Milliarden investiert und trotzdem verloren

Die Axpo steckt tief in den roten Zahlen. Ihr Zustand ist symptomatisch für die Branche – und könnte noch schlimmer werden. Dabei spielt auch Beznau eine Rolle.

Eine Turbine im neuen 2,1 Milliarden Franken teuren Axpo-Pumpspeicherwerk Linth-Limmern. Foto: Science Photo Library (Keystone)

Eine Turbine im neuen 2,1 Milliarden Franken teuren Axpo-Pumpspeicherwerk Linth-Limmern. Foto: Science Photo Library (Keystone)

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Die Freude bei den Axpo-Ingenieuren in den Glarner Alpen ist riesig: Zum ersten Mal schliessen sie eine Maschinengruppe des Pumpspeicherwerks Linth-Limmern ans Stromnetz an und zeigen damit, dass das 2,1 Milliarden teure Jahrhundert-Bauprojekt auf der Zielgeraden ist. Der Test glückt, die Wasserturbine beginnt zu rotieren – und das alles wird per Livestream direkt nach Zürich übertragen, an die Pressekonferenz zum letzten Geschäftsjahr der Axpo.

Dort wechselt die Stimmung aber kurze Zeit später. Und zwar dann, als Axpo-Chef Andrew Walo gefragt wird, ob er denn die Investitionen ins Projekt Linthal heute nochmals tätigen würde. Die Antwort: Nein, würde er nicht. Der Grund: Seit dem Projektstart 2005 sind die Strompreise derart in den Keller gerasselt, dass die Axpo mit dem Kraftwerk wohl noch jahre-, wenn nicht jahrzehntelang kein Geld verdienen wird. Trotzdem sehe man im Projekt langfristig viel Potenzial, betont Walo: Die dezentrale Energieerzeugung werde zunehmen, und dafür brauche es hochflexible Kraftwerke wie eben Linth-Limmern, die Strom zwischenspeichern und bei Bedarf abgeben können. Allerdings: An den schlechten Geschäftszahlen vom letzten Jahr wird das nichts mehr ändern. Abschreiber in der Höhe von 1,2 Milliarden Franken, ein Betriebsverlust von mehr als 900 Millionen – der starke Franken und die tiefen Strompreise haben der Axpo arg zugesetzt.

Investitionen ins Ungewisse

Dieser Gegensatz – die Freude im Glarnerland auf der einen, die Ernüchterung in Zürich auf der anderen Seite – ist symptomatisch für den Zustand der Strombranche. In den letzten Jahren wurden zwar noch Investitionen in Millionen- und Milliardenhöhe getätigt. Doch ob diese sich in Zukunft wirklich rechnen, weiss niemand. Seit 2009 ist der Strompreis um über 60 Prozent eingebrochen. Die Axpo rechnet damit, dass er noch jahrelang stagniert. Sogar einen weiteren Rückgang schliesst sie nicht aus. Das lässt die Margen der Energiekonzerne schrumpfen und macht Abschreiber auf den Buchwerten der bestehenden Anlagen nötig. Aus diesem Grund leidet auch der Westschweizer Stromkonzern Alpiq unter sinkenden Umsätzen. Seit 2010 schrieb er dreimal rote Zahlen.

Kritiker werfen der Strombranche zudem vor, zu spät auf die Energiewende reagiert zu haben. Die Axpo hat letztes Jahr den Anteil der erneuerbaren Energien am gesamten Strommix zwar von 1,2 auf 10  Prozent erhöht. Doch zu 60  Prozent setzt der Konzern eben immer noch auf Atomstrom – laut Umweltorganisationen zu viel.

Kantone gehen leer aus

Es ist denn auch der Atomstrom, welcher der Axpo derzeit besonders zu schaffen macht. Nachdem der Konzern in den letzten Jahren bereits 700 Millionen Franken in die Nachrüstung des Atomkraftwerks Beznau investiert hat, kommt nun noch ein Fehlbetrag von 200 Millionen Franken dazu – so viel kostet die Axpo das zwangsweise verordnete Herunterfahren der beiden Reaktoren. Block 2 wurde im August ab-geschaltet und soll an Weihnachten wieder angefahren werden. Block 1 steht seit dem letzten März wegen Unregelmässigkeiten im Druckbehälter still.

Laut Axpo-Chef Walo soll auch Block 1 im Sommer 2016 wieder ans Netz gehen. Deswegen rechnet er nicht damit, dass noch mehr ungeplante Kosten auf seinen Konzern zukommen. Ganz anderer Meinung ist allerdings die Umweltorganisation Greenpeace. Beznau drohe zum Sargnagel für die Axpo zu werden, schreibt sie in einem kürzlich erschienenen Bericht. Eine Finanzanalyse der Axpo-Gruppe durch ein Beratungsbüro habe gezeigt, dass die Reaktoren ein Verlustgeschäft seien. Denn die aktuellen Strompreise könnten neben den geschätzten variablen Kosten nur einen Teil der Fixkosten abdecken. Sollten unvorhergesehene Kosten hinzukommen – zum Beispiel, weil der Reaktor 1 ganz ausser Betrieb gesetzt werden muss –, würde das an der Substanz der Axpo zehren. Da die Axpo zu 100 Prozent den Nordostschweizer Kantonen gehöre, müssten diese im Notfall einspringen. «Bei einer allfälligen Rekapitalisierung wären die Kantone stark gefordert», schreibt Greenpeace.

Die Axpo würde heute nicht mehr 2,1 Milliarden Franken in das Glarner Pumpspeicherwerk Linth-Limmern stecken.

Laut der Axpo wird es so weit nicht kommen. Man habe das Szenario einer Stilllegung von Reaktor 1 wirtschaftlich durchgerechnet, sagt Andrew Walo. Das Resultat: «Die Axpo würde eine Stilllegung verkraften. Wir sind sehr solide aufgestellt.» Walo verweist auf das Eigenkapital, das noch immer rund 6 Milliarden Franken betrage. Der Greenpeace-Studie misst er deshalb nicht zu viel Bedeutung bei: «Nach unseren Berechnungen können wir mit den Blöcken in Beznau einen Deckungsbeitrag erwirtschaften. Deshalb sind sie auch wirtschaftlich betreibbar.»

Egal wessen Berechnungen zutreffen: Die Leidtragenden sind auf jeden Fall am Schluss die Kantone. Denn jeden Franken, den die Axpo verliert, verlieren eigentlich sie. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.12.2015, 20:55 Uhr

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