Menschen statt Roboter – Mercedes überrascht

Während Forschung und Politik den Verlust von Jobs durch die Digitalisierung beklagen, setzt der Autobauer vermehrt auf menschliche Arbeitskraft. Warum?

Mehr Handarbeit: In Mercedes-Fabriken sollen Roboter durch Menschen ersetzt werden.

Mehr Handarbeit: In Mercedes-Fabriken sollen Roboter durch Menschen ersetzt werden. Bild: Joerg Sarbach/Keystone

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In wenigen Tagen beginnt der 86. Auto-Salon in Genf, an dem die internationalen Autohersteller ihre neusten Luxuswagen, Prototypen und Trends präsentieren. Nun kommt aus der Automobilindustrie ein überraschendes Zeichen: Während weltweit Forscher und Politiker vor der Digitalisierung warnen, weil Menschen ihre Jobs durch Roboter und Computer verlieren werden, signalisiert die Autoindustrie, dass es wieder mehr Menschen statt Roboter in den Fabriken brauche. Dabei steht genau diese Industrie, wie kaum eine andere, symbolisch für Fliessbandarbeit.

Markus Schäfer, Produktionschef von Mercedes-Benz, hat angekündigt, dass sie im deutschen Werk in Sindelfingen lieber wieder mehr Menschen einstellen würden. Er begründet diese Entwicklung mit der zunehmenden Individualisierung ihrer Luxusmodelle. «Roboter können mit dem hohen Individualisierungsgrad und den vielen Optionen, die wir heute haben, nicht umgehen», lässt sich Schäfer von der Nachrichtenagentur Bloomberg zitieren. Mercedes müsse flexibel sein. Menschen könnten einen Produktionsablauf innerhalb eines Wochenendes ändern, während es bei Robotern für die Neuprogrammierungen und die Neuanordnung Wochen daure, so Schäfer. Deshalb mache die Firma einen Schritt weg von der Automatisierung und wolle wieder Menschen mehr Platz in der industriellen Produktion geben.

Keine lebenslangen Fliessbandkarrieren mehr

Konkret sollen in Zukunft im Mercedes-Werk kleinere, flexiblere Maschinen eingesetzt werden, die Seite an Seite mit Menschen arbeiten und so die grossen Roboter ersetzen. Ein Beispiel: Bei der Produktion der neuen E-Klasse ersetze ein Mensch und eine nicht fix installierte Maschine zwei feste Roboter für die Ausrichtung der Heads-up-Displays, so Schäfer. Das Heads-up-Display ist die Anzeige der Geschwindigkeit auf der Frontscheibe. Durch die Zusammenarbeit von kleineren Maschinen und Menschen erhofft sich der Produktionschef, dass die Herstellungszeit der Autos von 61 auf 30 Stunden reduziert werden kann.

Mercedes ist nicht der einzige Hersteller von Luxuswagen, der seine Produktion flexibilisieren will. Auch die deutschen Konkurrenten BMW und Audi experimentieren mit neuen Robotern. Diese seien mit speziellen Sensoren und Programmen ausgerüstet, damit sie sicher genug seien, um mit Menschen zusammenzuarbeiten. Und in Japan, dem Marktführer in der industriellen Robotik, gibt es ebenfalls Bestrebungen, Roboter durch Menschen zu ersetzen, um die Effizienz zu steigern und Abfälle zu reduzieren.

Ein Grund, wieso gerade die Automobilindustrie wieder vermehrt auf Menschen setzen soll, liegt in der langen Konzeptionierungsphase. Während ein Smartphone innerhalb von eineinhalb Jahren entwickelt und auf den Markt gebracht werden kann, dauert es bei einem Auto rund sieben Jahre. In dieser Zeit verändere sich viel, und die Autohersteller müssen schnell auf technische Veränderungen reagieren können. Einfache Massenproduktion sei dann schlicht nicht mehr gut genug, schreibt «The Guardian».

Diese Neuigkeiten klingen für Angestellte in den Autofabriken vielversprechend, werden aber von Peter McOwan, Informatikprofessor an der Queen-Mary-Universität, relativiert. Zu «Quartz» sagt er, dass derzeit Menschen auch am Fliessband noch Vorteile gegenüber Maschinen hätten. Die menschliche Hand sei Robotern immer noch bei weitem überlegen, doch die Vorteile seien nicht für immer, so McOwan. Menschen könnten zwar noch einige Jahre an ihren Fliessbandjobs festhalten, es sei aber unwahrscheinlich, dass es noch lebenslange Karrieren geben werde. (sip)

(Erstellt: 29.02.2016, 18:28 Uhr)

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