Wirtschaft
Lindt macht trotz Krise noch grosse Sprüngli
Von Markus Diem Meier. Aktualisiert am 24.08.2009
Ob die Schokolade von Lindt & Sprüngli die beste der Welt ist, bleibt Geschmacksache. Unter den so genannten Premium-Schokoladen besetzt sie vom Umsatz her auf jeden Fall die führende Position. Als Premium gilt eine Schokolade dann, wenn ihre grössere Qualität Preisaufschläge gegenüber «gewöhnlichen» Produkten um 50 bis 100 Prozent möglich macht.
Gemessen am Umsatz im weltweiten Schokoladenmarkt hat Lindt den siebten Platz inne. Mit 15 Prozent den grössten Anteil hat laut einer aktuellen Studie der Zürcher Kantonalbank (ZKB) das Familienunternehmen Mars, bekannt durch den gleichnamigen Schokoriegel. Auf dem zweiten Platz folgt der Schweizer Nahrungsmittelgigant Nestlé mit einem Anteil von 11,9 Prozent. Darauf folgt Kraft (8,6 Prozent), Cadbury (7,5 Prozent), Hershey (7,3 Prozent), Ferrero (6,8 Prozent) und erst dann Lindt mit 4 Prozent Marktanteil.
Den Konkurrenten das Wasser abgegraben
Das Unternehmen aus dem zürcherischen Kilchberg legt allerdings stärker zu als die Branche insgesamt: In den vergangenen fünf Jahren hat Lindt laut ZKB jedes Jahr 11 Prozent mehr Schokolade verkauft, der Schokoladenmarkt ist dagegen bloss um 4 Prozent jährlich gewachsen. Lindt hat also Konkurrenten das Wasser abgegraben.
Das Segment der Premiumschokolade dominiert Lindt mit einem weltweiten Marktanteil von 26 Prozent deutlich. Die ZKB schätzt den weltweiten Umsatz hier auf 10 Milliarden Franken. Lindt setzt mit seinen Schokoladen etwa 2,6 Millarden Franken um. Nestlé zum Beispiel bringt es in diesem Markt bloss auf einen Marktanteil von 7 Prozent und gehört selbst damit noch zu den führenden Anbietern.
Der Gigant aus Vevey hätte im Bereich der Premiumschokolade erklärtermassen gerne eine stärkere Position. Allerdings hat Nestlé mit seiner Marke Cailler in den letzten Jahren keine glückliche Hand bewiesen. Der Relaunch der Marke im Jahr 2006 floppte und hatte einen Umsatzeinbruch von 24 Prozent zur Folge. Diese Scharte will Nestlé auswetzen. Ausserdem hat der Konzern schon 2008 angekündigt, 20 Millionen in ein Entwicklungszentrum für Premiumschokolade in der Westschweiz zu stecken. Das Zentrum soll im September eröffnet werden.
Nestlé hätte Lindt gerne im Nestchen
Stünde Lindt zum Verkauf, würde Nestlé wohl sofort zuschlagen, spekuliert der ZKB-Ananlyst. Doch er erklärt auch, warum dies unmöglich ist. Die Aktien von Lindt sind «vinkuliert»: Nur 4 Prozent der Aktien werden ins Aktionärsbuch eingetragen und das Stimmrecht pro Aktionär ist auf 6 Prozent beschränkt, unabhängig davon, über wie viele Titel er verfügt. Mit einem Anteil von 22,1 Prozent der Stimmen dominiert daher der «Fonds für Pensionsergänzungen Lindt & Sprüngli» den Kilchberger Schokoladen-Hersteller.
Die ausgeprägte Stärke bei den «Premium»-Schokoladen führt die ZKB auf den klaren Fokus von Lindt nur auf dieses Segment zurück. Bei Grosskonzernen macht dieses nur einen verschwindend kleinen Anteil an der Gesamtproduktion aus. Zudem lagern die Kilchberger anders als ihre Konkurrenten keine Produktionsschritte aus. Die Schokolade wird vollständig bei Lindt hergestellt.
Weltweit die grössten Schokolademärkte finden sich in den USA – gemäss ZKB mit einem Umatz von 20,6 Milliarden Franken – gefolgt von Grossbritannien mit einem Umsatz von 12 Milliarden. Der Anteil von Lindt beträgt gemäss ZKB in den USA 2,9 Prozent (28 Prozent im «Premium»-Bereich) und 1,3 Prozent in Grossbritannien («Premium»: 13 Prozent)
Vorerst keine Begeisterung bei Analysten
Weniger als die Konsumenten hatten in letzten Zeit die Aktienanalysten für das Kilchberger Schokolade-Unternehmen übrig. Von 18 setzt nur gerade einer auf den Lindt-Partizipationsschein, zehn empfehlen ihn sogar zum Verkauf, sieben würden ihn bloss «halten». Der Grund für die Skepsis liegt in der Erwartung eines Rückgangs beim Umsatz und erst Recht beim Gewinn im laufenden Jahr. Die Konsensschätzung von Reuters geht für das morgen präsentierte Halbjahresresultat von einem um 4,7 Prozent tieferen Umsatz von 1'117 Millionen Franken und einem 98 Prozent geringeren Reingewinn von 0,4 Millionen Franken im Vergleich zur selben Periode des Vorjahres aus.
Mit seinen teureren Schokoladen hat Lindt viel mit anderen Luxusgüterhersteller gemein. Der Umsatzeinbruch geht denn laut ZKB teilweise auch darauf zurück, dass viele Konsumenten budgetbedingt wieder billigere Schokolade kaufen. Ausserdem musste Lindt, wie andere Schokoladenhersteller auch, die Preise wegen höherer Rohstoffkosten noch erhöhen. Auf dem Hintergrund dieser Entwicklungen wäre der erwartete Umsatzeinbruch eine gute Leistung.
Gewinnpotenzial von 20 Prozent
Dass der Gewinn noch stärker einbricht, hat selbst aus Aktionärssicht positive Seiten. Dieser wird vor allem durch einmalige Effekte gedrückt. Daran haben Kosten von rund 20 Millionen Franken für die Schliessung von 55 Shops in den USA den grössten Anteil. Da die Shops unrentabel waren, soll sich ab 2010 laut ZKB die Betriebsgewinnmarge (Ebit-Marge) um 0,2 Prozent erhöhen.
Der Analyst der Bank ist davon überzeugt, dass Lindt schon ab dem Jahr 2011 wieder zu seinem langfristigen Umsatzwachstum von 11 Prozent zurückfinden wird. Der Aktie er innerhalb eines Jahres sogar einen Kurssprung von 20 Prozent zu. Mit den Zahlen zum ersten Halbjahr habe der Schokoladenproduzent den Tiefpunkt hinter sich gelassen. Dass die Aktie schon heute im Vergleich zu anderen ähnlichen Unternehmen teuer ist, hält die ZKB angesichts der Stärken von Lindt für gerechtfertigt. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 24.08.2009, 17:35 Uhr
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