Ja, ich bin ein Internetpirat!

Von Thomas Widmer. Aktualisiert am 18.03.2009

Internetpirat aXXo – Identität und Standort unbekannt – hat in gut drei Jahren über 1000 neue Kino-DVDs geknackt und ins Netz gestellt – zum grossen Ärger der Industrie.

Die Rechtslage in der Schweiz

Wer hierzulande Filme (oder Computergames, Musikstücke etc.) ohne Einverständnis des Herstellers aus dem Internet herunterlädt, handelt grundsätzlich nicht illegal – sofern er dies strikt nur zum Eigengebrauch tut. Das ist die frohe Botschaft des schweizerischen Urheberrechtsgesetzes URG.

Nun kommt der Haken: Sogenannte Peer-to-Peer-Technologien des Internets wie BitTorrent (siehe Hauptartikel) gründen meist darauf, dass man nicht nur herunterladen kann. Während man herunterlädt, spielt man für andere Leute im Netzwerk auch den Herauflader. Der Nehmer ist automatisch auch Geber. Peer-to-Peer heisst auf Deutsch übersetzt ja auch: von Gleich zu Gleich.

Insgesamt bedeutet das rechtlich: Wer Filme von aXXo oder anderen Rippern per BitTorrent herunterlädt, macht sich strafbar. Auch wenn er diese Filme eigentlich für sich und nur für sich aus dem Netz holen will. Denn indem er sie im selben Arbeitsgang ganz oder teilweise an Dritte weitergibt, kann nicht mehr die Rede von reinem privaten Eigengebrauch sein.

Eine ganz andere Frage für den betreffenden User ist dann allerdings wiederum, ob aus den Zehntausenden hiesiger Nutzer ausgerechnet er ausgesondert und verklagt wird. Die Strategie der Hersteller scheint momentan eher die, im grossen Stil gegen jene Sites à la Piratebay.org vorzugehen, die als Tauschvermittler fungieren. (tow)

Startet Hollywood einen neuen Film, jubiliert nicht nur der Kinogänger. Auch so mancher Internetnutzer freut sich. Ein, zwei Tage, dann kann er sich eine Gratiskopie aus dem Netz holen. Diese Erstkopien sind allerdings meist grenzwertig: Oft ist das Bild ein wenig dunkel, der Ton etwas dumpf. Da hat offensichtlich einer im Kino im Dunkeln die Minicam hervorgeklaubt und mitgedreht.

Doch dann. Dann tauchen auf Internet-Verzeichnissen wie Piratebay.org oder mininova.org die einwandfreien Kopien auf. Sie basieren auf der DVD zum Film, obwohl diese noch gar nicht im Handel ist. Industrie-Insider müssen dahinterstecken. Leute, die direkt an der Quelle sitzen und die DVD aus der Herstellung entwendet haben. Exakt hier kommt aXXo ins Spiel. Er ist der berühmteste Filmpirat des Internets. Der oberste DVD-Ripper. Will heissen: Mit spezieller Software knackt er DVDs. Kodiert den Inhalt auf ein Format um, das jeder Heimcomputer abspielen kann. Und stellt das Ganze ins Internet. Dort steht es der ganzen Welt umsonst zur Verfügung.

AXXo ist Hollywoods Albtraum. 2007, so eine Branchenschätzung, hat die Filmindustrie weltweit umgerechnet 850 Millionen Schweizerfranken durch illegale Internet-Downloads verloren. DVD-Ripper sind die Parasiten des Kinogewerbes. Und aXXo ist der allerfrechste von ihnen. Jeder dritte Film, der mit der einschlägigen Technologie BitTorrent heruntergeladen wird, ist ein aXXo-Produkt. Bei Spitzenfilmen sind es bis zu eine Million Menschen pro Woche, die zugreifen.

AXXo bringt – das ist sein simples Erfolgsprinzip – die begehrte Ware in Umlauf. Nichts Randständiges, keine Studiofilme, sondern alles Gängige: Liebeskomödien, Action, Thriller. Von der CIA-Story «Body of Lies» mit Leonardo DiCaprio über das Animationsspektakel «Hulk vs Wolverine» bis zur Los-Angeles-Krimi-Moritat «Changeling» mit Angelina Jolie.

Öffentlicher Feind Nummer eins

AXXo sei «der öffentliche Feind Nummer eins» von Hollywoods Top-Funktionären, schrieb die englische Zeitung «The Independent» Ende letzten Jahres anlässlich eines runden Jubiläums: Am 15. Dezember 2008, gut drei Jahre nach seinem Debüt, hatte aXXo den 1000. Film hochgeladen. Doch wer ist er? Keiner weiss es. Umso mehr wird in einschlägigen Blogs spekuliert. AXXo sei 1972 geboren, sagen die einen. AXXo sei ein Teenager, sagen andere, und genau darum habe ihn sich die Filmbranche noch nicht geschnappt, obwohl sie wisse, wer er sei und wo er wohne; sie warte darauf, dass er volljährig wird, um ihn dann mit der ganzen Härte des Gesetzes strafen zu können.

Ist aXXo Japaner, Amerikaner, Deutscher? Er könnte genauso gut ein Schweizer sein. Mysteriös bleiben jene drei Monate, in denen er einmal keine Filme hochlud. Waren ihm die Leute von der MPAA, der Motion Picture Association of America, der firmenübergreifenden Vermarktungsorganisation der Filmproduzenten, auf der Spur? Musste er untertauchen? Es ist unklar, wie auch unklar ist, ob das nicht alles viel zu romantisch gedacht ist. Vielleicht ist aXXo gar keine Person, sondern ein die Idee des geistigen Eigentums ablehnendes, anarchistisch gesinntes Kollektiv. Auch diese Theorie kursiert.

«Du bist Gott!», himmelt ein Blogger, der die kostenlosen Filme offensichtlich liebt, aXXo an. Um diesen hat sich ein Kult entwickelt mit T-Shirts und anderen Fangadgets. Allerdings sind da anderseits Widersacher. Nicht nur die MPAA, von der das Gerücht geht, sie platziere im Internet minderwertige Filmkopien unter aXXos Namen, um diesen zu diskreditieren. Spezielle AXXo-Hasser sind Personen aus einer geheimnisumwitterten Sphäre namens The Scene. «Die Szene», das sind jene Personen, die die DVDs, die aXXo und seinesgleichen später rippen, überhaupt beschaffen. Es müssen Personen ganz nah am Produktionsprozess sein, Fabrikarbeiter etwa oder Manager, die unveröffentlichte DVDs stehlen können gegen alle Sicherheitsmassnahmen. Sie betrachten aXXo als ruhmsüchtigen Zweitverwerter. Wenn sie sich im Netz äussern, dann mit Verachtung. Und mit dem Vorwurf, aXXo habe manche DVD nicht einmal selber geknackt, sondern bloss die geknackte Version umkodiert.

Letztlich ist es ein lächerlicher Streit: Da werfen Diebe dem Dieb Diebstahl vor. AXXos Leistung ist eine andere: Er presst die gigantische Datenmenge eines einzelnen Kinofilms auf 700 Megabyte zusammen. Das ist exakt das Format einer CD-R. Mit anderen Worten: Jeder kann den Film auf eine Billigscheibe brennen. AXXo hat eine Art perversen Industriestandard geschaffen. Das hebt ihn gegenüber den The-Scene-Exponenten ab, die allenfalls für einen inneren Filmfreak-Zirkel Elitekopien herstellen, solche mit viel grösseren Datenmengen, die der Normalkonsument verschmähen würde.

Und prinzipiell steht aXXos Name für gute Qualität: Viren, die den Computer infizieren können, gibt es in seinen Produkten nicht. Darum suchen manche Leute auf den Download-Sites auch nicht nach einem bestimmten Film, sondern nach aXXo-Filmen. Was er bereitstellt, holen sie sich.

Genial im Übrigen die BitTorrent-Technologie, die das Herunterladen der Filme überhaupt ermöglicht. Ohne sie wäre aXXo ein Niemand. Es handelt sich um eine Erfindung des Programmieres Bram Cohen aus Seattle von 2001. Das Problem, das er löste, ist das folgende: Wenn man Daten von einem Computer auf den anderen überspielt, so ist der Geber langsamer als der Nehmer, Uploads sind sehr träge.

Cohen löste das Problem mit einem Trick: Jedes Ding, ob Film, Musikstück, Game oder Hörbuch, wird zuerst in kleine Datenpakete aufgeteilt. Wer nun auf dem eigenen Computer einen Film herunterlädt, der bedient sich nicht aus einer Quelle, die nicht genügend schnell liefern könnte. Sondern dank BitTorrent ortet sein Computer die einzelnen Teile des Films, wo immer auf der Welt sie sind, lädt sie separat herunter und setzt sie am Schluss zusammen. Zehn oder zwanzig Geber – jeder als Einzelner langsam, doch zusammen schnell – bedienen so den einen Nehmer. Und während der Nehmer-Computer noch in Highspeed arbeitet, wird er wiederum selber zum Geber: Bereits heruntergeladene Teilpakete können nun ihrerseits von jedem anderen Benutzer geholt werden.

Also spricht der Internetnutzer, der abends um sechs Lust hat, abends um acht irgendeinen Film, zum Beispiel die schräge Gangsterkomödie «In Bruges», zu schauen: kein Problem! Er geht ins Internet, findet auf Piratebay.org den Link zu «In Bruges», freut sich, dass eine aXXo-Version aufgeführt ist, startet den Download und hat den Film nach 55 Minuten oder so bei sich zu Hause.

Viel beachteter Prozess in Schweden

Hollywood ist gegen den Klau einigermassen machtlos. Umso triumphaler zelebriert man sporadische Erfolge. 2004 wurde der Schauspieler Carmine Caridi, einst Nebendarsteller in «Der Pate», vom FBI gestellt. Er hatte als Oscar-Jurymitglied interne Kopien von Filmen erhalten und diese weitergegeben. Dummerweise waren sie mit einer Art digitalem Wasserzeichen markiert.

Nachhaltiger handelt die Industrie, indem sie gegen jene Internetsites vorgeht, die als Tauschbörsen auflisten, welche Filme per BitTorrent greifbar sind; ohne sie wären die Nutzer orientierungslos. Momentan läuft ein weltweit beachteter Prozess in Schweden gegen die Betreiber von Piratebay.org; das Urteil wird für April erwartet. Allerdings: Ist eine Site niedergerungen, geht irgendwo anders eine andere auf. Vorzugsweise in irgendeinem Land, wo man beim Wort Copyright mit den Schultern zuckt.

Vor zwei Jahren brachte es ein holländischer Internet-Blogger zu einem Mail-Interview mit aXXo. Warum er Filme knacke und ins Netz lade, fragte der Blogger. AXXo: «Warum nicht? Wenn ich einen grossartigen Film sehe, meine ich, dass jeder das Recht hat, sich von ihm unterhalten zu lassen.» Aber ob er denn nicht glaube, dass es falsch sei, die Industrie zu hintergehen, setzt der Blogger fort. «Nicht wirklich», sagt aXXo; «und am Anfang tat ich es ja nur für mich und einige Kollegen.» Schuldgefühle sind dieser nebulösen Gestalt fremd. Wenn es denn aXXo war, der da sprach.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.03.2009, 12:19 Uhr

Wirtschaft

Populär auf Facebook Privatsphäre

Telefonbuch

Marktplatz

Meistgelesen in der Rubrik Wirtschaft

Internet auf dem Fernsehen: Der Trend geht klar in diese Richtung. Werden Sie sich einen Smart TV kaufen?

Ja, auf jeden Fall

 
15.1%

Nein, interessiert mich nicht

 
40.2%

Erst wenn die Geräte billiger geworden sind

 
35.1%

Ich habe schon einen

 
9.7%

3308 Stimmen