Wirtschaft
Indien überflügelt China beim Wachstum: Kein Grund zur Euphorie
Artikel zum Thema
Auf diese Zahl haben sie lange gewartet. Die Weltbank prognostiziert Indien für das anstehende Jahr, es werde Chinas Wachstumsraten übertreffen. Und gemeinsam tragen die Nachbarn 2011 und 2012 fast die Hälfte des gesamten weltweiten Wachstums bei, so die Prognose.
Für das stolze Land ist vor allem die erste Aussicht eigentlich ein Grund zum Jubeln – schliesslich schauen die Politiker hier oft neidisch nach Peking. Doch von Euphorie ist in Delhi wenig zu spüren. Realismus herrscht. Es könne kurzfristig möglich sein, dass Indien China hinter sich lassen werde – entscheidend sei aber, ob es das hohe Wachstum beibehalten könne, sagt Dharmakirti Joshi, Chefökonom der Ratingagentur Crisil, und drückt damit die nüchterne Stimmung aus. Selbst die Regierung stimmt keine Lobeshymne auf ihre eigene Arbeit an.
Hohe Inflationsraten
Dafür ist sie viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Eine Inflationsrate von mehr als 20 Prozent bei Lebensmitteln und Korruptionsskandale überschatten die wirtschaftlichen Erfolgszahlen. Zu beobachten ist jenseits des politischen Tagesgeschäfts in der zahlenmässig grössten Demokratie der Welt zudem noch etwas anderes: Das Land stellt sich mehr und mehr seinen Fehlern und besitzt mehr und mehr die Offenheit für eine Selbstreflexion. Über Laster wie die Korruption und die soziale Ungerechtigkeit wird diskutiert.
Das zieht indes keine Sinnkrise nach sich: Dafür ist das Wachstum seit Jahren mit regelmässig mehr als 8 Prozent zu stabil, dafür verdienen die schwerreichen Grossunternehmer zu gut, dafür wächst die Mittelschicht zu beständig.
Die stumme Mehrheit
Auch wenn die Mehrheit der Inder noch immer von der Hand in den Mund leben muss, stellt ihre Gruppe von Hunderten Millionen Menschen nur eine stumme Mehrheit dar, die intensiver mit ihrem harten Alltag beschäftigt ist als mit dem Bestreben, eine gerechtere Gesellschaft einzufordern.
Aber als Indien vor zwölf Monaten den 60. Jahrestag seiner Verfassung feierte, fragten sich die Kommentatoren der englischsprachigen Presse – dem Sprachrohr der Mittelschicht –, ob das Land nicht vielleicht «seine Gründerväter verraten» habe. Sie spielten auf die krassen sozialen Gegensätze an, auf den Widerspruch, dass auch jahrelange Wachstumsraten nichts daran ändern, dass viel zu viele Menschen mit weniger als umgerechnet einem Euro am Tag auskommen müssen, während sich eine korrupte Klasse schamlos bereichert. Und in diesem Ton ging es weiter im Laufe des vergangenen Jahres: Die Missstände bei der Ausrichtung der Commonwealth Games, die nach vollmundiger Ankündigung indischer Politfunktionäre die Olympischen Spiele von Peking noch übertreffen sollten und stattdessen von einer beispiellosen Korruptionsserie überschattet waren, griffen die Medien aggressiv auf.
Häufig geht es dabei zumindest unterschwellig um das grosse Ganze, um beissende Kritik, wie sie der Publizist Aakar Patel in der Wirtschaftszeitung «Mint» übt: Indien habe die kulturelle Neigung, ein korruptes Land zu sein, befindet er. Patel unterscheidet zwischen «der Korruption, in der für das Verletzen oder Brechen von Regeln bezahlt wird» und bei der sich zwei Seiten auf diesen Rechtsbruch einigen. Davor sei kein Land gefeit.
Der Ausnahmepolitiker Singh
Aber die zweite Form sei in Indien alltäglicher: Der Zahlende wolle eigentlich nicht bestechen, habe aber keine andere Wahl. Das könne nötig sein, um ein Haus bauen zu können, Waren durch den Zoll zu bekommen, einen verstorbenen Angehörigen aus der Leichenhalle holen zu dürfen oder die Steuerrückzahlung zu erhalten. Eigentlich in allen Lebensbereichen gelte: «Wir sind damit vertraut – es ist Erpressung, was wir gar nicht mehr als solche empfinden.» In dieser Umgebung erhalte ein aufrichtiger Politiker wie Manmohan Singh ungewöhnlich viel Aufmerksamkeit – «weil er die Ausnahme ist».
Aber auch der Premierminister ist nicht mehr unantastbar. Er muss sich unangenehme Fragen gefallen lassen, weil er einen offenbar überaus korrupten Telekommunikationsminister lange Zeit gewähren liess. Allerdings sind seine Verdienste, um der wirtschaftlichen Öffnung Indiens den Weg zu bereiten, unbestritten. Anfang der 90er-Jahre entledigte sich das Land seiner sozialistischen Selbstbeschränkung. Jahrzehntelang galt für das bis kurz nach dem Zweiten Weltkrieg von den Briten besetzte Indien: Eine «Hindu-Wachstumsrate» von etwas mehr als 3 Prozent reicht aus.
Vor allem Dienstleistungssektor wächst
Als der Eiserne Vorhang fiel und der Golfkrieg ausbrach, litt Indien aber besonders hart unter der Ölkrise. Das Land geriet in Zahlungsnöte. Es musste sich Geld beim Internationalen Währungsfonds (IWF) borgen, der im Gegenzug Reformen verlangte. Singh, damals Finanzminister, begann ein Konzept zu erarbeiten, das die Beschränkungen lockerte, ausländische Investitionen auf den Weg brachte. Zwar hat die Deregulierung der indischen Wirtschaft bis heute ihre Grenzen, aber damit leitete die Regierung den Aufstieg zur Wirtschaftsmacht ein.
Die Wirtschaftspolitik ist in Delhi in den groben Zügen seitdem Konsens: Selbst wenn die Hindu-Nationalisten regieren, ändert dies nichts an der Stossrichtung. Vor allem der Dienstleistungssektor gilt als Wachstumsbranche. Er macht mehr als die Hälfte des Bruttoinlandproduktes aus, obwohl er nur 25 Prozent der Beschäftigten stellt. Die meisten Menschen verdienen ihr Geld in Indien noch immer in der Landwirtschaft.
Jedes zweite Kind unterernährt
Die grösste Herausforderung für Indiens Politiker wird es sein, das Wachstum so zu gestalten, dass es mehr Menschen einschliesst. Millionen Bewohner auf dem Subkontinent profitieren von den Wachstumsraten noch nicht. Dass in einer «angekommenen Weltmacht», wie Barack Obama Indien jüngst etwas übertrieben nannte, fast jedes zweite Kind noch immer unterernährt ist, bleibt ein trauriger Fakt. Die ökonomischen Prognosen sind indes weiter vielversprechend: Bis Mitte des 21. Jahrhunderts werde Indien im weltweiten Ranking der Volkswirtschaften vom elften auf den dritten Platz vordringen, prognostizieren Wirtschaftsexperten der Firma PWC. Allerdings werden demnach nicht nur die USA vor Indien rangieren, sondern auch: China. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 23.01.2011, 20:42 Uhr
Kommentar schreiben
Wirtschaft
- 20:38Novartis-Präsident Vasella kritisiert die Einwanderungspolitik
- 16:29Swisscom-Chef: «Den Meisten sind Roaming-Gebühren egal»
- 13:17So günstig zum Eigenheim wie nie
- 22:09Bund prüft Abschottung des Schweizer Kapitalmarkts
- 12:15Das sind die demokratischsten Firmen der Schweiz
- 10:16UBS verliert bis zu 30 Millionen Dollar bei Facebook-Börsengang




