Mit der Weblounge gegen die Krise

Der Schweizer Bekleidungsmarkt schrumpft seit Jahren. Der Frankenschock verschärft den Konkurrenzkampf. Neue Onlineangebote sollen die Kunden zurück in die Geschäfte holen.

Interaktive Grafik: Wie Firmen auf den Frankenschock reagieren.


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«Ausverkauf – letzte Tage» steht auf Schaufenstern in den Innenstädten. Das grosse Reinemachen in den Modegeschäften ist für diese Saison bald zu Ende. Jetzt putzen die Modeanbieter ihre Geschäfte für die Frühlings- und Sommermode heraus. Sie hoffen auf schönes Wetter. Hinter den Kulissen ist die Stimmung nach dem Frankenschock von Mitte Januar aber bereits getrübt. «Die Margen und Umsätze der Detailhändler werden dieses Jahr sinken», sagt Sigi Uetz, Präsident von Swiss Fashion Stores, dem Verband von kleinen Textilhändlern. Viele von ihnen stecken derzeit in Preisverhandlungen mit Lieferanten aus dem Euroland. «Die Schweizer Händler müssen nun dafür sorgen, dass sie von den Lieferanten und Importeuren die gleichen Euro-Einstandspreise erhalten wie ein Konkurrent im grenznahen Deutschland», sagt Uetz. Denn die Konsumenten sollen in der Schweiz zu nahezu gleichen Preis einkaufen können wie jenseits der Grenzen. Tragbar sei ein Preisunterschied von 10 bis 15 Prozent.

Nach der Aufhebung des Mindestkurses ist die Preisdifferenz teilweise auf 40 bis 45 Prozent gestiegen. Ware, die im Dezember zum alten Eurokurs reinkam, ist jetzt viel teurer als im Ausland. «Dank dem Sonderverkauf mit 30 bis 50 Prozent Rabatt gleicht sich das wieder aus», erklärt Schild-Chef Thomas Herbert. Schild spüre deshalb derzeit keine Verlagerung der Einkäufe ins Ausland. Für Schild verspricht Herbert: «Jetzt kommen die grossen Preisanpassungen von zehn Prozent und mehr.» Wöchentlich würden Kleider zum neuen, tieferen Kurs geliefert, die entsprechend günstiger in den Verkauf kämen. Im Schnitt rechnet Herbert mit einer Preisreduktion von um die 7 Prozent auf das Sortiment. Das wiederum wird laut dem Schild-Chef die Umsätze der hiesigen Branche dieses Jahr um vier bis fünf Prozent drücken. Beim letzten Frankenschock 2011 betrug das Minus 3,9 Prozent. Der Fashionmarkt in der Schweiz kommt damit aus dem Negativtrend nicht heraus.

Im negativen Sog

In den letzten sieben Jahren sind die Umsätze bis auf das Jahr 2010 stetig gesunken. Ein wichtiger Grund dafür ist der Wechselkurs, zwei Drittel der Kleider, die in der Schweiz verkauft werden, stammen aus dem Euroraum. Daneben verschärft die wachsende (Billig-)Konkurrenz aus dem Ausland und dem Internet den Druck auf hiesigen Händler. Auch neue Modetrends können Umsätze schrumpfen lassen. Weil bei den Männern casual auch im Businessalltag Einzug hält, geben diese weniger aus.

In diesem Verdrängungsmarkt können Grösse oder Nische das Überleben sichern. Mittlere hiesige Anbieter wie PKZ und Schild verfolgen deshalb schon den Ansatz, die stationären Geschäfte mit dem Onlinekanal zu vernetzen.

Schild hat jetzt begonnen, das Internet in die Geschäfte zu holen. In fünf Filialen, zum Beispiel im Zürcher Glattzentrum, steht eine sogenannte Web­lounge. Die zwei Sessel mit der Nescafé-Maschine in der Mitte sind mit Tablets ausgestattet. Kunden erhalten gratis Kaffee, sie können Computerspiele machen, Newsseiten aufrufen und online shoppen. Bisher ist das Angebot noch bescheiden, neben dem Einkauf im Schild Webshop kann man auf Oswald.ch Gewürze ordern. «Wir sind daran, die Anzahl Partnershops zu erhöhen», sagt Herbert. Auch gegenseitige Aktionen sind geplant. Mit den Partnershops und Websites kann Schild neue Kunden akquirieren. Das ist aber nur ein Teil der Idee.

Der Schild-Webshop spielt ebenfalls eine wichtige Rolle. Er dient quasi als Ausstellflächen-Ersatz. «Mit dem Konzept können wir in den Läden Ware verkaufen, die physisch nicht vor Ort ist», so Herbert. Will der Kunde das blaue Shirt aus dem Laden lieber in Gelb, kann er sich dieses vom Geschäfts aus via Internet heimliefern lassen.

Die Weblounges werden seit Sommer 2014 in fünf Filialen getestet. Seither hätten über 20'000 Kunden die Lounges genutzt. Ab Herbst sollen sie in allen Filialen installiert werden. Herbert erhofft sich davon «substanziell tiefere Kosten». Denn mit dem Konzept kann Schild auf einen Grossteil des teuren Warenlagers verzichten. Bereits ist in Diskussion, die Lounge auch bei Schild-Mutter Globus zu testen. Eines der 30 Modehäuser schliessen wolle man deswegen nicht, beteuert Herbert. «Aber tendenziell Fläche reduzieren», sagt er. So kann sich der Schild-Chef etwa vorstellen, eine Filiale mit Vollsortiment auf nur 400 m2 zu testen. Was auf der Fläche keinen Platz findet, findet der Konsument eben im Webshop. «Die Digitalisierung ist für den Textilhandel eine grosse Chance», ist Herbert überzeugt, «wir haben ein Produkt, dass die Kunden auf dem Körper spüren wollen.» Die Läden brauche es deshalb immer.

Vorwärtskommen will Schild künftig vor allem online. Der Onlineumsatz soll dieses Jahr auf 4 bis 5 Millionen Franken verdoppelt werden. Zum Vergleich: Der Gesamtumsatz beträgt knapp 170 Millionen Franken.

Der Weg ist noch weit – auch was die Profitabilität betrifft: Damit ein Onlineshop wie jener von Schild rentiert, sind rund 10 Millionen Franken Umsatz nötig.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.02.2015, 22:58 Uhr

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Wie die Firmen reagieren

Die Aufwertung des Frankens hat zahlreiche Unternehmen dazu veranlasst, Massnahmen wie Lohnkürzungen, Arbeitszeitverlänge­rungen, Kurzarbeit, Stellenabbau oder Ver­lagerungen zu ergreifen. Der TA sammelt solche Beispiele und stellt sie auf einer interaktiven Karte im Internet dar. Wer von einer Massnahme erfahren hat oder selber betroffen ist, kann sich per E-Mail bei wirtschaft@tages-anzeiger.ch melden. Betreff: «Frankenschock». (TA)

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