«Krasse Verletzung des Arztgeheimnisses»

Interne Dokumente sollen es beweisen: Mitarbeiter von Novartis bringen deutsche Ärzte dazu, ihre Patientendaten zu kopieren und einem Berater zu übergeben, der auf der Honorarliste des Pharmaunternehmens steht.

«Ärzte werden angestiftet, ihre Schweigepflicht zu brechen»: Novartis-Logo auf dem Campus in Basel. (Archivbild)

«Ärzte werden angestiftet, ihre Schweigepflicht zu brechen»: Novartis-Logo auf dem Campus in Basel. (Archivbild) Bild: Reuters

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Die ärztliche Schweigepflicht, das lernt jeder Medizinstudent im ersten Semester, ist die Grundlage für das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient. Sie ermöglicht es dem Patienten, auch über Dinge zu sprechen, die er unter allen Umständen geheim halten möchte. Wer als Mediziner gegen die Schweigepflicht verstösst, macht sich strafbar.

Aktuelle Recherchen des «Spiegel» (Artikel nicht online verfügbar, Vorschau) fördern in diesem Zusammenhang Alarmierendes zutage. In einem am Sonntag erschienenen Artikel beschreibt das Magazin, wie sich Mitarbeiter von Novartis Zugang zu den Computern von deutschen Ärzten verschaffen sollen: Demnach gibt es Pharmavertreter, die den Ärzten die Dienste eines «Sachverständigen für ärztliche Abrechnung» ans Herz legen.

«Kopieren Sie diese Datei»

Das Angebot: Der Arzt schickt seine Patientendaten an einen Berater im deutschen Halle. Dieser wertet die Unterlagen aus und erteilt dem Arzt daraufhin Tipps, wie er seine Kosten bei der Abrechnung senken kann. Zu diesem Zweck müssen die Daten zuerst gespeichert und dann zum Berater gebracht werden. Der Pharmavertreter bietet dem Arzt dabei seine Hilfe an: Er setzt sich gemeinsam mit ihm an den Computer und hilft beim Kopieren der Patientendaten. So steht es laut «Spiegel» jedenfalls in einer internen Anleitung für Novartis-Mitarbeiter. «Erläutern Sie das Projekt dem Arzt, und übergeben Sie ihm den USB-Stick mit der Bitte, ihn am Server einzustecken», so die Anleitung im Wortlaut.

Kopiert werden dann Dateien, die Informationen wie Name, Wohnort, Geburtsdatum und Diagnose enthalten und laut Gesetz nur an offizielle Stellen weitergegeben werden dürfen. «Kopieren Sie diese Datei in den entsprechenden Ordner auf dem USB-Stick», stehe in der Anleitung weiter geschrieben. Der Stick wird dann per Post zum Sachverständigen geschickt. Eine Kontrolle darüber, was der Berater schliesslich mit den Daten macht, existiere nicht.

Berater ist auf der Honorarliste

Für Novartis jedenfalls wären solche Patientendaten Gold wert: Weiss ein Pharmaunternehmen, welche Krankheiten ein Arzt bei seinen Patienten therapiert, kann es ihm genau die Medikamente vorschlagen, an denen er ein besonders grosses Interesse haben muss. Es bekommt so ausserdem wertvolle Informationen über das Verschreibungsverhalten eines Arztes. Doch laut Satoshi Sugimoto, Pressesprecher bei Novartis, würde sich das Unternehmen niemals an solchen Daten bereichern: «Der Artikel unterstellt, dass Novartis diese Dienstleistung unterstützt, um in unzulässiger Weise an Patientendaten zu gelangen. Dies weisen wir zurück», sagt Sugimoto auf Anfrage gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Die Ärzte hätten das Recht, auf die Beratung von Experten zurückzugreifen, «und selbstverständlich sind keinerlei Daten an Novartis gegangen». In der Schweiz würden solche Dienste nicht angeboten.

Es handelt sich also um eine Win-win-Situation, könnte man meinen: Der Arzt kann Kosten sparen und seinen Gewinn erhöhen. Der Pharmavertreter gewinnt das Vertrauen des Arztes. Und der «Sachverständige für ärztliche Abrechnung» gewinnt Kunden und Honorare – und zwar nicht nur von den Ärzten, die seine Dienste in Anspruch nehmen. Die Recherchen des «Spiegel» zeigen weiter, dass der Berater aus Halle vom Novartis-Konzern nicht nur weiterempfohlen wird, sondern auch auf dessen Honorarliste auftaucht, unter anderem als Referent auf Kongressen.

Situation in der Schweiz ist eine andere

Nur für den Patienten gibt es laut deutschen Medizinern und Datenschützern nichts zu gewinnen. Als «perversen Ansatz» bezeichnet ein Arzt das Vorgehen gegenüber dem «Spiegel». Der Patient sei der Verlierer, denn er habe keine Ahnung, dass seine Daten von einer Drittperson eingesehen werden. Laut Thilo Weichert, Datenschutzbeauftragter in Schleswig-Holstein, ist der Vorgang ausserdem als Verletzung der ärztlichen Schweigepflicht zu werten und darum «absolut unverantwortlich».

Hanspeter Kuhn, Leiter Rechtsdienst bei der Verbindung der Schweizer Ärztinnen und Ärzte FMH, kommt auf Anfrage von Tagesanzeiger.ch/Newsnet zum selben Urteil: «Falls das stimmt, handelt es sich um eine krasse Verletzung des Arztgeheimnisses.» Kuhn glaubt auch zu wissen, warum dieses Konzept in der Schweiz nicht angewendet wird. Die Ausgangslage sei hier eine andere: Die Schweizer Ärzte haben vor rund sieben Jahren einen eigenen Praxisspiegel, das sogenannte «Trust Center», ins Leben gerufen. In diesem werden alle Patientendaten zusammengetragen, anonymisiert und statistisch ausgewertet. Die Ärzte haben dann die Möglichkeit, ihre eigenen Aufwände online mit denen der Kollegen zu vergleichen. Die Statistik wurde laut Kuhn von den Ärzten selbst aufgebaut, ohne Versicherungs- oder Industriegelder. Die Schweizer Ärzte seien auf die Dienste eines «Sachverständigen für ärztliche Abrechnung» deshalb gar nicht angewiesen. (fko)

(Erstellt: 26.03.2012, 16:42 Uhr)

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