Wirtschaft
Lehman hätte niemals untergehen dürfen
Von Philipp Löpfe. Aktualisiert am 07.10.2008
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Bei ihrem Kollaps hatte die Investmentbank Lehman Brothers rund 600 Milliarden Dollar Schulden in ihren Büchern, 160 Milliarden davon in Form von Obligationen. Diese waren rund um den Globus verteilt. Europäischen Pensionskassen besitzen sie genauso wie asiatischen Investoren. Alle waren glücklich darüber, sichere Papiere in ihrem Portfolio zu haben, denn Lehman-Obligationen galten bis vor sechs Monaten als mündelsichere Anlage.
Dann eskalierte die Finanzkrise. Nach den Rettungsaktionen bei Bear Stearns und den beiden Hypobanken Fannie Mae und Freddie Mac musste Blut fliessen. An Lehman wurde ein Exempel statuiert, die Bank wurde vom Fed und dem Finanzministerium ihrem Schicksal überlassen und brach zusammen. Die Folgen dieses Kollaps für die Besitzer der Obligationen schildert der «Economist» wie folgt: «Der Preis der Obligationen brach rasch auf 15 Cents per Dollar oder noch weniger ein, damit wurde über Nacht bei den Schuldnern mehr Geld vernichtet als bei den Aktionären über Monaten.»
Eine Schockwelle für die Märkte
Lehman nicht zu retten war ein kolossaler Fehlentscheid. Der Kollaps der Investmentbank hat eine Schockwelle durch die Märkte ausgelöst und selbst die als sicher geltenden Geldmärkte aus den Angeln gehoben. Die Folgen sind für die Wirtschaft verheerend. Die Geldmärkte sind ausgetrocknet und müssen von den Nationalbanken mit Milliarden künstlich bewässert werden.
Bailouts sind eine hässliche Angelegenheit. Biblisch gesehen sind sie ähnlich wie das Gleichnis des verlorenen Sohnes: Der Sohn, der Mist gebaut hat, wird belohnt, sein folgsamer Bruder geht leer aus. Zu Recht sind Bailouts in der Bevölkerung deshalb verhasst. Aber sie sind manchmal nicht zur vermeiden. Das ist die Moral aus dem Lehman-Kollaps. Es werden nicht nur noch mehr Leute geschädigt, es droht nun sogar eine Systemkrise mit Panik, einem Ansturm auf die Banken, etc. Hastig müssen jetzt von den Regierungen noch viel grössere Rettungsprogramme geschnürt und Garantien an die Sparer abgegeben werden.
Niemand weiss, wo der Giftmüll lagert
Die Verunsicherung ist durch die neuen Finanzinstrumente noch verschlimmert worden. Diese Derivate erlauben es zwar, Risiken breiter zu streuen. Das hat sich lange als Vorteil erwiesen. Das Finanzsystem hat grosse Schocks wie den 11. September, den Untergang von Enron und WorldCom locker wegstecken können. Weil das Risiko so breit verteilt war, kam es nie zu einem Dominoeffekt, der alle in den Abgrund gerissen hätte.
Jetzt zeigt sich die Schattenseite des breit gestreuten Risikos. Niemand weiss, wo der «toxische Abfall» gelagert ist, wer davon befallen ist und wer nicht. Das schafft Unsicherheit und Misstrauen. Banken leihen sich gegenseitig kein Geld mehr aus, selbst gegen hohe Zinsen nicht. Lieber wird diese Geld in sichere Staatsanleihen parkiert, auch wenn die Rendite gleich Null ist. Gerade in dieser inzwischen wirklich sehr gefährlichen Situation gilt deshalb: Bailouts stinken zwar fürchterlich, aber trotzdem müssen wir die Nase zuhalten und sie durchführen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 07.10.2008, 15:54 Uhr
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