Wirtschaft

Konversationskonfekt, gefüllt mit Dynamit

Von Constantin Seibt. Aktualisiert am 24.03.2011 7 Kommentare

Der verstorbene Bankier Hans J. Bär sorgte für Empörung. Paradoxerweise, weil er ein perfektes Ohr für Stil hatte.

Hat alle Tugenden des klassischen Liberalismus auf sich vereinigt: Hans J. Bär.

Hat alle Tugenden des klassischen Liberalismus auf sich vereinigt: Hans J. Bär.
Bild: Keystone

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Stil ist – das weiss man spätestens seit Oscar Wilde – nichts Harmloses. Stil entscheidet darüber, wer dazugehört. Und wer nicht. Er ist das, was unter den Tieren der Geruch ist. Und er ist eine Waffe.

Der Mann, der am Montag starb, wusste das. Der Bankier Hans J. Bär beherrschte den bürgerlichen Stil derart, dass er gefährlich wurde: nicht zuletzt ihm selbst. Die Nachrufe trugen gestern Titel wie«Tod eines Könners» oder «Der Zeit um Jahre voraus». Oscar Wilde bemerkte dazu trocken: «90 Prozent des Applauses sind Erleichterung.»

Bürgerliche Tabus gebrochen

Denn als 2004 Bärs Memoiren «Seid umschlungen, Millionen» erschienen, klang es anders: Die NZZ schrieb vom «Totengräber des Finanzplatzes», der Chef der Bankiervereinigung sagte, Bär verstehe nichts mehr vom Geschäft, und seine Söhne und seine Bank mussten sich von ihm distanzieren.

Der Grund für die Empörung war, dass Bär einige bürgerliche Tabus brach. Aber nicht als Polemik. Sondern im perfekten bürgerlichen Salonstil: mit Aperçu, Anekdote und Zitat.

Es schmeckte wie Konversationskonfekt, nur war die Füllung Dynamit. Etwa wenn Bär Anekdoten vom Bankgeheimnis erzählte: «Da kam es vor, dass sich ein Kunde vorstellte, indem er das Etikett der Cognacflasche zeigte:‹Ich heisse Hennessy, mehr sage ich nicht, hier sind 300'000 Dollar.›» Oder noch weniger harmlos: «So etwas wie Bewusstsein für die Insider-Problematik gab es nicht. Dass ein Nationalbankdirektor zwei bis drei Tage vor Diskontsatzänderungen bei uns in weiser Voraussicht sein Portefeuille justierte, fanden wir wunderbar: ‹Ist ja fantastisch, was wir für Beziehungen haben.›»

Zitate wie ein Dolch

Doch richtig gefährlich wird Bär jeweils, wenn er das bürgerlichste aller Stilelemente einsetzt: das klassische Zitat. Normalerweise wird es bei Zitaten feierlich oder gemütlich, doch Bär benutzt Zitate wie einen Dolch. Etwa in seinem Satz über das Bankgeheimnis: «Es ist ein defensives Instrument, das die Schweiz vom Wettbewerb verschont und das uns, um ein Churchill-Wort aufzunehmen, ‹fett, aber impotent› macht.»

Oder in einer Kritik an Israels Siedlungspolitik: «Abba Eban attestierte den Palästinensern einmal, ‹keine Chance verpasst zu haben, eine Chance verpasst zu haben›. Aber hat Israel es so viel besser gemacht?»

Oder in Bärs Kommentar zur Anekdote, dass der Bundesrat nach Abschluss der langen, teuren Verhandlungen über die Holocaust-Gelder ein Essen für den Vermittler Paul Volcker geben wollte. Worauf Aussenminister Joseph Deiss sagte: «Schön, aber nicht mit den jüdischen Vertretern.» Worauf das Essen ins Wasser fiel. Und Bär kommentierte: «Da kann man nur Talleyrands Wort aufnehmen, das er nach der Abdankung Napoleons über die Bourbonen fällte: ‹Sie haben nichts vergessen und nichts dazugelernt.›»

Das Gegenteil von Schnörkel

Das ist technisch brillant – ein knappes, tödliches Heben der Augenbraue. Was NZZ und Banken damals so auf die Palme brachte: Bär kritisierte den Finanzplatz mit den Mitteln eines Grossbürgers – mit dem Wissen des Eingeweihten und dessen Verachtung für die Plumpheit der Tricks. Zu Bankenskandalen schrieb er etwa trocken: «Neu daran ist höchstens, dass sich heute niemand mehr erschiesst oder erhängt, wenn der Skandal ruchbar wird.»

Oder zu den Millionen-Boni der Firmenchefs stellte er fest, dies sei «Klassenkampf von oben» und urteilte: «Es fehlt die Anmut beim Stehlen.»

Enttäuscht als Jude

Stil ist das Gegenteil von Schnörkel: Er ist Haltung. Und Bär warf einen wachen, kühlen Blick auf sich und sein Gewerbe. Vielleicht nicht zuletzt, weil er als Jude von den Banken in den Holocaust-Verhandlungen enttäuscht wurde. Ihn schockierten «Arroganz, Unkenntnis, subkutaner Antisemitismus und – als Beweggrund nicht zu unterschätzen – schliesslich Geiz».

Das Resultat war eine Bilanz, die alle Tugenden des klassischen Liberalismus auf sich vereinigte: Nüchternheit des Blicks, Sorge um das Ganze und die furchterregende Eleganz wirklich gebildeter Köpfe.

Bär zeigte, was dem Bürgertum – von FDP bis Banken – im Zeitalter des grossen Geldes abhandengekommen ist: die Haltung, die Klugheit – der Stil. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.03.2011, 10:30 Uhr

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7 Kommentare

alexandra weber

24.03.2011, 11:45 Uhr
Melden

Stil - Achtsamkeit - Respekt und Haltung das hat er allen vorgemacht - Chapeau H.J.Bär. Sie haben es gut gemacht.
aw
Antworten


Roman Günter

24.03.2011, 12:07 Uhr
Melden

Stil haben reicht nicht, es braucht auch eine Umgebung die diesen erkennt. Antworten



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