanzkrise?
2008 war das beste Jahr unserer Geschichte. In der Krise besinnen sich Menschen aufs Wesentliche und investieren lieber in Kleidung, die lange hält. Genau das liefern wir. Ich liebe Rezessionen.

Aber in der Rezession 1991 mussten Sie 120 Mitarbeiter entlassen.
Das war meine schlimmste Zeit.

Was hatten Sie falsch gemacht?
Wir machten alle Fehler, die börsenkotierte Firmen machen. Wir wuchsen viel zu schnell. 30 bis 50 Prozent Wachstum pro Jahr – das ist verrückt, das kann nicht gut gehen.

Zunächst verdienten Sie gut.
Aber mir war nicht klar, was mein Unternehmen eigentlich sein sollte. Also habe ich Werte aufgeschrieben, auf die es mir ankommt.

Das sagen alle Manager.
Ich spreche von organischem Wachstum. Wir machen wenig Werbung. Wenn Produkte ausverkauft sind, wissen wir, dass wir zu wenig hergestellt haben. Und wir machen keine Schulden. So können uns auch keine Banken sagen, was wir zu tun haben.

Wie wachsen Sie organisch?
Durch das, was ich MBA nenne. Diese drei Buchstaben stehen für «Management By Absence». Ich bin gerne mal sechs Monate nicht im Büro, sondern auf Expedition in Südamerika.

Und wer macht die Arbeit?
Wenn ich in der Natur unterwegs bin, kommen mir die besten Ideen. Auch meine Mitarbeiter können machen, was sie wollen. Hauptsache, sie machen ihre Arbeit.

Und wie geht das?
Ich nenne das «Flextime». Wenn das Surfwetter grossartig ist, packen wir unsere Bretter, gehen an den Strand und haben zwei Stunden Spass. Danach gehts zurück an den Schreibtisch.

Was für Leute arbeiten bei Ihnen?
Nur eine Handvoll hat einen Wirtschaftsabschluss. Ich will keine Business-School-Streber. Bei mir arbeiten Soziologen, Biologen, Chemiker.

Sie verdienen Millionen. Was machen Sie mit all dem Geld?
Ich habe viel mehr, als ich brauche. Also gebe ich die Hälfte meines Verdienstes gemeinnützigen Organisationen.

Wofür geben Sie sonst Geld aus?
Ich brauche nicht viel. Ich kaufe meine «Organic Jeans» bei Walmart für 15 Dollar. Ich bin sparsam.

Stimmt es, dass Ihre Kinder, um Wasser zu sparen, vor dem Essen die Hände nicht waschen durften?
Ja, und ich hatte Recht. Kinder müssen mit Dreck in Berührung kommen, sonst sind sie gegen jeden Dreck allergisch. Meine Kinder mussten auch überfahrene Tiere essen, die wirft man nicht einfach weg.

Gibt es Firmen, die Sie um Rat fragen, wie man nachhaltig wirtschaften und trotzdem wachsen kann?
Klar, ich würde auch Exxon Mobil beraten, grüner zu werden. Aber ich bin davon überzeugt, dass man das Patagonia-Konzept keiner anderen Firma überstülpen kann.

Viele Europäer glauben, dass Amerika unter der Obama-Regierung grüner wird. Eine naive Vorstellung?
Ich befürchte ja. Die Mehrheit der Amerikaner schert sich nicht um die Umwelt. Es gab vor kurzem eine Umfrage, was den Menschen wichtig ist: Da rangiert die Rettung des Planeten auf Platz 19. Wie kann ich da optimistisch sein, dass sich etwas ändert?

Warum geben Sie nicht auf?
Weil es kein Geschäft gibt, das man auf einem toten Planeten machen kann. Wir alle müssen es endlich kapieren: Unser Shareholder ist die Erde.

Mit Yvon Chouinard sprach Alexander Mühlauer

Yvon Chouinard, «Lass die Mitarbeiter surfen gehen!», Redline-Verlag, 280 Seiten.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.11.2009, 04:00 Uhr

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