«Ich verstehe Thiams Strategie nicht»

Die Credit Suisse muss die UBS kopieren. Andernfalls könnte die Bank ins Visier feindlicher Investoren geraten. Dazu Finanzanalyst Christopher Wheeler.

Aus dem Investment Banking auszusteigen sei die «einzige Lösung», sagt Christopher Wheeler: Gebäude der Credit Suisse.

Aus dem Investment Banking auszusteigen sei die «einzige Lösung», sagt Christopher Wheeler: Gebäude der Credit Suisse. Bild: Keystone

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Herr Wheeler, die CS fällt laut Medienberichten tief in die Verlustzone. Sind Sie überrascht?
Wir wussten von den Goodwill-Abschreibern auf die einst erworbene US-Investmentbank Donaldson, Lufkin & Jenrette (DLJ). Und dann hat die Deutsche Bank mit ihrem Grossverlust von letzter Woche vorgespurt. Bei beiden Instituten geht es um die Investmentbank.

Was passiert dort im Moment?
Die US-Häuser profitieren von der robusteren Verfassung der US-Wirtschaft. Das führt zu mehr Erträgen im Aktienhandel und bei der Beratung für Firmendeals. Selbst im Zinsgeschäft, das für alle Investmentbanken schwierig geworden ist, sehen die US-Institute inzwischen Morgenröte.

Wird sich der Trend, dass die grossen Finanzplayer in den USA Europas Investmentbanken davoneilen, in nächster Zeit noch verstärken?
Vermutlich. Eigentlich machte die UBS bei ihrer Strategiewende weg vom Zinsgeschäft und hin zum Aktienhandel und zu Beratungsdienstleistungen vor, wie aus Europa heraus eine Investmentbank nachhaltig betrieben werden kann. Damals hiess es, es sei unmöglich, mit einer Investmentbank Gewinne zu erzielen, wenn sie kein starkes Zinsgeschäft habe. Die UBS zeigt, dass es geht.

Also müsste die Credit Suisse dies auch so machen?
Sie hat das Problem, dass sie schon immer viel stärker im Geschäft mit Anleihen engagiert war als die UBS. Diese machte ihren grossen Sprung Mitte der 90er-Jahre mit dem Erwerb der britischen Warburg, die stark im Aktiengeschäft verankert war. Als die UBS in den Nullerjahren auch bei den Zinsen gross hinauswollte, ging sie fast pleite. Umgekehrt die CS, die mit dem Kauf der US-Bank First Boston und später mit der Übernahme von DLJ schon immer auf das Kreditgeschäft, auf hochverzinsliche Anleihen, grosse Finanzierungen in aufstrebenden Ländern sowie Kredite für Rohstofffirmen fokussiert war.

Wenn die CS dort stark ist: Hat ihre Führung nicht recht, wenn sie im Zinsgeschäft gross bleiben will?
Das hatte sich die CS unter der alten Führung gesagt, und andere Institute taten es ihr gleich. 2009, als die UBS und andere grosse Häuser am Boden lagen, nutzten diese Investmentbanken die Gunst der Stunde und vergrösserten ihren Marktanteil im Zinsgeschäft. Angesichts ihrer starken Stellung im Geschäft mit Anleihen und in den Wachstumsmärkten war es der CS-Spitze möglich, die Investoren zu besänftigen.

Warum soll das nicht mehr klappen?
Weil die Aktionäre die Geduld verloren haben. Die UBS-Aktie hatte vor dem Strategiewechsel hin zur Vermögensverwaltung lange unter der schwachen Rendite ihrer Investmentbank gelitten. Deren Zähmung bei gleichzeitigem Fokus auf die Vermögensverwaltung war der historische Befreiungsschlag. Bei der CS kam mit dem Wechsel in der obersten Führung zum Versicherungsmann Tidjane Thiam die Hoffnung auf, dass dort das Gleiche passieren würde.

Und erfüllt sich diese Hoffnung?
Es ist eigenartig, ich verstehe die Strategie von Thiam nicht. Er hat die CS in Regionen aufgeteilt, aber in der Schweiz will er die ganze Palette anbieten und damit verborgene Schätze ans Tageslicht bringen. In Asien hat Thiam ein tolles Private Banking, sonst aber wenig. Im Rest der Welt ist nicht klar, wohin die Reise gehen soll. Obendrauf gibt es zwei Investmentbank-Einheiten. Mir ist nicht klar, wo in dieser Aufstellung die Synergien herkommen sollen.

Die Investoren haben offenbar auch Zweifel. Die CS-Aktie ist seit der Präsentation von Thiams Strategie um 30 Prozent gesunken. Wie weit kann der Kurs noch fallen?
Er wird langsam zum Problem für die CS. Wir sprechen hier von einem Stand, bei dem aggressive Aktionäre die Bank ins Visier nehmen könnten. Das passierte der UBS mit Knight Vinke, einer angelsächsischen Fondsgesellschaft. Sie fordert die totale Abkehr der UBS vom Investmentbanking. Der Aktienkurs gibt ihr recht. Der UBS-Kurs hat zwar in den letzten Wochen ebenfalls gelitten, aber im Vergleich zu Anfang 2012 ist er dank der Strategiewende immer noch um annähernd 50 Prozent gestiegen.

Was also sollte die CS tun: einzelne Teile abstossen?
Ja, sie könnte ihre Investmentbank-Einheiten zu verkaufen versuchen.

Gäbe es überhaupt Käufer dafür?
Der Heimaufseher eines möglichen Erwerbers hätte wohl keine Freude an den Risiken, die er sich damit ins Haus holt. Somit bleibt der CS eigentlich nur, diese Geschäfte zurückzufahren und dann zu überlegen, was sie mit dem frei werdenden Kapital tun soll. Auf dieses würde wohl die Schweizer Aufsicht rasch Anspruch erheben.

Zu recht: Endlich mehr Kapital bei der CS wäre doch das Richtige.
Absolut. Auch das wäre wie bei der UBS, die mit mehr Kapital und klarer Priorisierung ihrer Vermögensverwaltung besser dasteht. Thiam sieht für die CS bekanntlich grosses Potenzial in Asien. Das ergibt schon Sinn, dort kennt er sich auch aus. Und wie man weiss, haben vermögende Asiaten eine Vorliebe für Schweizer Banken.

Somit bleibt Thiam am Ende nur, aus dem Investmentbanking auszusteigen?
Es ist die einzige Lösung – genau wie bei der UBS. Mir ist schon klar, dass eine solche Strategie eine Reihe sehr harter Entscheide nach sich zieht. Aber die Aktionäre haben schlicht und einfach genug vom Bisherigen. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 31.01.2016, 21:05 Uhr)

Christopher Wheeler ist Finanzanalyst beim britischen Broker Atlantic Equities.

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