Wirtschaft

«Mich trifft keine Schuld»

Erstmals steht ein deutscher Banker in Zusammenhang mit der Finanzkrise vor Gericht: Ex-IKB-Chef Stefan Ortseifen werden Börsenpreismanipulation sowie Untreue in vier Fällen vorgeworfen.

Es ist der erste deutsche Prozess zur Finanzkrise: Stefan Ortseifen führte die IKB an den Rande der Pleite.

Es ist der erste deutsche Prozess zur Finanzkrise: Stefan Ortseifen führte die IKB an den Rande der Pleite.
Bild: Keystone

«In rechtlichem Sinne trifft mich keine Schuld»: Ex-IKB-Chef Stefan Ortseifen.

«In rechtlichem Sinne trifft mich keine Schuld»: Ex-IKB-Chef Stefan Ortseifen. (Bild: Keystone)

Stichworte

Hoch konzentriert, aber mit monotoner Stimme trägt Ex-IKB-Chef Stefan Ortseifen seine Stellungnahme vor. Stunde um Stunde führt er vor dem Düsseldorfer Landgericht aus, wie das hoch komplizierte Geschäft mit Risikopapieren funktioniert und vermittelt als Botschaft vor allem eines: Schuld an dem Milliarden-Debakel bei der IKB habe er nicht. Einen derartigen Totalausfall der Märkte als Folge der US-Immobilienkrise habe niemand vorhersehen können. Der 59-Jährige muss sich als erster Bankmanager in Deutschland in Zusammenhang mit der Finanzkrise vor Gericht verantworten.

Mit dem Beinahe-Zusammenbruch der einst soliden Düsseldorfer Mittelstandsbank erreichte die US-Immobilienkrise im Juli 2007 erstmals auch ein deutsches Kreditinstitut. Die Staatsanwaltschaft wirft Ortseifen Börsenmanipulation und Untreue in vier Fällen vor.

Angeklagt ist Ortseifen allerdings nicht wegen der Milliardenverluste, die die IKB aufgrund ihres riskanten Engagements im Geschäft mit zahlungsschwachen US-Hypothekenschuldnern verbuchen musste. Ihre ursprünglich erhobenen Untreue-Vorwürfe in Zusammenhang mit den dramatischen Wertpapierverlusten konnte die Staatsanwaltschaft nicht aufrechterhalten. «Ein risikofreudiges Verhalten allein ist nicht strafbar», sagte Staatsanwalt Nils Bussee am Rande des Prozesses.

Anleger zum Kauf von Aktien verführt

Statt dessen steht nun eine Pressemitteilung im Mittelpunkt, in der Ortseifen kurz vor dem Kollaps der IKB die Lage bewusst zu positiv dargestellt und Anleger damit zum vermehrten Aktienkauf verleitet haben soll. Die Pressemitteilung sei einer unangebrachten vollständigen Entwarnung gleichgekommen, sagte Bussee bei der Anklageverlesung. Ortseifen habe die Risiko-Lage der Bank bewusst verschleiert, um den Markt zu beruhigen.

Eine Woche später stand die IKB vor dem Aus und konnte letztlich nur durch ein zehn Milliarden schweres Rettungspaket ihrer damaligen Hauptaktionärin, der Staatsbank KfW, des Bundes und privater Banken vor der Insolvenz gerettet werden.

Ortseifen erklärte, er bedauere die Entwicklung bei der IKB zutiefst. Immer wieder habe er sich gefragt, ob er für das Schicksal der Bank und deren Anleger mitverantwortlich sei. Doch er sei zu der Erkenntnis gekommen, dass «mich in rechtlichem Sinne keine Schuld trifft». Das Verbriefungsgschäft, bei dem Kredite oder deren Risiken am Kapitalmarkt verkauft werden, sei in der gesamten Finanzwelt üblich gewesen. Ausfallrisiken tendierten mit dem damaligen Wissen und in allen Modellrechnungen gegen Null.

Zum Zeitpunkt der Herausgabe der Pressemitteilung habe der Verbriefungsmarkt zudem noch funktioniert. Er habe damals korrekt informiert, betonte der Bankmanager. Ausgelöst worden sei die Krise bei der IKB erst dadurch, dass die Deutsche Bank der IKB die Kreditlinien gesperrt habe. Daraufhin sei es zu einem enormen Vertrauensverlust an den Märkten gekommen.

Ortseifen beteuert Unschuld

Von Schuld will Ortseifen, der Ende Juli 2007 seinen Hut nahm, aber auch bei dem zweiten Anklagekomplex nichts wissen. Auf IKB-Kosten soll Ortseifen in den Jahren 2004 bis 2007 laut Staatsanwaltschaft in vier Fällen «Luxussanierungen» am von ihm bewohnten Vorstandshaus der Bank vorgenommen haben. Dazu zählen laut Bussee etwa die Erweiterung des Wintergartens oder der Einbau eines Granitfussboden für 39.000 Euro in der Küche. Sein Verteidiger Rainer Hamm kündigte an, auch hier werde Ortseifen erklären, warum ihm keine Untreue vorzuwerfen sei. Insgesamt sollte die Einlassung des Angeklagten zwei bis drei Verhandlungstage in Anspruch nehmen.

Mit einem Urteil muss Ortseifen, dem im Höchstfall eine Haftstrafe bis zu fünf Jahren droht, nicht vor Ende Mai rechnen.

Die IKB selbst, die im August 2008 vom Finanzinvestor Lone Star für gut 100 Millionen Euro übernommen wurde, kämpft sich derweil nur mühsam in ruhigeres Fahrwasser zurück. Zwei Mal musste der Bankenrettungsfonds SoFFin dem Institut seit dem Eigentümerwechsel unter die Arme greifen - inzwischen beläuft sich der staatliche Garantierahmen auf zehn Milliarden Euro. (bru/ddp/Daniela Pegna)

Erstellt: 16.03.2010, 21:04 Uhr

Wirtschaft

Populär auf Facebook Privatsphäre

Umfrage

Gesetzt den Fall, Geld spielt für Sie eine untergeordnete Rolle. Würden Sie in Andermatt eine Ferienwohnung kaufen?