Wirtschaft

Lohndrücker Deutschland

Von Philipp Löpfe. Aktualisiert am 28.12.2009 191 Kommentare

Jetzt warnt auch Migros-Chef Herbert Bolliger vor der deutschen «Geiz ist geil»-Mentalität. Er hat recht.

Segen oder Fluch?: Die neuen Mitbewerber Aldi und Lidl.

Segen oder Fluch?: Die neuen Mitbewerber Aldi und Lidl.
Bild: Keystone

Natürlich vertritt er auch eigene Interessen, wenn Migros-Chef Herbert Bolliger von einem «brutalen Preiskampf» der deutschen Discounter Aldi und Lidl spricht. Von einem Preiskampf, der «ganze Unternehmen und Existenzen» vernichtet und bei dem den «Milchbauern noch der letzte Cent herausgewürgt» wird. Doch nicht nur einzelne Unternehmen wie Migros oder einzelne Branchen wie die Bauern leiden. Die deutsche Wirtschaftspolitik wird zu einer Bedrohung für unsere Volkswirtschaft. Das blindwütige Drehen an der Sparschraube, das schwachsinnige Bejubeln einer «Geiz ist geil»-Mentalität fordert seinen Tribut. «Am Schluss zahlen alle Steuerzahler die Arbeitslosen und Sozialhilfeempfänger», stellt Bolliger fest.

Bolliger ist der richtige Mann für die harte Kritik an den Deutschen. Migros und Coop sind schliesslich mehr als nur erfolgreiche Detailhändler. Das ewige Duell der beiden hat auch segensreiche sozialpolitische Folgen für das ganze Land. Beide Grossverteiler sind Genossenschaften. Sie sind also nicht allein dem Shareholder-Value verpflichtet, sie haben auch einen Sinn für das gesellschaftliche Gesamtinteresse. Bei Migros ist das so, weil der legendäre Gründer Gottlieb Duttweiler es so wollte; bei Coop, weil seine Wurzeln in der Arbeiterbewegung liegen. Migros und Coop verteilen deshalb nicht nur Kulturprozente und Förderpreise, sie bezahlen vor allem auch ihre ungelernten Angestellten anständig. Weil beide zu den bedeutendsten Arbeitgebern gehören, ist der Schweiz bisher ein unseliger Streit über Mindestlöhne weitgehend erspart geblieben.

Nix mit blühenden Landschaften

Ganz anders ist die Entwicklung in Deutschland verlaufen. Nach der Euphorie der Wiedervereinigung folgte der grosse volkswirtschaftliche Kater. Nix war mit den von Kohl versprochenen blühenden Landschaften im Osten, die Kosten der Misswirtschaft in der ehemaligen DDR drohten die deutsche Wirtschaft zu ersticken. Die Politik reagierte. Deutschland, einst Vorbild für Sozialstaat und anständig bezahlte Arbeitnehmer, entwickelte sich zum Geizkragen der Weltwirtschaft. «In keinem anderen Land Europas sind die Nominallöhne in diesem Jahrzehnt so wenig gestiegen wie in Deutschland», stellt der Ökonom und «Wirtschaftsweise» Peter Bofinger fest.* «Im Jahr 2008 lagen die Reallöhne brutto wie netto um rund zwei Prozent unter dem Niveau des Jahres 2000. Auch weltweit nimmt Deutschland damit eine Sonderstellung ein. Nur im deflationären Japan ist eine noch zurückhaltendere Lohnentwicklung zu beobachten.»

Selbst die rot-grüne Regierung unter Kanzler Gerhard Schröder setzte diese unsinnige Sparpolitik fort, ja sie erreichte mit der Agenda 2010 gar einen unrühmlichen Höhepunkt. Das Resultat ist paradox: Deutschland wurde zum Exportweltmeister, doch die Arbeitnehmer hatten davon nichts. Ihre Löhne stagnieren oder schrumpfen. Konsequenterweise ist die Binnenwirtschaft eingebrochen. Deutschland leidet seit Jahren an einer zu schwachen Nachfrage.

Anschluss ans deutsche Niveau

Auch Deutschlands Nachbarn leiden. Die Mitglieder von Euroland leiden, weil die deutschen Geizhälse langsam aber sicher zur Gefahr für die Einheitswährung werden. Die Exporterfolge werden auf dem Buckel der anderen erzielt. «Wenn wir verhindern wollen, dass die Währungsunion auseinanderfällt, können wir mit einer Rückkehr zu einer produktivitätsorientierten Lohnpolitik den anderen Ländern die Möglichkeit geben, bei den Lohnstückkosten wieder den Anschluss an das deutsche Niveau zu finden», stellt Bofinger fest.

In der Schweiz haben sich die Sozialpartner in den letzten Jahren mehr oder weniger auf eine solche produktivitätsorientierte Lohnpolitik einigen können, will heissen: Die Löhne sind im Gleichschritt mit dem Wachstum der Produktivität gestiegen. Die Nachfrage ist deswegen nicht eingebrochen. Das macht sich jetzt auch volkswirtschaftlich bezahlt: Der Einbruch der realen Wirtschaft ist bisher deutlich milder ausgefallen als in Deutschland. Diesen Erfolg stellen Aldi und Lidl tatsächlich infrage. Nicht weil sie Lebensmittel ein paar Rappen billiger verkaufen, sondern weil sie im schlimmsten Fall dazu führen können, dass die erfolglose deutsche Wirtschaftspolitik auch in der Schweiz Fuss fassen wird.

*Peter Bofinger: «Ist der Markt noch zur retten?» Econ Verlag. Berlin. 2009. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 28.12.2009, 16:38 Uhr

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191 Kommentare

Reto Friedrich

28.12.2009, 18:43 Uhr
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schade dass hier billiges marketing vom migros boss nicht nur wiedergegeben, sondern auch noch unterstützt wird. und: deutschland hat nicht zu billige discounter sondern zu teure sozialleistungen. Antworten


Konrad Geissler

28.12.2009, 16:03 Uhr
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Was wird da immer von Löhnen etc geredet. Migros und Coop zahlen genau gleich schlechte Löhne wie Aldi und Lidl. Nur wollen uns Migros und Coop glauben lassen, dass ihre Löhne was besseres sind. Alles nur leere Worthülsen. Migros und Coop nutzen ihre Monopolstellung gnadenlos aus, wie jedes andere Unternehmen auch. Übrigens was hat eine Orange aus Spanien mit unseren Löhnen zu tun? nicht viel! Antworten



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