Jetzt mal langsam, bitte!

Politiker und Kommentatoren im Ausland überschlagen sich nach der Abzocker-Abstimmung mit Lob an die Schweiz. Plötzlich sind alle Schweizer. Das ist peinlich – und macht misstrauisch.

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Von Paris über Brüssel bis nach Berlin: Lobeshymnen werden Richtung Schweiz geschickt. Stimmbürger, direkte Demokratie und eidgenössische Nüchternheit werden plötzlich gefeiert. Der französische Regierungschef nennt die Abstimmung eine «exzellente demokratische Erfahrung», die EU macht die Schweiz gar zum «Vorbild». Und geht es nach der «Frankfurter Allgemeinen», zählt die Schweiz plötzlich Millionen neuer Bürger. «Die Wut über Abzocker macht uns alle zu Schweizern», heisst es in einem Kommentar.

Danke, danke, danke: Ein bisschen fühlen wir uns ja schon geehrt. Endlich erkennt man im Ausland den wahren Wert unseres politischen Systems. Wir habens ja schon immer gesagt, dass wir dank Initiative und Referendum der politischen (und jetzt auch wirtschaftlichen) Elite die Grenzen ihres Tuns aufzeigen können. Meistens lassen wir es bei der Drohung bewenden, jetzt haben wir es wieder einmal getan. Yes, we did it.

Aber ehrlich gesagt, irgendwie sind uns diese grenzüberschreitenden Glückwünsche etwas peinlich und machen uns misstrauisch.

Warum peinlich? Wenn jetzt getitelt wird, «Schweizer stutzen den Managern die Löhne», dann sind das Schlagzeilen, die mit den Tatsachen wenig bis gar nichts zu tun haben. Gut möglich, dass künftig die Millionen in den Chefetagen nicht spärlicher fliessen werden. Neu ist dann einfach, dass die Eigner ihren Segen dazu gegeben haben. Bitte! Aktionärsdemokratie ist nicht gleich Volksdemokratie. Die Beweggründe hinter den Entscheidungen dürften ganz andere sein.

Warum misstrauisch? Nun ja, seit Jahren steht die Schweiz im europäischen Ausland am Pranger. Ob Bankgeheimnis, Holdingsteuer oder Pauschalbesteuerung: kaum ein Thema mit Schweizbezug, das nicht gut genug ist, das Eidgenossen-Bashing voranzutreiben. Nicht, dass es keinen Grund gäbe, das «eigenartige Bergvolk» («Süddeutsche») zu kritisieren und Veränderungen anzumahnen. Manchmal kommt aber schon der Verdacht auf, es sei gerade Mode, mit dem Finger Richtung Alpen zu zeigen. Steuerparadiese gibt es in Europa (und weltweit) wohl genug, Steuerumgehungskonstrukte für Multis auch.

Und trotzdem wollen jetzt plötzlich alle Schweizer sein? Nein danke, diese Kehrtwende ging nun doch etwas zu schnell. Welches Kind nimmt dem Vater das Lob ab, wenn es ständig geprügelt wurde?

Darum: Bleiben wir doch auf dem Boden und bei den Tatsachen. Wir kümmern uns nun erst mal um eine vernünftige Umsetzung der Abzockerinitiative, was im schlimmsten Fall mit einem mühseligen und jahrelangen Gesetzgebungsprozess verbunden ist. Und zusammen mit Europa versuchen wir die Probleme bei unversteuerten Geldern und anderen Missständen zu lösen.

(Erstellt: 05.03.2013, 12:01 Uhr)

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Matthias Chapman.

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