Wirtschaft
«Keiner will der Euro-Mörder sein»
Von Dieter Heumann, Finanz und Wirtschaft. Aktualisiert am 16.12.2010 39 Kommentare
Artikel zum Thema
- «Es sind vor allem ältere Herren, die Stimmung gegen den Euro machen»
- Die Schweiz als glückliche Insel
- OECD fordert klare Vorgaben zum Schuldenabbau
- Nationalbank sorgt sich um instabiles Umfeld der Schweiz
Stichworte
Zerbricht der Euro an der Schuldenproblematik, oder finden die Eurostaaten Wege, ihre Gemeinschaftswährung zu retten? Der britische Buchautor, Eurokenner und Honorarprofessor David Marsh hat Antworten.
Herr Marsh, die Europäische Zentralbank hat sich verpflichtet, Staatsanleihen hoch verschuldeter Euroländer zu kaufen. Ist sie mit dieser «Staatsfinanzierung durch die Hintertür» gut beraten?
Der EZB bleibt nichts anderes übrig. Der Aufkauf von Staatsanleihen – auch schlechterer Bonität – wurde Anfang Mai beschlossen, weil damals sogar die französischen Staatsanleihen unter Druck geraten waren. Natürlich gibt es im Lager der EZB auch Gegner dieser Verpflichtung, wie den Bundesbankpräsidenten Axel Weber. Sie konnten sich aufgrund der Heftigkeit und der Ausdauer der Verschuldungskrise aber nicht durchsetzen. Kritisiert werden kann die Aktion allenfalls deshalb, weil sie bisher nicht zu einer Verminderung der Zinsunterschiede geführt hat.
Eigentlich wollte die EZB die Aktion 2011 zurückfahren. Nun wird sie weiterhin Staatsanleihen kaufen und den Banken bis Mitte 2011 so viel Geld zur Verfügung zu stellen, wie sie möchten. Warum?
Wir haben es mit einer «bipolaren» Entwicklung in der Währungsunion zu tun. Den nördlichen Gläubigerländern um Deutschland herum geht es relativ gut, den peripheren Defizitländern – angeführt von Griechenland, Portugal, Irland – schlecht. Die EZB musste die Liquiditätsaktion fortsetzen, obwohl die Konjunktur im nördlichen Raum eher dagegen spricht. Im Laufe der Zeit wird dieses zunehmende Nord-Süd-Leistungsgefälle der EZB ein echter Dorn im Auge sein, der die Implementierung der ohnehin heiklen einheitlichen Geldpolitik noch problematischer macht.
Wie beurteilen Sie als Engländer – von aussen – die Situation im Euroland?
Viele Beobachter haben seit langem auf die Divergenz der europäischen Volkswirtschaften zwischen Süd und Nord hingewiesen. Es gibt keine gemeinsame Wirtschafts- und Finanzpolitik. Das konnte auf Dauer nicht gutgehen, und dies war absehbar: So deuteten die Leistungsbilanzdefizite der südlichen Länder seit Jahren auf erhebliche Ungleichgewichte hin. Und Leistungsbilanzdefizite müssen irgendwann finanziert werden. Das haben bisher die Banken getan, die aber mittlerweile «kalte Füsse» bekommen haben. Ein grosses Problem war für die südlichen Euroländer zudem der niedrige Zins, weil er nicht ihrer Bonität entsprach. Aber sie kamen günstiger an Geld, und ihre Verschuldung stieg munter. Die Märkte haben dies zunächst nicht zur Kenntnis genommen und negiert, dass die griechische oder die irische Bonität nicht gleich der deutschen ist. Dadurch hat sich ein erheblicher Korrekturbedarf aufgebaut. Als die Realitäten dann doch wahrgenommen wurden, haben sich die Märkte plötzlich und sehr rasch angepasst.
Deutschland fordert, private Kapitalgeber müssten kräftiger in die Haftung einbezogen werden. Ist das gerechtfertigt?
Absolut, nur hätte die Forderung viel früher kommen müssen. Dann wäre es auch kaum zu der lange Zeit währenden Unbekümmertheit der Märkte gekommen. Sie hätten die Situation sensibler analysiert: Man hätte schon vorher eine allmähliche Ausweitung der Spreads erfahren und die dramatischen Auswüchse der letzten Zeit möglicherweise vermeiden können.
Werden weitere Euroländer unter den Rettungsschirm flüchten müssen?
Davon bin ich überzeugt. Aber schon mit der Aufnahme Spaniens dürfte der Schirm nicht mehr ausreichen – das sehen die Märkte mit Ängsten.
Was halten Sie von Forderungen, den Rettungsschirm EFSF zu erweitern und ausserdem Eurobonds auszugeben?
Vor allem Deutschland will gestützt auch auf die Position einiger weiterer Gläubigerländer weder einer Aufstockung der Rettungsfazilität noch der Einführung gemeinsamer Eurobonds zustimmen. Die Regierung fürchtet wahrscheinlich zu Recht, dass solche Schritte die Defizitländer zu einer Herabstufung ihrer Spar- und Reformprogramme verleiten könnten. Und da an Deutschland als stärkstem und auch wirtschaftlich erfolgreichstem Land der EU kein Weg vorbeiführt, hat sich die deutsche Haltung durchgesetzt.
Für wie gefährlich halten Sie die Proteste in den Ländern, denen aufgrund der hohen Verschuldung rigide Sparmassnahmen und Belastungen drohen?
In Irland ist die Bevölkerung bereit, in gewissem Umfang Lasten zu schultern. Das dürfte mehr oder weniger auch in anderen Ländern der Fall sein. Aber sollte kein Ende der wirtschaftlichen Einschränkungen und auch kein erhellender Aufschwung in Sichtweite rücken, dann könnte es in den betroffenen Staaten politisch ungemütlich werden – mit Gefahren für die Demokratie in diesen Ländern.
Zwischen all den Wirren steht der Euro. Die deutsche Kanzlerin sieht ihn in einer «ausserordentlich ernsten Situation». Ist dem so?
Frau Merkel hat bereits vor einem halben Jahr gesagt, man stehe in einer existenziellen Krise. So etwas hat kein deutscher Kanzler zu Zeiten der D-Mark gesagt, obwohl auch sie in Turbulenzen unter Aufwertungs- und auch zeitweise Abwertungsdruck gestanden hat. Die Worte der Kanzlerin bedeuten, dass der Euro auch aufhören könnte zu existieren. Und sie hat Recht – wir befinden uns in einer tatsächlich äusserst schwierigen Situation. Meiner Meinung nach wird der Euro in zwei oder drei Jahren in der heutigen Form nicht mehr fortbestehen.
Das ist starker Tobak.
Nein, es rächt sich nur, was in den Neunzigerjahren beschlossen wurde: den Euro statt mit sechs EU-Kernstaaten mit einem grossen Kreis von elf – noch dazu wirtschaftlich sehr heterogenen – Mitgliedländern und mit einem nicht ausreichenden Regelwerk zu starten. Eine gemeinsame Wirtschafts- und Finanzpolitik stand nicht am Anfang, sondern sollte mithilfe des Euros erreicht werden. Das war ein Irrtum. Der damalige Bundesbankpräsident, Hans Tietmeyer, hat bereits seinerzeit gewarnt.
Aber es gab in den letzten zehn Jahren kaum Schwierigkeiten.
Richtig, der Euro schien zum Selbstläufer geworden zu sein. Aber wie gesagt: Die Märkte haben zu lange stillgehalten und den sich bereits offenbarenden Schwierigkeiten im Kreis der Mitgliedländer zu spät Beachtung geschenkt. Und die verantwortlichen Politiker waren blauäugig und nur zu gern bereit, den Märkten zu glauben.
Würden Sie den Euro derzeit als schwach bezeichnen?
Nein, der Euro ist derzeit nicht schwach, vor allem wenn man bedenkt, dass er vor etwa zwölf Jahren mit 1.18 $ gestartet ist. Aber die Währungsinteressen gehen in Europa weit auseinander: Während die schwächeren Schuldnerländer einen leichteren Euro – etwa bei der Parität – bevorzugen, tendieren die starken Gläubigerländer zu einem eher starken Euro von etwa 1.50 $, der international Gewicht hat. Problematisch ist der einheitliche Zins. Auch er entspricht nicht den Notwendigkeiten in den einzelnen Euroländern, die höchst unterschiedliche Wirtschaftsverläufe aufweisen. Die hoch verschuldeten Länder benötigen einen niedrigen Zins, während die Wachstumsländer eines höheren Satzes bedürfen. Ausser der Währungspolitik befindet sich also auch die Geldpolitik innerhalb des Euroraums in einer sehr schwierigen Situation.
Was müsste passieren, um ein Auseinanderbrechen der Gemeinschaftswährung Euro zu verhindern?
Da sehe ich bei dem derzeitigen grossen, heterogenen Kreis der Euromitglieder nur eine Möglichkeit: Die Gläubigerländer müssten sich bereit erklären, die Schulden der anderen Staaten zu übernehmen. Dazu werden sie auch mit Blick auf die Wähler nicht bereit sein. Die Menschen dieser Länder haben das Gefühl, sie hätten bereits Opfer auf sich genommen, und sind nicht gewillt, ewig die Schulden der schwachen Staaten zu schultern. Wir stehen in einem Spannungsfeld zwischen Angst vor dem IWF und Angst vor den Finanzmärkten – keine beruhigende Lage und genau das Gegenteil dessen, was die Eurobefürworter bei der Einführung der gemeinsamen Währung erhofft und zunächst auch tatsächlich erlebt hatten.
Wozu wird es nun kommen?
Die einzig mögliche Alternative ist, dass sich die Eurogruppe spaltet – in eine Kerngruppe bestehend aus den Gläubigerländern Österreich, Deutschland, Luxemburg, den Niederlanden, Finnland und wahrscheinlich auch Frankreich. Eventuell würden noch Dänemark und Schweden, möglicherweise auch der Ölproduzent Norwegen dazustossen. Andererseits hätten wir die hoch verschuldeten Länder mit einer schwächeren Währung.
Auch unter solchen wirtschaftlich etwa gleich starken Ländern würde es auf Dauer nicht ohne politisches Zusammenrücken gehen, um die gemeinsame
Währung überlebensfähig zu gestalten.
Nein. Wenn die zusammengehenden Länder wirtschaftlich ziemlich konvergent sind, dann benötigt man in der Regel keineswegs eine klassische politische Union.
Wer wird die Verantwortung für
einen Zusammenbruch der Eurozone übernehmen wollen?
Keines der Euroländer wird als Mörder der Gemeinschaftswährung in die Geschichte eingehen wollen. Das gilt vor allem für Deutschland. Aber es muss nicht zwangsläufig zu einem «Blame Game» und zu spektakulären Austritten der einen oder der anderen Seite kommen. Man könnte sich auch friedlich einigen, indem kein Land den Euroraum verlässt, er aber dennoch zersplittert.
Wäre Deutschland besser gefahren, hätte es die D-Mark behalten?
Ich meine ja. Natürlich hätte sich die D-Mark aufgewertet. Aber das wäre keine Tragödie gewesen wie vielfach behauptet. Denn die D-Mark wäre von anderen härteren europäischen Währungen umgeben gewesen, die sich ebenfalls aufgewertet hätten. So hätte sich – ohne den zerstörerischen und kostspieligen Umweg über den Euro – eine Hartwährungszone entwickeln können. Es kann sein, dass das, was vor einem Jahrzehnt hätte errichtet werden sollen, jetzt als einziger Ausweg aus der grausamen Situation tatsächlich eintritt. (Finanz und Wirtschaft)
Erstellt: 16.12.2010, 11:26 Uhr
Kommentar schreiben
39 Kommentare
Der eine Euro-*Hellseher* sagt dies, der andere das. Oder anders gesagt, lehnen wir uns einmal zurück und harren der Dinge, die dann wirklich kommen und so oder so weder von uns beeinflusst noch geändert werden kann. Trotz aller Tragik, relativ spannend... Antworten
Ein Scheeballsystem wie aus dem Bilderbuch: Zentralbank kauft Staatsanleihen und versorgt Staat mit Geld. Die Staaten verpflichten sich bei dem Geschäft, die Anleihe inklusive Zinsen (!) zurückzubezahlen. Und wie werden die Zinsen bezahlt? Natürlich indem der Staat neue Staatsanleihen ausgibt respektive neue Kredite aufnimmt. Dieses Geldsystem muss früher oder später kolabieren... Antworten
Wirtschaft
- 20:38Novartis-Präsident Vasella kritisiert die Einwanderungspolitik
- 16:29Swisscom-Chef: «Den Meisten sind Roaming-Gebühren egal»
- 13:17So günstig zum Eigenheim wie nie
- 22:09Bund prüft Abschottung des Schweizer Kapitalmarkts
- 12:15Das sind die demokratischsten Firmen der Schweiz
- 10:16UBS verliert bis zu 30 Millionen Dollar bei Facebook-Börsengang




