Wirtschaft
SBB-Boss Meyer mischt das Management auf
Von Niklaus Bernhard, Felix Maurhofe. Aktualisiert am 18.12.2008 9 Kommentare
SBB-Chef Andreas Meyer: Er arbeitet mit Tempo und fordert viel vom Kader. Das kommt beim Bundesbetrieb nicht nur gut an. (Bild: Keystone)
SBB-Intern
Feedback-Karte
Andreas Meyer will bei der SBB eine neue Gesprächskultur einführen. Alle Kadermitarbeitenden müssen deshalb eine sogenannte «Feedback-Karte» auf sich tragen. Die Karte ist Sackbefehl. «Die Qualität unseres Arbeitsverhaltens ist ein wichtiger Faktor für den Erfolg der SBB», heisst es auf der Karte. Für den Kritikgeber gilt bei der SBB folgender Grundsatz: «Ich gebe Feedback offen, ehrlich, konkret, hilfreich und respektvoll.» Für den Kritikempfänger hingegen gilt: «Ich nehme Feedback ernst, muss aber nicht allen gefallen.»
Die meisten Kadermitarbeiter tragen die Karte tatsächlich auf Mann, machen aber liebend gerne Sprüche über sie. Einer davon lautet, dass Meyer derjenige sei, der selbst am meisten Mühe mit Kritik habe.
Bei den Schweizerischen Bundesbahnen SBB rumort es in den Führungsetagen derzeit heftig. Am Dienstagabend wurde bekannt, dass der SBB-Infrastruktur-Chef Hansjörg Hess per sofort zurücktrete. Künftig übernehme Hess «Spezialaufgaben» im Konzern, teilte die SBB mit. Somit hat CEO Andreas Meyer in nur zwei Jahren Amtszeit bereits den dritten hohen SBB-Manager aus dem Führerstand verdrängt.
Hess führte die Abteilung seit 2004. Über die Gründe des Abgangs wird viel gemunkelt. Es heisst, dass der für das Schienennetz, die Bahnhöfe, Signalisation, Pünktlichkeit und Sicherheit zuständige Divisionsleiter Hess seit einiger Zeit stark unter Druck sei. Er hatte als Verantwortlicher der Infrastruktur in den letzten Jahren keine leichte Aufgabe. Unter anderem musste er mit seinem Team das neue elektronische Zugsicherungs- und Signalisationssystem ETCS 1 und die Weiterentwicklung ETCS 2 auf den Neubaustrecken einführen. Die Einführung sorgte für viele Probleme und beanspruchte sehr viel Zeit.
Einschneidender für Hess war aber die Tatsache, dass die ihm zur Verfügung stehenden finanziellen Mittel für den Unterhalt der Bahninfrastruktur in den letzten Jahren mehr oder weniger halbiert wurden. Die Situation hat sich zugespitzt, weil die Infrastruktur durch den immer dichteren Bahnverkehr mehr beansprucht wurde und die Zeitfenster für den Unterhalt immer kleiner wurden.
Rote Zahlen?
SBB-Kadermitarbeiter attestieren Hess, dass er mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln kein besseres Resultat hätte erreichen können. Laut einem Artikel des «Tages-Anzeigers» schloss die Abteilung das erste Halbjahr mit einem Defizit von 27 Millionen Franken ab.
Nebst dem schlechten Resultat soll der unterschiedliche Führungsstil zu einem angespannten Arbeitsklima zwischen Hess und Meyer geführt haben. Denn im Gegensatz zu Hess gilt Meyer als sehr dynamisch bis hektisch. Ein Beispiel: Die forsche Vorgehensweise Meyers wirkte sich bei der Restrukturierung des SBB-Cargo- Industriewerks Bellinzona negativ aus. Die Mitarbeiter streikten wochenlang, und der SBB-CEO musste zurückkrebsen.
Gewichtige Abgänge
Andreas Meyer hat damit in seinen zwei Jahren als SBB-Chef schon drei Abgänge von Mitgliedern der Geschäftsleitung eingeleitet: Der Chef von SBB Cargo, Daniel Nordmann, musste im August 2007 auf Drängen von Meyer wegen der strukturellen Probleme bei der Güterverkehrstochter den Hut nehmen. Im Oktober 2007 hat der SBB-Finanzchef Claude Alain Dulex wegen grosser Differenzen mit Meyer die Kündigung eingereicht.
Nach dem Abgang von Hess sind jetzt viele SBB-Mitarbeiter der Meinung, nun habe es genügend Wechsel gegeben, und es müsse wieder Stabilität ins System kommen. Der neue Infrastrukturchef Philippe Gauderon gilt als fachkompetenter Draufgänger mit einem ähnlichen Temperament wie Meyer. Die Mitarbeiter gehen davon aus, dass dieses Duo relativ gut harmonieren wird. Andererseits fürchten sie den militärischen Führungsstil von Gauderon.
Zentralist Meyer
Innerhalb der SBB gibt es auch Stimmen, die Meyers Führungsstil begrüssen. Laut Insidern habe jeder SBB-Angestellte damit rechnen müssen, dass es nicht gleich weitergehen werde wie unter Benedikt Weibel. Diese Leute würden sich jetzt die Augen reiben, weil sie stärker gefordert seien und ihre bisherigen Rollen korrigiert würden. Meyer gilt als zentralistischer CEO, der die Fäden alleine in der Hand halten will. Meyer verlangt von seinem Management viel. Er will genaue Fakten, und wenn er die nicht detailliert erhält, lässt er nicht locker. Damit haben einige Kaderleute Mühe und deuten Meyers Vorgehen als Misstrauensvotum. Klar ist aber, dass der Reformbedarf bei einigen Divisionen der SBB hoch ist. (Berner Zeitung)
Erstellt: 18.12.2008, 09:54 Uhr
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9 Kommentare
Das SBB-Personal erbringt eine grossartige Leistung auf Strukturen des letzten und vorletzten Jahrhunderts. Lange hat die Politik gesündigt und zu wenig Mittel für die Infrastruktur bereit gestellt. Nun ergeben sich eben auch Probleme, wäre bei einem privaten Unternehmen mit der gleichen Ausgangslage nicht anders. Nun braucht es Wandel und Vertrauen und nicht Problemeerzeuger von innen. Antworten
Ich habe keine Zweifel, dass das Aufmischen seine Berechtigung hat. Nur langsam aber sicher ist Herr Meyer auch verpflichtet, öffentlichkeitswirksame Resultate seiner Führung vorweisen können. Wenn dies nicht gelingt, muss sein Stil nach gewisser Zeit in Frage gestellt werden. Aufmischen sollte die Position des Unternehmens verstärken und nicht die Stellung des CEO. Antworten
Oh weh! Da braut sich etwas zusammen bei den SBB. Dieser "Führungsstil" kommt bekannt vor: dynamisch und zentralistisch könnte auch heissen: egomanisch und selbstbezogen. Wenn Firmen anfangen über Kommunikation zu reden, egal ob intern oder extern, ist es oft Oberflächenpolitur. Meyer hat unter H Mehdorn (DB) gearbeitet. Wenn er auch nur ein wenig von dessen Stil hat, steht es schlecht um die SBB. Antworten
Anstatt das Management aufzumischen, sollte er managen. Das hiesse, endlich die unsäglichen neuen Billetautomaten verschrotten und die alten wieder hinstellen. Das wäre kundenfreundlich. Auch müsste er dringen den Komfort in den Zügen verbessern. Aber für die SBB ist der ideale Kunde ja ein Beinamputierter. Auch ohne Arme, denn so kann man die Armstützen sparen. Also Herr Meyer. Antworten




Michael J. Fuchs
Der Fisch stinkt vom Kopf her. Ob Herr Meyers Führungsstil Segen für die SBB bringt, wird sich in einiger Zeit weisen; stinkts bald auch weiter unten, sollte man Meyer bald gehen lassen. Ich erwarte das eigentlich, denn militärischer Führungsstil ohne Vertrauen in die Mitarbeitenden ist kontraproduktiv, das haben wissenschaftliche Studien längstens bewiesen, nur die Manager brauchen etwas länger. Antworten