Wirtschaft
Luxuszug im Urteil der Kunden «billig und lieblos»
Von Bernhard Odehnal, Wien. Aktualisiert am 29.01.2010 24 Kommentare
Kritisiertes Reisemittel: Zugreisende finden den Railjet unbequem und klagen über mangelnde Sicht. (Bild: Keystone)
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Mit Superlativen wurde bei der Präsentation in Zürich nicht gespart. Die Personenverkehrs-Chefin der Österreichischen Bundesbahnen, Gabriele Lutter, war im vergangenen November extra in die Schweiz gekommen, um auf einer Pressefahrt rund um den Zürichsee den neuen Superzug der ÖBB vorzustellen. Der bis zu 230 km/h schnelle Railjet werde «neue Massstäbe im Fernverkehr» setzen, versprach Lutter. Mit der Einführung einer «Premium Class» neben zweiter und erster Klasse wolle man Business-Reisende aus der Luft auf die Schiene holen. Neben «höchstem Komfort» werde auch schnelleres Reisen geboten: Der Railjet verkürze die Fahrzeit auf der Strecke Zürich–Wien um 44 Minuten auf genau 8 Stunden.
Übertriebene Lobeshymnen
Seit dem Fahrplanwechsel am 13. Dezember verkehrt nun täglich ein Railjet-Zugspaar zwischen Zürich und Wien (Abfahrt 14.40 Uhr, in der Gegenrichtung Abfahrt in Wien um 7.40 Uhr) und eines zwischen Zürich und Salzburg. Bis Ende 2010 sollen alle Schnellzugsverbindungen zwischen Österreich und der Schweiz (ausser Nachtzügen) mit Railjet-Garnituren gefahren werden.
Die Lobeshymnen der ÖBB stellen sich als masslos übertrieben heraus. Zurzeit steuert der Railjet eher das Image der berüchtigten Cisalpino-Neigezüge an: unzuverlässig, unbequem, oft defekt und immer zu spät. Passagierorganisationen in Österreich und der Schweiz lassen kein gutes Haar an dem neuen Zug. Der Verein Pro Bahn Vorarlberg hat eine lange Mängelliste erstellt. Dazu gehören der Ersatz des Speisewagens durch ein Bistro mit Selbstbedienung, die unbequeme und enge Sitzanordnung in der zweiten Klasse (die im Railjet «Economy» heisst), fehlende Abteile in der First Class und in der Premium Class, fehlende Abteile für Eltern mit Kleinkindern, mangelnde Sicht nach draussen durch die über die Fenster laufende Aufschrift «Railjet», und vor allem die fehlende Möglichkeit, Velos mitzunehmen. Wenn die Umstellung der Fernzüge auf Railjets Ende 2010 abgeschlossen ist, wird es keine Möglichkeit mehr geben, tagsüber Velos mit der Bahn aus der Schweiz nach Österreich zu befördern.
«Ein absolutes Billigfahrzeug»
Für Markus Rabanser von Pro Bahn Vorarlberg ist der Railjet «ein absolutes Billigfahrzeug, höchstens für zwei- bis dreistündige Fahrten geeignet, nicht aber für richtig lange Strecken». Bei einer Umfrage des Verkehrsclubs Österreich (VCÖ) schnitt der Railjet zwar in allen Kategorien besser ab als der deutsche ICE oder österreichische EC-Züge. Rabanser entgegnet aber, dass diese Umfrage vor der Einführung des Railjets auf der Strecke Zürich–Wien gemacht wurde.
Vernichtend fällt auch das Urteil des Präsidenten von Pro Bahn Schweiz, Edwin Dutler, über den Railjet aus: Die Premium-Klasse sei nicht «Premium», der Wegfall des Speisewagens sei eine Katastrophe, es gebe zu wenig Personal für die Kundenbetreuung. Anstatt österreichische Gastfreundschaft auszustrahlen, sei der Zug «von Anfang bis zum Schluss billig und lieblos gemacht», sagt Dutler: «Das ist tourismusfeindlich und ein Schaden für das Land.»
Der Sprecher der ÖBB Personenverkehrs AG, Thomas Berger, spricht hingegen von «vorwiegend positiven Reaktionen» der Fahrgäste auf den neuen Zug. Speisewagen würden sich heute nur noch Nostalgiker wünschen, sagt Berger, die Mehrheit der Kunden hätten sich in einer Umfrage für das Bahnbistro ausgesprochen. Und die Premium-Klasse sei ein völlig neues Produkt, das Anlaufzeit brauche. «Der Railjet wird in der Schweiz der absolute Renner», ist Berger überzeugt.
«Alles andere als lustig»
Das grösste Problem des Superzugs sind jedoch die ständigen Verspätungen. In den ersten 30 Tagen nach seiner Einführung sei der Railjet ein einziges Mal pünktlich in Zürich angekommen, sagt Pro-Bahn-Präsident Dutler. In den vergangenen Tagen betrugen die Ankunftsverspätungen in Zürich zwischen 30 und 90 Minuten.
Ein Grund dafür ist die Fahrplanpolitik der SBB auf der Strecke Buchs SG–Sargans–Zürich. Kommt der Railjet aus Österreich via Liechtenstein mehr als acht Minuten verspätet in Buchs an, lassen ihn die SBB erst warten und dann hinter Interregio oder S-Bahn nach Zürich zuckeln. Der Schweizer Taktfahrplan ist wichtiger als die Pünktlichkeit des Fernzuges. Der Railjet komme da «wie ein Fremdkörper in den Binnenverkehr hinein», sagt SBB-Sprecher Jean-Luis Scherz, «vor dem Fahrplanwechsel im nächsten Dezember wird sich daran kaum etwas ändern lassen».
Die Lage sei «alles andere als lustig», gibt ÖBB-Sprecher Berger zu. Die Österreicher wollen mit den Schweizern über eine Beschleunigung des Zuges bei Verspätungen verhandeln. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass die Fahrzeit Wien–Zürich für den Railjet wieder verlängert wird. Denn die Strecke zwischen Wien und Salzburg und über das sogenannte deutsche Eck bei Rosenheim bleibt noch mindestens drei Jahre Baustelle. Verspätungen sind damit unvermeidbar. Eine Lösung des Problems könnten SBB und ÖBB nur gemeinsam finden, sagt SBB-Sprecher Scherz, «aber ich sehe da noch keinen Ansatz». (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 29.01.2010, 11:32 Uhr
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24 Kommentare
An alle die sich aufregen:spezielle Seite des Railjets auf der ÖBB homepage anschauen,immer noch derselbe Service.Die Preise der Tickets sind für Österreicher wesentlich günstiger als für uns Schweizer,also kann der Zug kein solcher Luxuszug sein.Die Zeiten des alten Transalpin sind leider vorbei.Ich fahre trotzdem demnächst wieder mit dem Zug nach Wien,aber 1.Klasse,wie schon seit über 40 Jahren. Antworten
Soeben haben meine Freundin und ich den Plan " Sportlich-Donau-Radweg, genüsslich-Wien, gemütlich-RailJet" beerdigt. Nerven können wir uns auch über die SNCF, doch da können wir immerhin (sogar gratis) Fahrräder mittransportieren. Die Zugreise wäre ja heutzutage schon zu bevorzugen, doch mit solchen Neuigkeiten fällt es den meisten schwer, sich von Billig-Flugreisen mit super Service zu trennen... Antworten
Die Tendenz bei neuen Zügen scheint für unsere Zeit symptomatisch zu sein. Neue Züge sind immer schlechter als bisherige. Wir haben also hier eine Cisalpinisierung des Oesterreichischen EC-Verkehrs. Sinkender Komfort, Verspätungen, Pannen, Speisewagen abgeschafft, Velobeförderung abgeschafft - aber alles mit einer völlig übertriebenen Propaganda. Wieder ein Grund mehr, das Flugzeug zu benutzen. Antworten
8 Stunden Bahnfahrt ohne Speisewagen: Was haben Hunger und Durst mit Nostalgie zu tun, lieber Herr Thomas Berger von den SBB? - Nescafe im Pappbecher und schwammige Tramezzini aus einem schwankenden Stehimbiss sind ein schwacher Ersatz für ein dreigängiges Mittagessen inclusive entsprechender Getränkebegleitung! Antworten
@Rellstab. Transportieren Sie Ihr Velo doch einfach mit einem der Züge, die diesen Service anbieten. Diese brauchen ja nicht unbedingt länger für die Strecke, wenn ich die KommentatoInnen hier richtig verstanden habe. @Keller. Diese Erfahrung habe ich auch gemacht. Der Zug zuckelt wirklich unerträglich lange durchs Inntal. Antworten
Und wieder einmal die arme SBB, die sich bei Farhplanproblemen ausserstande sieht, angemessen reagieren zu können. Trotz der selbst-attestierten angeblich stetig zunehmenden Pünktlichkeit zerschlägt der Ex-Bundesbetrieb in diesem Bereich momentan ziemlich viel Geschirr, denn es sind immer die selben Passagiergruppen, die benachteiligt werden, und das meistens auch noch ziemlich heftig. Antworten
der TGV ist zackig, wenn auch erst ab strasbourg und sein gelb-gräuliches interieur ist eher hässlich---am meisten überzeugen eindeutig die ICEs und die shinkansen hab nur von aussen gesehen, in nagoya, rush hour, phantastisch--eine stunde lang alle 5 minuten ein zug, in beiden richtungen, immer pünktlich---und pünktlich ist nicht 20 sekunden nach, nein, wenn der zeiger hüpfte, fuhr der zug an Antworten
Ist dies wirklich möglich, dass für "etwas mehr Leistung" die ÖBB sich solche Sachen leisten kann, dass ich mit meiner Frau nicht mal mehr unsere Fahrräder nach Österreich mitnehmen kann, bis auf einen Zug und das auch nur bis mitte Juni? Alle möglichen Züge wurden vom letztjährigen Fahrplan Angebot der ÖBB raus- geschmissen, das ist schlichthin frustrierend. Sehr schade ÖBB> Railjet wohin? Antworten
@Max Gerber: Natürlich waren die Züge NICHT voll von Velofahrern. Aber die Möglichkeit, einzelne Velos zu transportieren, wurde sehr wohl genutzt. Wien ist immerhin für viele Schweizer Endstation des Donau-Radwegs. Und da bot sich bisher die Rückreise per Bahn an. Das geht nun nicht mehr. Weder für die Bahnen noch für Österreich als Tourismusland ist diese Entwicklung positiv. Antworten
Die Verspätungen scheinen ja nicht auf den Zug sondern auf das überlastete Schienennetz zurückzuführen sein. Kein Speisewagen: Das ist schade. Hat es den noch eine Bar? Fehlende Velos: Jetzt erklär mir doch bitte eine/einer mal, weshalb der Artikelschreiber davon ausgeht, dass man unbedingt täglich Velos von Zürich nach Wien transportieren muss? Waren die alten Züge voll Velofahrern? Antworten
Das Problem der "modernen" Bahn sind die engen Taktfahrpläne und die zusammengestrichene Infrastruktur, die keine Reservekapazitäten für Verspätungen oder sonstige Betriebstörungen mehr zulässt. Das ist zwar alles schön angedacht, funktioniert aber nur noch sporadisch. Und was die Fahrzeuge angeht: Wer würde sich freiwillig in ein Auto setzen, bei dem die Fenster nicht zu öffnen sind? Antworten
Da meine Frau aus Wien kommt, sind wir sehr oft dort. Solange die Preise für die Flugtickets jedoch so tief sind (in der Regel sogar noch günstiger als Bahntickets) bevorzugen wir den Flieger (Swiss, Austrian, Fly Niki...je nachdem). 1 Stunde über den Wolken statt 8 1/2 Stunden auf den Gleisen. Antworten
Die gelegentlichen Stürme über die Unzulänglichkeiten der SBB im Schweizerischen Blätterwald kann ich nur belächeln. Bei gleichem Erregungspegel in Österreich würden die Zeitungen nichts mehr anderes berichten. S-Bahnen im 2 Stundentakt, internationale Züge die auf einer Strecke von 30 km 3 Dorfbahnhöfe bedienen, lausiger Service, defekte Wagen und Verspätungen sind hier Alltag. Glückliche Schweiz Antworten
Die Zugsverbindungen nach Osten sind sowieso eine Katastrophe: 5 Stunden braucht man nach München, einem der wichtigsten Wirtschaftszentren Deutschlands. Notabene mit einer Diesellok. Würde die Strecke endlich ausgebaut werden, wäre man via München auch viel schneller in Wien. Antworten
Zu allem kommen noch die neuen Fahrpläne. Zürich ist für viele meiner Freunde ein idealer Flughafen. Im Winter fahren diese dann nach St. Anton in Österreich – es gab früher perfekte Anschlusszüge. Im Moment fährt der letzte ‚direkte‘ Zug um 16:20 ab HB, spätere Verbindungen sind mit 3+ x Umsteigen verbunden. Folge: man fliegt über Innsbruck oder München. Antworten
Ich bin froh, dass das Thema Railjet vom Tagi aufgegriffen worden ist. Ich pendle seit über 10 Jahren mit dem Zug zwischen Österreich und der Schweiz, seit Dezember eben mit dem Railjet. Dieser kam jedes Mal mit mindestens 20 Minuten Verspätung in Zürich an. Im verspäteteten Zug sitzend, kann man über die Werbeansage'...der neue Hochgeschwindigkeitszug der ÖBB..' nur den Kopf schütteln. Antworten
Was im zweitletzten Absatz bezüglich der Fahrplanpolitik bei den SBB vermerkt ist muss ich (leider) bestätigen. Vor einigen Monaten bin ich von einer Reise mit dem "Transalpin" von Wien in die Schweiz zurückgekehrt. Vor Buchs hatte der Zug, nach der langen Fahrt von Wien, 2' (zwei Minuten) "Verspätung". Dann wurden wir über 20' einfach stehen gelassen! Zürich erreichten wir dann 30' zu spät. Antworten
Wir waren mit dem RJ über die Festtage in Salzburg. Die Verspätung hat sich der Zug hauptächlich in der z.T. eingleisigen Strecke im Inntal nach dem Arlberg eingefahren. Bei der Rückreise hat der Zug von der Grenze bis Zürich sogar Zeit gut gemacht. Die Probleme sind wohl komplex und ein Resultat der überlasteten Geleise. Es braucht eigene Schnellzugsgeleise ohne S-Bahn und Bummelzugsverkehr. Antworten
Schon unglaublich: Züge die zu Beginn der Industrialisierung gebaut wurden, liefen Jahrzehnte tadellos und waren bequem. Heute, so scheint es, schafft es einfach niemand mehr einen Zug zu bauen, der wirklich einwandfrei funktioniert und bequem ist. Natürlich sind die heutigen Züge voller Technik. Mir scheint aber eher, heute kommt Prestige vor Bequemlichkeit. Schade, der Flugverkehr wird danken. Antworten
Die Aussage, Speisewagen würden sich heute nur noch Nostalgiker wünschen, kann ich nicht bestätigen. Ich und die meisten Leute in meinem Umfeld schätzen Speisewagen sehr, besonders bei längeren Fahrten. Ein besonders gutes Beispiel sind die Speisewagen in den IC-Doppelstockzügen: modern und gemütlich zugleich. Antworten



Jürg Brühlmann
Mit dem Railjet sind auch die Anschlüsse ins Südtriol verloren gegangen: Ausser Wien und Zürich scheint es nichts mehr zu geben. Früher gab es einige gute Anschlüsse via Innsbruck. Heute muss man in einen Regionalzug auf den Brenner umsteigen umsteigen und dort in einen Regio nach Bozen. Abends kommt man nicht mehr nachhause. Antworten