Wirtschaft

«Karrieremachen hängt auch vom Chef ab»

Von Martin Vetterli. Aktualisiert am 01.03.2009

Yvonne Lang Ketterer ist eine der wenigen Frauen, die bei einer Schweizer Versicherung immer höher steigen. Ihr Rezept: mehr Mut – und etwas Glück.

«Anwesenheit ist keine Garantie für gute Leistung», sagt Yvonne Lang Ketterer, Chefin Leben Schweiz der Zurich.

«Anwesenheit ist keine Garantie für gute Leistung», sagt Yvonne Lang Ketterer, Chefin Leben Schweiz der Zurich.
Bild: Tom Kawara

Wenn sie oben angelangt sind, sagen sie alle: «Die Leistung wars!» Und erzählen, was sie Tolles vollbracht haben und dass es bei einem solchen Leistungsausweis mit der Karriere einfach klappen musste. Natürlich könnte das auch Yvonne Lang Ketterer tun und noch dazu das Lied von den schlechten Karten singen, die sie als Frau ohnehin hat. Tut die neue Chefin des Leben-Geschäfts der Zurich Schweiz aber nicht. Sondern sagt beinahe nebenbei: «Karrieremachen hängt immer auch vom Chef ab.»

Was die 43-Jährige damit meint? «Viele Chefs horten gute Mitarbeiter. Um selber gut dazustehen. Und wenn diese Leute dann doch gehen, empfinden sie das als persönliche Beleidigung.» Das sei ein Fehler und der Tod jedes Förderungsprogramms. Sie selber habe – «mein Glück!» – immer Chefs gehabt, die ihr Freiräume öffneten, sie an neuen Aufgaben wachsen liessen, sie gehen liessen.

Die schnellen Frauen

Und dann sagt Yvonne Lang Ketterer so unprätentiös, dass man den Satz überhören könnte: «Gut führen kann nur, wer die Menschen gern hat.» Und wer seine Leute richtig einschätzen könne. Das habe sie gelernt, als sie zur Finanzierung ihres Studiums bei Imholz arbeitete. «Als Reiseleiterin braucht man ein feines Sensorium für Leute und Situationen. Entweder lernt man, Probleme früh zu erkennen und sie zu lösen, bevor sie an die Oberfläche kommen. Oder man kämpft dauernd mit unzufriedenen Kunden.» Und dass Frauen feinfühliger seien und schneller reagierten, das sei generell so.

Auch so eine überraschende Aussage, die man Yvonne Lang Ketterer nicht gleich zuschreiben würde. Wer sie nur einmal sieht, denkt vielleicht, diese Frau ist supersachlich, supernüchtern, supereffizient. Ihre direkte und offene Art sei so etwas wie ihr Markenzeichen, das ihre Karriere geprägt habe, bestätigt die Managerin.

Diese Karriere könnte gradliniger nicht sein. Von der Uni ging sie direkt zur Zurich, wechselte von Abteilung zu Abteilung und zwischen Jobs im Leben- und Sachversicherungs-Bereich hin und her, hatte unterschiedlichste Aufgaben in unterschiedlichsten Positionen inne, sortierte hier die Post, führte da die Generalagenten, war hier als Zurich-Vertreterin bei McKinsey-Reorganisationsprojekten dabei, baute da das Direktgeschäft in der Schweiz aus. Ein fast perfektes Muster für die Karriere einer Generalistin: nie stillstehen, sich immer bewegen. Erfahrungen sammeln, Leistung zeigen. Und gute Chefs haben.

Doch reicht das für eine Karriere an die Spitze? «Damit man von Ihnen Notiz nimmt, müssen Sie sich immer zeigen, müssen Sie sich exponieren», rät sie jungen Kolleginnen. Sonst nütze die beste Leistung nichts. Und weil das Männern generell leichter fällt, machen deshalb weniger Frauen Karriere? So simpel sei das nicht. Der Knackpunkt liege wohl eher darin, dass es immer die Frauen seien, die meinen, sie müssten Familie und Beruf unter einen Hut bringen. Für Männer sei das offensichtlich kein Problem. Für sie sei immer klar: Der Job geht vor.

Und dann bricht es aus Yvonne Lang Ketterer heraus: «Am Schluss bleibt die Verantwortung doch immer an der Frau hängen. In 99,9 Prozent der Fälle ist es doch immer die Mutter, die zu Hause bleibt, wenn ein Kind krank ist – und nicht der Vater.» Das habe sie schon hundertfach so erlebt. Und das hemme eine Karriere immer wieder.

Hinzu komme, dass Frauen immer wieder unüberwindbare Hürden in den Weg gelegt würden. Das beginne bei kleinen Dingen: «Wenn zum Beispiel eine Mutter am Montag ihr Kind frühestens um 8 Uhr in die Krippe bringen kann, kann sie auf diesen Termin unmöglich an einer Teamsitzung teilnehmen. Und wenn sie dann zu spät kommt, trifft sie der Dauervorwurf, dass sie sich nicht einmal in einer so einfachen Sache gut organisieren könne.»

Die unflexiblen Chefs

Unsinn sei das. Statt flexibel zu reagieren, schalteten viele Chefs in solchen Fragen auf stur. Und viele Frauen zögen entnervt die Konsequenz: Sie entscheiden sich für die Familie und gegen die Karriere. «Eine unmögliche Situation», sagt Yvonne Lang Ketterer nüchtern. Wegen solcher Kleinigkeiten, die sich mit etwas gutem Willen regeln liessen, verlieren Unternehmen Talente, die sie hinterher teuer einkaufen müssen.

Auch der Zwang zur Dauerpräsenz sei so eine Sache, mit der viele Mütter nicht klarkämen. Lang Ketterer empfiehlt hier Rücksicht statt Härte. «Mir ist es egal, ob meine Leute ihre Arbeit zu Hause um Mitternacht oder morgens um 10 im Büro erledigen. Mir persönlich kommen die besten Ideen ja auch nicht in Sitzungen oder im Büro, sondern wenn ich draussen bin. Indem ich mich frei organisieren kann, arbeite ich generell effizienter und besser.» Im Endeffekt gehe es ja nicht darum, wann, sondern wie eine Arbeit gemacht werde. «Anwesenheit ist keine Garantie für gute Leistung.»

Hätten Sie, Frau Lang Ketterer, Ihre Karriere so elegant hingelegt, wenn Sie eigene Kinder hätten? «Ich bestimmt nicht. Auch hätte ich den Job als Chefin Leben Schweiz nie angenommen.» Warum nicht? «Ich kann mir nicht vorstellen, von morgens 8 bis abends 8 im Büro zu sein und zu Hause Kinder zu haben. Weil dann entweder die Kinder oder ich zu kurz kämen.» Aber dies, sagt die Managerin, sei eine Sache, die jeder für sich entscheiden müsse.

Der Vorteil der Frauen

War es ein Nachteil, als Frau Karriere machen zu wollen? «Am Anfang war es sicher härter», erzählt die Kaderfrau. «Kollegen, die mehr oder weniger gleich aufgetreten sind wie ich, galten als jung und dynamisch, ich als arrogant und überheblich. Entscheidend sind aber nicht diese Klischees, sondern wie Sie damit umgehen. Ich war nie sonderlich schockiert, wenn jemand anfangs so auf mich reagierte. Ich sagte mir einfach: Der braucht halt etwas länger, bis er merkt, was Sache ist.»

Und sagt, ohne mit der Wimper zu zucken: «Es gab auch Vorteile. Als man Frauen suchte, nahm man halt jene, die da waren.» Und lacht so offenherzig, dass man fast Mitleid mit den zu kurz gekommenen Männer kriegen könnte. Aber eben nur fast. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.03.2009, 22:03 Uhr

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