Wirtschaft

Lebensversicherungen – der neue Trick der Steuerhinterzieher

Von Andreas Flütsch. Aktualisiert am 20.02.2010

Schweizer Banken und Versicherer helfen vermögenden Ausländern, mit Leben-Policen via Liechtenstein und andere Oasen Steuern zu vermeiden. Ganz legal, sagen sie. Deutschland hat auf Missbräuche bereits reagiert.

Diskrete Drehscheibe für den Vertrieb von Konstrukten für Reiche: Die Steueroase Liechtenstein.

Diskrete Drehscheibe für den Vertrieb von Konstrukten für Reiche: Die Steueroase Liechtenstein.
Bild: Keystone

Den Versicherungen fliesse «im grossen Stil» Geld aus den Banken zu, sagte diese Woche Martin Strobel, Chef der Bâloise-Versicherung. Das Geschäft mit massgeschneiderten Lebensversicherungen für Reiche erlebe eine «boomartige Nachfrage». So habe etwa die italienische Steueramnestie «gewaltige Gelder» bewegt, die zum grossen Teil bei Versicherern gelandet seien. Die Nachfrage sei «wirklich erstaunlich».

Ausgelöst wurde der Boom durch die wachsende Angst reicher Ausländer, ihr Schwarzgeld bei Schweizer Banken könnte entdeckt werden. Auf vermögende Kundschaft spezialisierte Banker, Anwälte und Treuhänder wissen Rat. Die Gefahr, von Steuerfahndern enttarnt zu werden, kann mit speziellen Lebensversicherungen stark reduziert werden, die im englischen Fachjargon als «Insurance Wrapper» oder «Private Placement Insurance» bekannt sind.

Die Konstrukte sind so aufgebaut, dass der Name des Kunden in den Unterlagen der Bank nicht mehr auftaucht, sein Vermögen aber weiterhin von der Bank verwaltet wird. Das ist möglich, weil die Vermögenswerte des Kunden an die Versicherung übergingen, bei der er eine solche Police abgeschlossen hat. Sollte die Bank ein Datenleck haben, geht der Steuervogt leer aus, denn in den geklauten Daten ist nur noch der Name der Versicherung als Inhaberin der Vermögenswerte zu finden. Denn die Versicherung hat die Gelder des Bankkunden mit einer Verpackung – einem «Wrapper» eben – umhüllt, auf der ihr Name steht. In Deutschland nennt man solche Vehikel darum vielsagend «Versicherungsmäntel».

Vermittler werben aggressiv

Die Kunden erhalten so den Fünfer und das Weggli: die Steuerersparnis einer Lebensversicherung und die höheren Erträge aus der Vermögensverwaltung durch die Bank. Steuern fallen erst nach Ablauf der Police an, meist zu stark reduzierten Steuersätzen. Und all dies völlig legal, wie Banken und Versicherungen betonen. Ihre Produkte seien von den Behörden am Wohnort der Kunden geprüft und genehmigt. Solche Policen laufen häufig 10 Jahre oder länger. Österreicher etwa müssen in diesem Fall während der Laufzeit einzig 4 Prozent Stempelgebühr abführen.

Einzelne Vermittler werben, mit solchen Policen könne man auch Schwarzgeld legalisieren, wenn das Vermögen so lange still liege, bis die Verjährungsfrist für Steuerdelikte abgelaufen sei. Dies sei für Kunden aus Deutschland, Österreich und den USA unter gewissen Bedingungen möglich, sagt ein Kenner der Materie. Aber die Unsicherheiten seien selbst im Fall, wo die Versicherung für arglose Erben oder Begünstigte angelegt wird, so gross, dass er dafür nicht die Verantwortung tragen wollte.

Viele Reiche kümmern solche Finessen wenig. Die Versuchung, Schwarzgeld in Leben-Policen zu verstecken, ist anscheinend gross. Versicherungsmäntel und Wrapper seien in Verruf geraten, weil die Grenzen der Legalität zu oft getestet würden, sagen selbst Banker hinter vorgehaltener Hand. Im Versicherungsantrag müssen Kunden zwar unterschreiben, dass die Gelder versteuert sind. Das dient indes mehr dem Schutz der Anbieter. Kontrollieren, ob Kunden steuerehrlich handeln, kann keiner.

Verpackt werden meist grosse Summen. Laut Zurich reichen die Prämien von einigen zehntausend bis zu mehreren Millionen Dollar, bei der Bâloise bis zu zweistelligen Millionenbeträgen in Euro. Alexander Skreiner von der spezialisierten Versicherung Wealth-Assurance in Vaduz sagt, der Schnitt liege bei rund 2 Millionen Euro, Verträge über 50 Millionen seien indes selten.

Auch UBS und CS mischen mit

Sogar Thomas Held, Chef der Denkfabrik Avenir Suisse, pries jüngst in einem Branchenblatt unter dem Titel «warmer Mantel für Vermögende» die Steuervorteile der Vehikel. Die einzigartige Kombination aus Steuerersparnis und individuellem Bankservice verleiht dem Geschäft Schub. Swiss Life hat unlängst am Investorentag den Bestand solcher Leben-Policen mit 12 Milliarden Franken beziffert. Die Zurich ist mit 186 Millionen Neugeschäft 2009 noch bescheiden. Andere Versicherungen und Banken wollen keinerlei Zahlen nennen. Ein Hinweis, wie gross UBS und CS mit eigenen Leben-Töchtern im Geschäft sind, gibt eine Präsentation von Ebaotech, einer auf «Bankassurance» spezialisierten Softwarefirma, mit Schätzungen von 8,7 Milliarden Dollar für Credit Suisse Life und rund 11 Milliarden Dollar für UBS Life. Das war 2006, also vor dem Boom.

Um die betuchte Kundschaft vor Schnüffelei zu schützen, läuft das Geschäft über Steueroasen. Allein in Liechtenstein sind 21 Lebensversicherer präsent, darunter Bâloise, Swiss Life und Versicherungstöchter von UBS und CS. Er schätze, der Markt sei 2009 im Ländle von 19 auf 25 Milliarden Franken gewachsen, sagt Skreiner, der Löwenanteil davon bestehe aus solchen Konstrukten. In Luxemburg wuchsen die Prämien von Leben-Policen allein im vierten Quartal 2009 um 171 Prozent.

UBS verkauft über Irland

Liechtenstein ist für Schweizer Versicherer die wichtigste Drehscheibe, weil es im EWR ist und darum Policen in den EU-Raum vertreiben darf. UBS verkauft inzwischen vorab über Irland, dieses sei transparenter. Die CS ist neben Irland auch auf den Bermudas aktiv. Swiss Life hat in Luxemburg und Singapur weitere Stützpunkte. Als Berater wirken Anwälte, Treuhänder und Family Offices mit. Swiss Life arbeitet auch mit Privatbanken wie Julius Bär zusammen.

Beredtes Schweigen herrscht, wie viel die Konstrukte abwerfen. Die Kosten für Kunden seien relativ hoch, sagen Berater. Die jährlichen Verwaltungskosten der Versicherung bewegten sich von 0,2 bis 1 Prozent, schätzt Skreiner, hinzu kämen allfällige Risiko- und Rückversicherungskosten. Inklusive Vermögensverwaltungsgebühr koste das Konstrukt den Kunden in Liechtenstein mindestens 2 bis 2,5 Prozent der Vermögenswerte im Jahr.

Am schärfsten hat bisher Deutschland auf Missbräuche reagiert und den legalen Gebrauch von Versicherungsmänteln stark eingeschränkt. Sie geniessen nur noch Steueraufschub während der Laufzeit, wenn der Kunde keinen Einfluss mehr auf das Vermögen hat. Und der Risikoanteil, etwa im Todesfall, muss deutlich höher sein. Die Versuchung, die Police schwarz abzuschliessen, sei durch die Verschärfung weiter gestiegen, sagen Vermittler. Die Gefahr, als Hinterzieher aufzufliegen, sei ja bescheiden, solange die Schweiz keinen automatischen Informationsaustausch mit dem Ausland habe. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.02.2010, 10:33 Uhr

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