Immer mehr Boykottaufrufe aus den islamischen Ländern

Noch sind es erst Drohungen: Doch die Aufrufe, die Schweiz wirtschaftlich zu schädigen, werden lauter. Es geht um 14 Milliarden an Exporten und fast 50 Milliarden an Kundengeldern auf Banken.

Woher die arabischen Gelder auf Schweizer Banken stammen

Woher die arabischen Gelder auf Schweizer Banken stammen


in Mio. Fr.

Quelle: SNB


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Der Bundesrat warnte bereits im Frühling, dass ein Ja zur Anti-Minarett-Initiative auch wirtschaftliche Folgen haben könnte. «Für die Standortpromotion sowie die Exportförderung bestehen gewisse Risiken hinsichtlich eines Imageverlustes der Schweiz», betonte die Landesregierung anlässlich einer Antwort auf eine Interpellation von Nationalrätin Kathy Riklin (CVP, ZH).

Es lasse sich nicht ausschliessen, dass muslimische Länder wirtschaftliche Vergeltungsmassnahmen gegen die Schweiz oder Schweizer Unternehmen ergreifen oder dass muslimische Konsumentinnen und Konsumenten Schweizer Produkte boykottieren.

Türkei, Syrien

Dieses Szenario wird immer realistischer, wie die Reaktionen der letzten Tage aus muslimischen Ländern zeigen. Die arabischen Staaten reagierten wegen der mehrtägigen Ferien zum islamischen Opferfest erst etwas verspätet auf die Abstimmung. Doch der Tonfall wird immer schärfer.

So ruft der türkische Europaminister Egemen Bagis wohlhabende Muslime in aller Welt dazu auf, ihre Vermögen aus der Schweiz abzuziehen und in der Türkei anzulegen. Würden sich sämtliche angesprochenen Muslime an diese Weisung halten, würde dies einen Abfluss von fast 50 Milliarden Franken zur Folge haben (siehe Tabelle). Zu einer Kampagne gegen die Schweiz rief auch die Führung der syrischen Republik, die ebenso wie die Türkei eigentlich eine säkularer Staat ist. Samira al-Maslame, die Chefredaktorin der regierungsnahen syrischen Tageszeitung «Teshreen», fordert einen arabischen Boykott von Schweizer Waren.

Grüne Unterstützung

Unerwarteten Support erhalten die aufgebrachten Muslime von Daniel Cohn-Bendit: Auch er rät reichen Muslimen, ihr Geld von den Schweizer Banken abzuziehen. «Dies wäre die grossartigste aller Antworten auf das Minarettverbot», sagte der Fraktionspräsident der Grünen im EU-Parlament und frühere Studentenführer in einem Interview mit der Westschweizer Tageszeitung «Le Temps». «Die Kassen der Eidgenossenschaft leeren: Das ist es, was man tun müsste. Auf dass Saudiarabien oder die Vereinigten Arabischen Emirate euren Finanzplatz verlassen.» Cohn-Bendit erinnerte an den Druck des US-Fiskus in der UBS-Affäre. Wenn diese Abstimmung wirtschaftliche Konsequenzen habe, würden es die Schweizer verstehen.

Laut der Aussenhandelsorganisation Osec beträgt das Exportvolumen der Schweizer Wirtschaft in islamische Länder rund 14 Milliarden Franken (Stand Ende 2008). Das sind knapp 7 Prozent der gesamten Exporte der Schweiz. Die wichtigsten islamischen Länder für die Eidgenossenschaft sind die Vereinigten Arabischen Emirate (2,8 Milliarden Franken), die Türkei (2,5 Milliarden Franken) und Saudiarabien (1,6 Milliarden Franken).

Dänemark litt darunter

Auch der hiesige Tourismus könnte in Mitleidenschaft gezogen werden, sollten die Gäste aus islamischen Ländern ausbleiben. Immerhin machen die muslimischen Gäste etwa 5 Prozent der Touristen in der Schweiz aus.

Dass solche Boykottaufrufe nicht zu unterschätzen sind, illustriert das Beispiel Dänemark. Es war vor rund drei Jahren, als Mohammed-Karikaturen Muslime auf der ganzen Welt erzürnten. Und in konkreten Boykottaufrufen mündeten: Saudiarabien, der Iran und Malaysia forderten ihre Landsleute auf, dänische Produkte nicht mehr zu kaufen. Mit drastischen Folgen: Zwischen Februar und Juni 2006 brachen die dänischen Exporte um über 15 Prozent ein.

Informationskampagne

Economiesuisse bedauert in ihrem gestern versandten Newsletter die Annahme der Anti-Minarett-Initiative. Der Entscheid sei zu akzeptieren, gefordert sei jetzt aber eine Reaktion. «Die Schweiz muss mit Informations- und Aufklärungsarbeit zeigen, dass es sich nicht um ein Verbot des Islams, sondern nur um ein Verbot des Baus von Minaretten handelt», schreibt Economiesuisse. So sei ein möglicher Schaden in Grenzen zu halten. (Berner Zeitung)

(Erstellt: 03.12.2009, 07:43 Uhr)

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