Mit dem Brecheisen gegen die Datenschutzmauern von Apple

Die US-Bundespolizei und Hightech-Firmen lassen den Kampf um die Privatsphäre der Bürger eskalieren. Apple stemmt sich gegen eine Gerichtsanweisung, das iPhone zu entschlüsseln.

Wie weit muss Apple der Bundespolizei entgegenkommen? Foto: Aly Song (Reuters)

Wie weit muss Apple der Bundespolizei entgegenkommen? Foto: Aly Song (Reuters)

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Das Gerichtsverfahren gegen Apple ist der grosse Showdown, den die Bundespolizei lang gesucht hat. Seit Jahren klagt das FBI, dass Ermittlungen ­gegen Kriminelle durch die zunehmende Verschlüsselung der Smartphones behindert würden. Nicht nur Apple, sondern auch Google, Facebook und ­Microsoft sind damit die Adressaten der Gerichtsverfügung. Und weil beide Seiten ein Grundsatzurteil suchen, wird der Fall abschliessend wohl erst vom höchsten Gericht des Landes entschieden.

Zu klären ist eine ebenso einfache wie heikle Frage: Wo liegt die Grenze zwischen dem Schutz der Privatsphäre der Bürger und dem Auftrag der Justiz, diese Bürger vor Kriminellen zu schützen? Präsident Obama hält sich aus der Debatte heraus. Er lehnte die von FBI und Apple geforderte Stellungnahme ab und schob den Fall an die Gerichte und den Kongress weiter.

Das FBI versuchte bereits seit 2010, die Hightech-Firmen in die eigenen Dienste zu stellen. Dazu existiert seit der Regierung Clinton ein Vorbild: Damals wurden die Telecom-Konzerne gezwungen, den Ermittlungsbehörden die Anruflisten herauszurücken und gestützt auf Gerichtsentscheide auch weitergehende Kundendaten offenzulegen. Im aktuellen Fall geht es um zwei islamistische Terroristen; also um ein Verbrechen, das politisch aufgeheizt ist und der Polizei eigentlich viel Sympathie eintragen sollte. FBI-Direktor James Comey hatte lang auf eine solch günstige Ge­legen­heit gewartet, um das Brecheisen gegen die Datenschutzmauern der Hightech-Industrie ansetzen zu können.

Das iPhone des Attentäters

Die Bundespolizei will mittels einer Gerichts­verfügung das iPhone 5c des Terroristen von San Bernardino knacken, der Ende letzten Jahres zu­sammen mit seiner Frau 14 Unschuldige ­getötet und 22 verletzt hatte, bevor die beiden auf der Flucht erschossen wurden. Das FBI vermutet, der Attentäter könnte weiterführende Informationen zum islamistischen Terrornetzwerk gespeichert haben.

Doch muss dafür das vierstellige Passwort eingegeben werden, das der Polizei nicht bekannt ist. Apple erlaubt genau zehn Versuche mit dem Passwort; beim elften Fehlschlag löscht das iPhone sämtliche gespeicherten Daten. Dieses Risiko will die Bundespolizei nicht eingehen, weshalb sie Apple auffordert, eine Software zu schreiben, damit sie unbeschränkt Versuche mit Pass­wörtern unternehmen kann.

Der Attentäter Syed Farook hatte das Back-up zur iCloud am 19. Oktober letzten Jahres ausgeschaltet, 44 Tage vor der Bluttat. Alle zuvor gespeicherten Daten hat das FBI bereits erhalten; und zwar von Apple selbst und von der Telecom-Gesellschaft Verizon. Dies zeigt, dass die Ermittler auf sämtliche Mails, SMS-­Botschaften, Netzwerkdaten, Kontakte, Fotos, Videos etc. zugreifen können, wenn sie dies zur Klärung eines Gewaltdelikts brauchen. Der Fall San Bernardino indessen geht weiter. Das Attentat ist geklärt, die Täter sind tot, ein Prozess ist nicht nötig. Was das FBI nun anstrebt, ist ein Fischzug auf Personen­daten ohne konkrete Anhaltspunkte.

Das gefährliche Exempel

Und exakt diese weit offene Attacke auf den Persönlichkeitsschutz sehen Menschenrechtsgruppen als das Kern­problem. «Apple verdient Lob dafür, die Rechte seiner Kunden zu verteidigen», meint die American Civil Liberties Union. Dagegen warfen vor allem republikanische Politiker dem Konzern vor, den Schutz eines toten Terroristen über die Sicherheit der Bürger zu stellen.

Apple argumentiert damit, eine spezifische Software zur Entschlüsselung sei technisch nicht machbar, doch sehen Software-Experten kein un­über­wind­bares Hindernis. Apple könnte dem FBI den Zugriff auf das iPhone des Atten­täters durchaus ermöglichen, ohne die gesamte Software zu gefährden oder alle iPhones unsicher zu machen. Zum Beispiel könnten die Kunden in Zukunft gefragt werden, on sie die neue Ent­schlüsselungs­software akzeptieren oder nicht, womit Apple die Schutzinteressen gewahrt hätte. Doch würde damit ein gefährliches Exempel statuiert, sagt Cook: «Es wäre das Beste für alle, einen Schritt zurückzutreten und sich der Folgen der Entschlüsselung bewusst zu werden.»

Apple, Google, Facebook und Microsoft haben das gleiche Problem. Sie alle müssen mit Missbräuchen rechnen, wenn eine neue Software das Umgehen der Verschlüsselung erlaubte. Sie könnte in die Hände von kriminellen ­Hackern und diktatorischen Regierungen fallen. Apple ist in einer besonders heiklen Lage, hat Tim Cook doch mit China Mobile einen exklusiven Ab­nahme­vertrag unterzeichnet, der für das Wachstum von Apple entscheidend ist.

Sollte die chinesische Regierung im Fahrwasser des FBI den Durchgriff auf Nutzerdaten erzwingen, wären sowohl das Geschäft wie das Ansehen von Apple dahin.

Zunehmende Entfremdung

Die Silicon-Valley-Firmen und die US-Regierung haben sich zunehmend entfremdet. Nachdem Apple, Google, Facebook und andere zunächst wie die Telecom-Riesen unlimitiert Nutzerdaten geliefert hatten, führten die Enthüllungen durch Ed Snowden zu einem Um­denken. Die Firmen realisierten, dass sie mit ­ihren Handlangerdiensten ihre Glaubwürdigkeit verloren.

Für sie geht es heute mehr denn je darum, sich von Washington zu distanzieren. Tim Cook traf zu diesem Zweck auch Präsident Obama, ohne ihn überreden zu können, sich öffentlich zur Daten­sicher­heit zu bekennen.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 18.02.2016, 23:44 Uhr)

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