Wirtschaft

«Kunden haben eine Höllenangst»

Von Olivia Kühni. Aktualisiert am 18.02.2010 65 Kommentare

Er hilft seit Jahrzehnten deutschen Kunden, ihr Geld in der Schweiz zu deponieren: Ein Schweizer Offshore-Banker erzählt gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnetz von seinem Geschäft.

Zutritt zum europäischen Markt «auch eine riesige Chance»: Der Banker über den Finanzplatz Schweiz. (Archivbild vom Paradeplatz)

Zutritt zum europäischen Markt «auch eine riesige Chance»: Der Banker über den Finanzplatz Schweiz. (Archivbild vom Paradeplatz)
Bild: Keystone

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Zur Person

Der befragte Banker arbeitet seit Jahren in höherer Position im Offshore-Geschäft. Er verwaltet also Vermögen, die Kunden ausserhalb ihres Heimatlandes anlegen. Zum Schutz seiner Person verzichtet Tagesanzeiger.ch/Newsnet auf eine Namensnennung. (oku)

Sie betreuen den deutschen Markt. Wenn heute ein Kunde unversteuertes Geld bei Ihnen anlegen will, was tun Sie?
Ich würde ihm raten: Gehen Sie zu Ihrem Finanzamt und deklarieren Sie es. Er hat heute kaum mehr eine Chance, unversteuertes Geld zu bringen. Entweder es fliesst innerhalb der Schweiz auf sein Konto, oder er bringt es auf eigenes Risiko als Bargeld. Aber das nimmt heute kaum eine Bank mehr an.

Sagt das jeder Bankberater?
Fast jeder. Das ist die Entwicklung. Es ist in Europa heute nicht mehr haltbar, unversteuertes Geld anzunehmen. Unser Problem sind vor allem jene Kunden, deren undeklariertes Geld wir seit Jahren verwalten.

Das Genfer Brokerhaus Helvea schätzt, dass knapp 900 Milliarden Franken an europäischen Geldern auf Schweizer Konten liegen. 80 Prozent davon unversteuert. Ist das eine realistische Zahl?
Das halte ich nach meinen Erfahrungen für realistisch, ja.

Sind Ihre Kunden nervös?
Ja. Die meisten wollen inzwischen nur noch, dass das in Ordnung kommt. Die haben eine Höllenangst vor dem, was Klaus Zumwinkel geschehen ist – dass am Morgen die Steuerfahnder klingeln, und die Nachbarn sehen es und tuscheln. Diese Leute haben ein Unternehmen, sie sind vielleicht im Kirchenrat. Die haben riesige Angst vor einem Reputationsverlust.

Sie könnten sich selber anzeigen.
Das scheuen sie. Die Kunden wollen nicht zum Amt gehen und zugeben, dass sie oder ihre Eltern die letzten 30 Jahre Steuern hinterzogen haben. Sie sagen mir: Danach werde ich mein Leben lang schikaniert.

Was also raten Sie ihnen?
Ich empfehle ihnen zu warten. Ich bin überzeugt, dass eine Amnestie kommt.

Wie haben Sie Ihre Kunden angeworben?
Viele von ihnen sind anfangs der 90er-Jahre zu uns gekommen, weil Deutschland von da an Steuerhinterziehung nicht mehr länger tolerierte. Davor war es in Deutschland völlig klar und ganz normal gewesen, dass man Steuern hinterzogen hat. Das hat fast jeder gemacht. Man brachte sein Geld zur Bank, bekam dafür Anteilsscheine an einem Fonds und konnte Ende Jahr mit dem Coupon Geld holen. Alles anonym. Dann kam die deutsche Wiedervereinigung, riesige Staatslasten traten zutage und Theo Waigel (Finanzminister ab 1989, Red.) sagte: So geht das nicht mehr. Von einem Tag auf den anderen sollten alle ihre Steuern zahlen. Das war brutal. Die Leute waren wütend, sie haben das nicht akzeptiert.

Und ihr Geld stattdessen in die Schweiz gebracht.
Für uns waren das goldene Zeiten. Wir haben Alphornbläser nach Deutschland geschickt, zum Fussballspiel in den Letzigrund geladen, Skiferien organisiert. Alles für diese Kunden. Wir haben ihr Geld in Deutschland mit einem Codewort auf ein Sammelkonto unserer Bank überwiesen. An dem Codewort, beispielsweise Alsterwasser, hat der Berater in der Schweiz dann das Geld seines Kunden erkannt. Hier haben wir jeden Tag Hunderte neuer Konten eröffnet, das Geld haben wir am Abend in Massen abtransportiert. Das waren Milliarden.

Haben Sie sich jemals gefragt, ob es falsch ist, sie anzunehmen?
Das ist schwierig. Man steht im Offshore-Geschäft immer mit einem Bein im Licht und mit einem in der Dunkelheit. Da musste ich die Balance suchen. Für mich persönlich war vor allem immer wichtig, dass ich dem Kunden in die Augen schauen kann. Dass das, was ich ihm anbiete, gut ist.

Banker sagen, sie seien keine Polizisten. Es sei schlicht nicht ihre Aufgabe, darüber zu wachen, ob die Menschen ihre Steuern zahlen.
So eine Aussage ist nicht haltbar. Jeder Banker weiss, ob ein bestimmter Kunde Steuern zahlt oder nicht, das sieht er alleine schon an den Unterlagen für die Steuerbehörden, die er ausstellen muss oder eben nicht. Ausserdem weist fast jeder Kunde darauf hin.

Sie halten die Aussage für Heuchelei?
Sie ist juristisch falsch. Eine Bank ist haftbar, wenn sie für Deutsche die Infrastruktur bereitstellt. Selbst wenn sie es nicht wissen sollte, denn sie hätte es abklären müssen. Die Bank ist mitverantwortlich.

Können Sie verstehen, dass jemand Steuern hinterzieht?
Man muss verstehen, dass das eine andere Zeit war. Viele unserer deutschen Kunden hatten als Kinder den Krieg erlebt, hatten Angst um ihr Vermögen, Angst vor den Russen. Andere haben ein verstecktes Konto eingerichtet, um ein uneheliches Kind zu unterstützen, von dem niemand erfahren sollte.

Niemand, der einfach Geld horten wollte?
Es gibt Menschen, die aus Prinzip kein Geld dem Staat überlassen wollen. Die chronischen Steuerhinterzieher. Die schätze ich auf etwa ein Drittel der Kunden. Man darf das nicht so schwarzweiss sehen, das sind nicht alles reiche, geldgierige Verbrecher.

Sie sind offenbar ausreichend begütert, dass sich für den deutschen Staat der Druck auf die Schweizer Banken lohnt.
Der einzelne Steuerhinterzieher hat durchschnittlich weniger als eine Million angelegt. Aber man muss sich vorstellen, dass das ungeheuer viele sind, die das gemacht haben. Das sind Hunderte von Milliarden Franken, die Deutschland hier verloren gehen. Das ist gigantisch. Und die Schweiz lebt gut davon. Wir sollten nicht über Deutschland schimpfen, es ist noch freundlich zu uns.

Wie meinen Sie das?
Die könnten jeden Tag dutzendfach zuschlagen. Eigentlich ist es für Schweizer Banken verboten, in Deutschland Finanzdienstleistungen anzubieten, weil wir nicht im EWR oder der EU sind. Deutschland könnte jeden einzelnen Banker persönlich haftbar machen, wenn er einreist, um Kunden anzuwerben. Aber die deutschen Behörden sind extrem liberal. Ich habe in all den Jahren noch nie gehört, dass auch nur ein einziger festgehalten wurde. Gelegenheit hätten sie: Stellen Sie sich mal an den Flughafen und schauen Sie, wer da alles aus Deutschland heimkehrt. Das sind Scharen.

Wie geht es jetzt weiter?
Es wird ganz eindeutig in absehbarer Zeit in Europa kein Bankgeheimnis bei Steuerfragen mehr geben. Am Ende wird der automatische Informationsaustausch stehen, der Schweizer Banken verpflichtet, Erträge direkt den deutschen Finanzämtern zu melden. Das ist keine Frage. Aber wenn wir jetzt rasch vorwärtsgehen, können wir verhandeln: Wir müssen eine vernünftige Generalamnestie für die bisherigen Kunden erreichen und den Zugang zum europäischen Markt.

Kann der Finanzplatz überleben?
Es gibt schlicht keinen anderen Weg. Aber wenn wir als Gegenleistung Zutritt zum europäischen Markt erhalten, ist das auch eine riesige Chance. Pensionskassen beispielsweise bauen die Deutschen erst jetzt auf, da können Schweizer Banken und Versicherungen mit ihrer Expertise enorm profitieren. Man muss immer wieder betonen, dass europäisches Geld für uns wichtig ist, weil es gutes und sauberes Geld ist. Man muss sich mal vorstellen, woher Geld kommt, das beispielsweise in Kasachstan oder Russland, in Asien, Afrika oder Kolumbien angeworben wird. Da sehen wir uns mit ganz anderen Problemen konfrontiert.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 18.02.2010, 11:17 Uhr

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65 Kommentare

Roland Käser

18.02.2010, 10:46 Uhr
Melden

Das ist ja mal der Gipfel. Weg mit dem Bankhgeheimnis! Im Interessen der einfachen Menschen und Steuerzahler in Deutschland und der Schweiz! Jetzt wissen wir auch, warum die Steuern in Deutschland so hoch sind! Antworten


Christoph Meyer

18.02.2010, 10:59 Uhr
Melden

Ich habe den Eindruck, dass momentan die obere Mittelschicht an die Kasse kommt. Wirklich Reiche gründen irgendwo in der Karibik eine Stiftung. Antworten



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