Wirtschaft
Leben ohne Auto wird cool
Von Philipp Löpfe. Aktualisiert am 06.01.2009 24 Kommentare
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Verkäufe brechen ein
Der Export deutscher Autos ist im Dezember um 22 Prozent auf 222'900 Fahrzeuge eingebrochen, wie der Verband der deutschen Automobilindustrie (VDA) heute mitteilte. Auch die Produktion ging um 22 Prozent auf 274'800 Einheiten zurück. Die Neuzulassungen reduzierten sich um 7 Prozent auf 226'000 Fahrzeuge. Im Gesamtjahr 2008 ging der Export um 4 Prozent auf rund 4,129 Millionen Autos zurück. Die Produktion sank um 3 Prozent auf rund 5,527 Millionen Einheiten. Die Neuzulassungen gaben um insgesamt 2 Prozent auf 3,090 Millionen Autos nach.
Die Finanzwelt beginnt zu hoffen: Die Kreditklemme nach dem Kollaps von Lehman Brothers scheint überwunden, ein Hauch von Normalität macht sich breit. Dafür hat die Krise die reale Wirtschaft erreicht. Am heftigsten trifft es die Autoindustrie, nach wie vor die wichtigste der Welt.
Kurzfristig gibt es für die Händler jedoch eine erfreuliche Nachricht: Der Kollaps des Ölpreises scheint den Benzin schluckenden Offroader wieder Auftrieb zu verliehen. In den USA sind im Dezember erstmals seit einem Jahr wieder mehr Geländewagen als herkömmliche Autos verkauft worden. Allerdings war dies nur dank massiven Discounts möglich. Durchschnittlich gewähren die US-Hersteller pro SUV einen Rabatt von 5200 Dollar. «Langfristig schwingt das Pendel wieder in Richtung normale Autos», beruhigt George Pipas, Verkaufsanalyst bei Ford.
Verkaufszahlen des Prius gingen fast um die Hälfte zurück
Der massiv gesunkene Benzinpreis zeigt jedoch Wirkung. Der Boom bei den Hybridautos ist vorbei, die Verkaufszahlen des Toyota Prius sind im November fast um die Hälfte zurückgegangen. Bei Thomas Friedman, dem einflussreichen Kolumnisten der «New York Times», löst diese Entwicklung blankes Entsetzen aus. «Wieder süchtig nach Öl zu werden und auf Benzinschlucker zu setzen ist etwas vom Dümmsten, das wir tun können», stellt er fest und fordert vom gewählten Präsidenten Obama, was in Europa längst selbstverständlich ist: eine Treibstoff-Steuer.
Hier die harten Fakten zur Situation auf dem gesamten Markt: In den USA sind die Autoverkäufe im Dezember erneut um rund ein Drittel eingebrochen. Über das ganze Jahr gesehen wurden insgesamt 18 Prozent weniger Autos verkauft, der schlimmste Einbruch seit den 70er-Jahren. Insgesamt wurden 2008 12,4 Millionen Autos verkauft, ungefähr gleich viel wie 1972. Damals gab es allerdings rund 70 Millionen weniger Autofahrer. Nächstes Jahr wird sich die Situation gemäss Prognosen nur wenig bessern. Experten rechnen mit Verkaufszahlen von 13,5 Millionen. Zum Vergleich: In den vergangenen Boomjahren wurden in den USA jährlich mehr als 16 Millionen Autos verkauft.
Die Krise ist eine globale
Bisher galten vor allem GM, Ford und Chrysler als angeschlagen. Jetzt wird immer deutlicher, dass nicht nur Detroit ein Problem hat. Die Krise ist global und hat alle namhaften Hersteller erfasst. In Japan sind die Verkäufe im Dezember um 22 Prozent eingebrochen, in Frankreich um 16 Prozent. In Deutschland rechnet der Branchenverband nach einem schwachen 2008 (3,1 Millionen Neuzulassungen) mit einem noch schwächeren 2009 (Prognose: 2,9 Millionen Neuzulassungen).
Wie heftig die Autokrise wütet, zeigt das Beispiel Toyota. Die Japaner sind nach wie vor Klassenprimus. Doch anstatt der angepeilten 10 Millionen werden sie im laufenden Geschäftsjahr voraussichtlich bloss 7,5 Millionen Wagen verkaufen. Toyota hat deshalb den in den USA dem Bau neuer Fabriken verzögert und lässt im Japan die Bänder für 11 Tage anhalten.
Der Staat muss eingreifen
Die Krise der Autoindustrie zwingt weltweit die Staaten zum handeln. In den USA hat die abtretende Regierung Bush GM und Chrylser einen Überbrückungskredit von 17,4 Milliarden Dollar gewährt. Gespannt wird erwartet, was der gewählte US-Präsident Barack Obama für Pläne verfolgt. Etwas einfallen lassen muss er sich auf jeden Fall. «Die Probleme in Detroit sind so gross, dass sie ohne Hilfe der Regierung in den nächsten Jahren nicht überleben werden», sagt der Auto-Berater John A. Casea in der «New York Times».
Auch in Europa und Asien spielt staatliche Hilfe eine immer grössere Rolle. Steuersenkungen werden geprüft. Deutschland diskutiert neuerdings das französische Modell einer Abwrackprämie (Zuschüsse für abgasarme Neuwagen). China hat seiner jungen Autoindustrie ebenfalls Subventionen zugesagt.
Die Gesellschaft ändert sich
In den reichen Industriestaaten machen nicht nur die Krise, sondern auch neue Gesellschaftstrends der Autoindustrie zu schaffen. Leben ohne Auto wird cool, vor allem bei einkommensstarken Städtern. Das ist das Fazit einer Untersuchung des Instituts für Politikstudien Interface in Luzern, wonach ein Drittel aller autolosen Schweizer freiwillig darauf verzichten. Selbst die Autofans werden sich einschränken. Angesichts der sich abzeichnenden Rezession verzichtet man auf einen Modellwechsel nach kurzer Zeit. Zweit- oder gar Drittwagen werden definitiv überflüssiger Luxus. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 06.01.2009, 15:42 Uhr
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